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22.05.2019

Die Stadt – ein Müllhaufen

Patrik Schumacher im Interview


„Selbstauslese der Disziplin“ oder „Demokratie der Grundeigentümer” – Patrik Schumacher, Teilhaber und Richtungsweiser von Zaha Hadid Architects, glaubt an die Marktwirtschaft. Anstatt sie einzudämmen, will er ihr in der Architektur noch mehr Freiraum geben, bis hin zur Privatiserung öffentlicher Plätze. Mit seinem offenen Liberalismus eckt er an. Kürzlich war Schumacher auf Einladung des Museum Frieder Burda in der süddeutschen Kurstadt Baden-Baden. Eine gute Kulisse, um seine Ansichten über Reglementierung darzulegen und die Schönheit einer Stadt neu anzusprechen. Ein Gespräch über Marktkräfte und wie sie sich der große Anhänger von Frei Otto in der Architektur vorstellt.

Interview: Sophie Jung


Herr Schumacher, die Stadt
Baden-Baden strebt den Status des UNESCO-Weltkulturerbes an. Ein solcher Status würde auch ein ganzes Regelwerk zum Schutz des Stadtbildes mit sich ziehen. Sie haben sich mit Ihren acht Thesen zum Städtebau medienwirksam gegen jegliche staatliche Reglementierung ausgesprochen. Wie stehen Sie zu Vorschriften, wenn es um ein Kulturerbe geht?
Die Idee eines Ensemble-Schutzes kann ich nachvollziehen, zumal so ein Stadtbild wie in Baden-Baden auch einen ökonomischen Wert hat. Ich weiß nur nicht, ob der Erhalt eines Stadtbildes über Reglements am besten sichergestellt wird. Ich mache mir viel Gedanken über eine gewisse architektonische Kohärenz in einer Stadt und wie man ein Stadtbild wieder aufbauen kann, und zwar in einer Welt ohne Vorschriften. Das ist bei der heutigen Architektenschaft allerdings schwierig.

Sie misstrauen der heutigen Architektenschaft. Ist dann nicht eine Kontrolle der Architektur, zum Beispiel durch Auflagen eine Lösung?
Nein, man braucht eine ausgewählte Gruppe von guten Architekten. Wenn man anfängt, einfach Regeln zu machen, wird man womöglich nie erreichen, was man erreichen will. Ich glaube aber, dass man im Dialog mit einem solchen Gremium eine neue Kohärenz in einer Stadt aufbauen kann. Man sollte sich da auf die Selbstauslese der Disziplin verlassen und vielleicht eine Untergruppe von Architekten anbieten, die für einzelne Bauvorhaben zur Verfügung stehen. Diese Liste muss natürlich groß genug sein, dass für Kunden kein Monopol entsteht. Der Schulbau in England etwa funktioniert über Listen der Schulbehörde. Dieser Mechanismus ist nicht so restriktiv wie ein Regelwerk. Er ist offen in Bezug auf die Architektur, aber zielt auf das gleiche hin.

Sie sehen einen Missstand in Architektur und Städtebau heute, benennen Sie ihn einmal?
Wir haben heute einen garbage spill, die Stadt als Müllhaufen. In den letzten vierzig Jahren gibt es keine Stadtquartiere, die einen wiedererkennbaren Charakter haben. Wir müssen wegkommen von dem Müllhaufen hin zu einer neuen Identitätsentwicklung. Wir haben aber heute eine enorme Fragmentierung in der Architektur. Wir haben Neohistoriker, Minimalisten, Dekonstruktivisten. Es gibt Pop, High-Tech, selbst die Postmoderne gibt es jetzt wieder. Das sind zu viele Physiognomien. Hinzu kommt, dass jeder aus seinem Grundstück macht, was er will. Stilistisch ist das zu heterogen. Das hat in den Fünfziger- Sechzigerjahren besser geklappt, obwohl es dann wiederum zu homogen wenn nicht sogar monoton wurde.

Für Istanbul haben Sie federführend mit Zaha Hadid einen ganzen Stadtteil neu planen können. Wie wollten Sie dort vom Reißbrett aus die Kohärenz schaffen, die Sie sonst in einer Stadt vermissen?
Das Grundraster war ein weiches Raster, das hat eine natürliche Variation des Straßenbildes schon mitgebracht. Der Stadtteil Kartal hätte von der Differenzierung gelebt. Wir haben Verläufe gemacht, geordnete Abstaffelungen, die nicht abrupt sind, mit zwei Grundtypologien und Morphing dazwischen. Wir wollten ein verdichtetes Stadtzentrum und nicht so einen Teppich von Gleichartigem.

