Space Age 2
Petition gegen Abriss in Berlin
In der vergangenen Woche berichteten wir über die Pläne der evangelischen Heimwerk Siedlung GmbH (HWS), einen architektonisch bedeutenden Bau abzureißen: Das ehemalige Konsistorium, errichtet 1968-71 von Georg Heinrichs und Hans Christian Müller am Berliner Hansaviertel, soll einer Blockrandbebauung mit Wohnungen weichen (siehe BauNetz-Meldung vom 18. Juli 2011).
Zwar sind die ursprünglichen Pläne durch einen politischen Beschluss der Bezirksverordnetenversammlung von Mitte in der vorgesehenen Höhe und Dichte nicht umsetzbar, das Projekt steckt somit in der Krise und bedarf einer grundlegenden Überarbeitung. Nun scheint es aber, als wolle die HWS sich nicht die Zeit nehmen, um eventuell auch über den möglichen Erhalt des Gebäudes noch einmal neu nachzudenken, vielmehr möchte man offenbar nach der kritischen Berichterstattung den Abriss nun sogar vorziehen.
Die evangelische Landeskirche als Eigentümer ihrer Immobilientochter HWS hatte zunächst nur die Pläne begrüßt, hier Wohnungen zu errichten, „die eine breite Bevölkerungsschicht ansprechen. Diese Zielsetzung ist, gerade in Zeiten des Wohnungsmangels in Berlin, aus kirchlicher Sicht ausdrücklich zu begrüßen“ (21. Juli 2011). Auf die Bedeutung des Originalgebäudes war sie zunächst nicht weiter eingegangen.
Am 26. Juli 2011 verneinte die Landeskirche eine Einflussmöglichkeit und Zuständigkeit noch einmal deutlicher: „Bitte nehmen Sie wahr, dass die Hilfswerksiedlung (HWS) eine GmbH und eine eigene juristische Person ist (...) Einzelne Gesellschafter haben hier nicht einzugreifen oder gar die Möglichkeit, Weisungen zu erteilen. Das Objekt ist nicht unter Denkmalschutz gestellt. Da das Gebäude seit über zehn Jahren leer steht, wird deutlich, dass die Möglichkeit einer wirtschaftlichen Nutzung nicht gegeben ist. (...) Ihrer Diskussion auf der Internetseite ist zudem deutlich zu entnehmen, das die Hälfte der Fachleute für einen Erhalt, und in etwa die andere Hälfte für einen Abriss sind. Ihre eigene in Gang gesetzte Debatte zeigt, dass es keine einheitliche Meinung unter Fachleuten zu diesem Thema gibt.“
Politik und HWS haben sich mittlerweile darauf geeinigt, dass im Herbst ein Gutachterverfahren stattfinden soll, in dem neue Pläne für das Grundstück gesucht werden. Abrissgegner befürchten nun, dass die HWS noch vor dem Verfahren durch einen Abriss Fakten schaffen will. Deswegen hat die Organisation „Architekten für Architekten“ eine Online-Petition eingerichtet, die sich für ein Abrissmoratorium ausspricht, damit im Gutachterverfahren auch die Möglichkeiten eines Erhalts des bestehenden Gebäudes erwogen werden können. (-tze)
Petition: www.architektenfuerarchitekten.de
Wer dieses Gebäude aufmerksam streift und sich auch mal die Zeit nimmt es zu umrunden, würde vermutlich ein milderes Urteil fällen. Lichtspiel, Perspektiven, Verortung auf Grundstück, Raumwirkung im Kontext Hansaviertel... viele Aspekte die für gute Architektur sprechen. Wie in einigen Kommentaren im Vorfeld schon aufblitzte, bin ich auch der Meinung, dass das heutige Berlin solche gebauten Fantasien nicht mehr zustande bekommt (oder bekommen will).Berlin ist vielerorts bauliche Ödnis statt bauliche Wagnis. Mein Plädoyer: Erhalten wenn keine Besserung in Sicht. Randnotiz: Es gibt im Netz ein Bild auf dem das Ahornblatt (U.Müther) tranzparent über dem nun an seiner Stelle stehenden Investorenklotz mit mangelndem Puplikumsverkehr steht... Und jetzt komme bitte keiner und erzähle was von ewig Gestriger... Es ist einfach nur so, dass sich diese Stadt seit mehr als zwei Jahrzehnten beschränkt und wenn diese beschränkte Sicht auch noch zu Abrissen von Leuchttürmen aus einer Zeit führt, an denen der Geist weniger umnebelt war - PROTEST!
