Beton als Handarbeit
Peter Zumthor in Chivelstone
Handgearbeitete Betonwände, liest sich das nicht als Widerspruch? Der Stoff des industrialisierten Bauens – und eine altertümliche, aufs Einzelne bezogene Fertigungsweise? Peter Zumthor (Haldenstein) mit seiner erdverbundenen und besonnenen Architektur sieht diesen Widerspruch nicht. Vielmehr lässt er die alte Verfahrensart des Stampfbetons wieder aufleben, wie schon bei der Bruder Klaus Kapelle in der Nähe von Köln. In horizontalen Schichten legt der Schweizer mit dem Material einen flachen Bau in die grüne Hügellandschaft der Grafschaft Devon. Das Secular Retreat ist eines von sieben Ferienhäusern, die der Unternehmer und Bestsellerautor Alain de Botton mit seinem Projekt „Living Architecture” realisiert hat. Jedes von ihnen ist ein spektakuläres Kleinod inmitten britischer Landschaften, wie etwa die knallbunt-queere-Bonbon-Variante von FAT Architecture und Grayson Perry in Essex.
Stampfbeton ist zeitintensiv. Zehn Jahre hat Peter Zumthor an dem Projekt gearbeitet. Die schweren Mauern treffen auf die Leichtigkeit der unregelmäßig angeordneten Fenster, die hauptsächlich im raumhohen Großformat, aber auch hier und da als kleines Karree in den geschichteten Beton gesetzt sind. Der zentrale Wohnraum erscheint außen wie ein Pavillon. Nur einzelne der geschichteten Pfeiler umreißen diesen asymmetrischen Kern des Hauses, ansonsten öffnet er sich mit großen, dreifach verglasten Flächen zur Umgebung. An dieser Stelle des Baus ragt die Dachplatte weit über die gläsernen Außenwände hinaus, während sich ihr heller, feinkörniger Ortbeton an anderer Stelle nahtlos auf die sedimentartige Gebäudehülle legt.
Vom Wohnzimmer aus gehen zwei Gebäudetrakte mit Schlafzimmern und Badezimmern ab. Insgesamt zehn Personen können sich hier jeweils für eine Woche einmieten, nicht länger, so die Regel des Anbieters „Living Architecture“. Während dieser Zeit logieren sie jedoch in einem Interieur, in dem Zumthor seine Arbeit am Material an exakt eingefügten Einbauschränken aus Apfel- und Kirschbaumholz, an den Nähten der Betondecke oder einem Steinboden durchexerzierte, dessen einzelne Platten wie ein Mosaik zusammengefügt sind. Der Besinnlichkeit und Abgeschiedenheit des Baus zum Trotz hat sich die Kundschaft schon mit hektischem Eifer auf das Projekt geworfen: Das Secular Retreat ist bereits bis Ende des Jahre 2019 ausgebucht. (sj)
Fotos: Jack Hobhouse / Living Architecture
Einen guten Start ins Jahr!!!
Warum hat es ein "Kleinod inmitten britischer Landschaft" nötig, dass es von landschaftsfremden amerikanischen Pinien umgeben wird?
Stampfbeton ist ein tolles Material, mit dem Zumthor schon vorher schön gearbeitet hat. Hier entsteht der Eindruck eines erdverbundenen, geschichteten Hauses - zumindest über den massiven Wänden. Warum hat man nicht bei den Dilatations/Schattenfuge über den Stützen einen Weg gesucht, das Dach ebenso zu "erden"? Dass das Dach hier plötzlich zu schweben beginnt, schwächt m.M. den Eindruck.
zweifelsohne ein interessantes Haus.
Einen Kommentar zur Bildunterschrift auf Foto 2 kann ich mir allerdings nicht verkneifen: Mauerwerk aus Stampfbeton scheint mir widersprüchlich zu sein.