Kein „Teppich des Gleichartigen” heißt auch Ungleichbehandlung der Grundeigentümer. Haben Sie mit solch einem Masterplan nicht einen Konflikt hervorgerufen?
Grundbesitzer möchten in der Regel ihren Boden maximal ausnutzen. Unser Plan hätte in Istanbul nur geklappt, weil die Besitzer der Grundstücke eine gemeinsame Assoziation gebildet haben. Wir wollten zusammen mit den Planungsbehörden die Grundstücke neu aufteilen, denen dann je nach Gesamtanteil ein bestimmter Prozentsatz öffentlich genutzter Raum abgezwickt worden wäre. Diejenigen mit kleinen Grundstücken hätten letztlich nicht mehr am gleichen Ort ihr bebaubares Grundstück erhalten. Interessanterweise hatten die Planer letztlich Angst, zu viele Vorgaben zu machen. Ihnen fiel die Rolle zu, die Entwicklung mit anzuziehen. Zu viele Regeln aber schrecken Investoren ab. Man kann sehr schön gestalten, wenn es einen enormen Druck gibt und alle kommen wollen. Wenn Gefahr besteht, dass die Investoren ausbleiben, ist es schwierig. In Istanbul kam dann 2008 die Finanzkrise, und wir konnten den Plan nicht realisieren.

Sie sprechen das Dilemma selber am Falle Istanbuls an: Wirtschaftliche Eigeninteressen der Grundeigentümer und das ästhetische Gesamtbild einer Stadt sind zwei zuwiderlaufende Dinge. Es braucht doch Planer und die juristische Macht der öffentlichen Hand, um so konträre Ziele zu vereinbaren?
Wenn die Stadt als ein Kollektivgut, als ein Wert, anerkannt wird – und das ist die große Voraussetzung – dann kann auch ein kollektiver Prozess der Selbstreglementierung entstehen, vor allem seitens der Grundbesitzer. Das ist meine Idee einer Demokratie der Grundeigentümer, der collective action of the land owners. In so einem kollektiven Prozess muss man sich nicht unbedingt in ein bestehendes Stadtbild einfügen, sondern es soll vielmehr darum gehen, dass überhaupt ein Stadtbild anstatt eines Müllhaufens entsteht. Das kann ohne dirigierende Hand geschehen.

Wie kann man sich diese Selbstregulation der Grundeigentümer nun ästhetisch vorstellen?
Wie bei Pflanzen in einem Tal. Es gibt ja auch keinen Gott, der den Bewuchs dort entwirft. Jeder Organismus entwickelt sich und variiert nach bestimmten Gesetzmäßigkeiten. Das sind strukturierte, geordnete Komplexe. Sie sind die Analogie zur Stadt. Jeder einzelne muss den Freiraum haben, sich dem Nachbarn anzuverwandeln. Was, wo gebaut wird und mit welcher Verdichtung, das muss von alleine geschehen. Es gibt ja diese Co-Location-Synergies: Leute und Institutionen kommen in die Stadt, weil sie Synergien suchen, sie wollen was mit dem Nachbarn zu tun haben. Das entsprechende Gebäude wird dann auch die Verknüpfung oder dieses funktionale Zusammenwirken ausdrücken. Der Architekt muss aber die Sensibilität und die Tools besitzen, sich in den Organismus einzufügen, anstatt einfach irgendetwas hinzupflanzen, frei nach „ich mach jetzt hier auf postmodern“. Solche Willkür kann man nicht durch Planung verhindern, sondern durch eine Diskursdynamik in der Architektur.

Exisitiert so ein Stadtraum?
Nein.

Und haben Sie einmal etwas Annäherndes gesehen?
Annähernd sind Favelas oder historische Agglomerationen. Die sind auch relativ frei gewesen. Da gab es höchstens Restriktionen durch Klima und damals vorhandenes Material, die das architektonische Repertoire zwar eingeschränkt, aber auch einen ästhetischen Imprint hinterlassen haben. Das neue Bauen hat die Architektur zu sehr von klimatischen Einschränkungen oder der Topografie befreit. Die Moderne hat das Problem der Massenserie und der Standardteile, die dann letztlich nicht anpassungsfähig sind.  


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Schumacher arbeitete von 1988 bis 2016 mit Zaha Hadid zusammen, seit 2002 ist er Teilhaber des Büros „Zaha Hadid Architects”.

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Die Kurstadt Baden-Baden strebt den Status eines UNESCO-Weltkulturerbes an.

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In Istanbul war Schumacher maßgeblich an dem (unrealisierten) Masterplan für  den Stadtteil Kartal Pendik beteiligt. Hier eine Darstellung des weichen Rastersystems.

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Schumacher beteiligt sich mit Vorträgen und Publikation stark am Architekturdiskurs, seine mehrbändige Abhandlung „The Autopoiesis of Architecture” über den von ihm definierten Parametrismus zählt gut 1.000 Seiten.

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