(So wie Sie sich anhören sind Sie vermutlich für den "Wiederaufbau" der Schlossfassaden? Was glauben Sie: Hätte man den vielen Architekten und Kunsthistorikern in der DDR damals Gehör geschenkt, die sich öffentlich gegen den Abbruch gewandt haben, wir müssten heute keine Fälschung nachbauen. Der Erhaltungswert eines Gebäudes bemisst sich auch nicht nach dem, was Sie oder ich (oder die meisten) jetzt im Moment schön oder hässlich finden. Da wird in anderen Kategorien gedacht....) Außerdem haben es die Eigentümer verrotten lassen. Wir leben immerhin noch in einem Rechtsstaat, in dem man denen als im Grunde erstmal Unbeteiligter (leider) auch nicht vorschreiben kann, was sie mit dem Gebäude anstellen dürfen, solange sie sich im gesetzlichen Rahmen bewegen. Bis zum Zeitpunkt der Antragstellung für den Abbruch war ja auch eher nicht bekannt, was der Eigentümer wirklich vorhat. Meist erfährt man davon ohnehin erst, wenn es durch die Presse geht. Würde man nun nach 10 Jahren Leerstand sanieren, wäre schließlich alles gut. Das Sie jetzt hier eine Neiddebatte unterstellen ist ehrlich gesagt ziemlich absurd und verrät, dass Sie recht wenig von der Arbeit der Architekten wissen. Ich kann zwar nur für mich sprechen, aber ich denke, es geht vielen Kollegen nicht anders: Einen Planungsauftrag, der den Abbruch dieses Gebäudes zwingend vorschreibt, hätte ich wohl abgelehnt bzw. vorher alles getan, um die Bauherren umzustimmen. P.S. Warum soll es spannender sein, zu erfahren, was dort geplant ist? Papier ist geduldig..und in diesem Falle wäre mir der Aluminium-Spatz in der Hand lieber als die WDVS-Taube auf dem Dach...
Was soll denn dort gebaut werden? Warum interessiert sich niemand dafür das da ein Investor Geld rein steckt und was draus macht? Das ist doch die viel spannendere Frage. Diejenigen die es erhalten möchten haben sich 10 Jahre lang nicht drum gekümmert. Und kaufen und sanieren wollte es auch keiner. Diejenigen möchte ich mal sehen die hier von Facebook Party reden. Die sollen mal ein paar Millionen Euro auftreiben um das Gebäude zu erhalten. Den Mumm haben die nämlich nicht. Ich vermute mal das die Architekten die hier so begierig dabei sind die Petition zu unterschreiben nur neidisch sind das sie den Auftrag nicht bekommen haben. Hätten sie´s nämlich, würden sie platzen vor Stolz und sich nicht dieser Diskussion hier widmen.
Der Artikel im Baunetzt hat im Internet ernstere Formen des Protestes gegen den Abriss hervorgebracht. Nach intensiver Recherche haben wir erfahren, dass die HWS nun den Abriss beschleunigen will. Bereits im August soll der Abrissbagger seine Arbeit aufnehmen. Die vielen sicher gutgemeinten Kommentare in diesem und anderen mittlerweile im Netz existierenden Foren werden bei der Rettung dieses einzigartigen Kultur- und Architekturdenkmals wohl leider kaum etwas in dieser kurzen Zeit bewirken. Wenn wir als Architeken und Architekturkenner unserem Protest nicht sofort andere Dimensionen verleihen, werden wir uns bereits in diesem Herbst nur über Fotographien dieses einmaligen Gebäudes erinnern können. Die Evangelische Kirche (Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausit) ist über ihre Tochter HWS zu 100 % Eigentümerin des Gebäudes. Die einizige Chance jetzt noch etwas zu erreichen, ist die Evangelische Kirche als Eigentümer auf der emotionalen Ebene zu packen. -schreibt an den Bischof der EKD, -schreibt an den Berliner Bischof, -sprecht die Pfarrer Eurer Gemeinden an -schreibt an die Geschäftsführung der HWS -droht mit Kirchenaustritt -macht der Kirche klar, dass es ihr nicht ansteht, sich allein um den Mammon zu sorgen und maximal mögliches Gewinnstreben zu propagieren. Es kann nicht sein, dass die Kirche (HWS) über ihren Projektleiter Herrn Kohlrausch, öffentlich verkünden läßt, dass es alles eine Frage des Geldes sei. In welchem Zeitalter des Werteverlustes zeigt sich die Kirche als eigentlicher Träger und Vertreter ganz anderer Werte als der schnöden Mammons mit solchen Aüßerungen??