Glas statt Stein
Museumsbau in Reutlingen von wulf architekten
Seit Ende Januar 2026 kann in Reutlingen einer der ungewöhnlichsten Museumsbauten der letzten Jahre besucht werden – zumindest im Rahmen von Führungen. Denn das schon während des Baus vieldiskutierte Projekt ist in gewisser Weise nur der dienende Teil eines kleinen Ensembles, dessen finale Fertigstellung noch aussteht. Zwei Altbauten mit Wurzeln bis ins 12. und 13. Jahrhundert werden derzeit noch saniert, um dann als neuer Ausstellungsort des benachbarten Heimatmuseums zu dienen. Verantwortlich für Entwurf und Planung des komplett in Glas eingehüllten Baus sind wulf architekten (Stuttgart), die das Vorhaben in einer ARGE mit Ingenieurbüro Grau (Bietigheim-Bissingen) umsetzten.
Im engen Altstadtgefüge von Reutlingen hat das zwar vollständig transluzente, effektiv aber komplett geschlossene Volumen eine ziemlich enigmatische Wirkung. Öffnungen, die den Zugang ermöglichen, braucht das Glashaus nicht, weil das Innere im Alltag nur über die Altbauten erreichbar sein wird. Hier befinden sich ein Aufzug für die barrierefreie Erschließung und zusätzlicher Platz für Veranstaltungen. Außerdem stützt das Glashaus die Fachwerke des Bestands, der zu den „ältesten Häuserzeilen Süddeutschlands“ gehört.
Neben seiner funktionalen und konstruktiven Notwendigkeit ist der Neubau aber auch selbst eine Art Exponat, was die Ambition des Projekts erklärt. Mit seiner markanten Hülle aus Glasziegeln zeichnet es die Kubatur eines weiteren sehr alten Gebäudes nach, das die Zeile einst vervollständigte. Dieses sogenannte „Steinerne Haus“ mit einem ähnlichen historischen Wert wie die erhaltenen Bauten war erst 1972 abgerissen worden. Sein Fundament lässt sich im Neubau besichtigen. Ein Stampflehmboden, der unter Mithilfe von Studierenden der Hochschule für Technik Stuttgart eingebracht wurde, gibt diesem Gebäudeteil einen besonderen, sensorischen Charakter.
Mit ihrem Entwurf konnten wulf architekten 2017 im Wettbewerb überzeugen. Beim Glashaus handelt es sich um eine einfache Hülle ohne thermische Funktion. Wobei „einfach“ angesichts der konkreten Herausforderungen des von str.ucture (Stuttgart) entwickelten Holztragwerks sicherlich nicht ganz richtig ist. Um nämlich die mehrfach gekrümmten Dachflächen umzusetzen, wurden für das Raumfachwerk aus Schwarzwälder Weißtanne über 200 verschiedene Knotentypen entwickelt. Zusammengehalten wird die Konstruktion ausschließlich durch Schraubverbindungen. Abhängig von der Belastung kamen punktuell auch Baubuche und Eiche zum Einsatz. Praktisch im Alltagsbetrieb ist außerdem, dass jeder Ziegel der Biberschwanzeindeckung einzeln austauschbar ist. Sie sind durch Abstandshalter gesichert und im Inneren mit Splitterschutzlack versehen.
Die Raumwirkung des Bauwerks ist beeindruckend. Rund 20,5 Meter vom Keller bis zum Giebel misst die Hülle. Zugleich präsentiert sich das Gebäude als handwerkliche wie planerische Meisterleistung, in der die über Jahrhunderte in dieser Gasse angewandte Bautechnik und ihre Entwicklung greifbar werden. (sb)
- Fertigstellung:
- 2025
- ARGE Oberamteistraße:
- wulf architekten, ingenieurbüro grau. Wurst.Wisotzki.
- Architektur:
- wulf architekten
- Planungsteam:
- Stephan Burger (PL), Philipp Stute (stellv. PL), Nicole Cao, Antonia Dürig, Hannah Esch, Junjie Long, Michael Mayer, Kübra Mercan, Damla Mirik, Nova Michalski, Simon Muller, Weiyan Wang, Maria Wyller
- Museumsgestaltung:
- Demirag Architekten
- Landschaftsarchitekt:
- Bäuerle Landschaftsarchitekten
- Statik Neubau:
- str.ucture
- Statik Albau:
- Ingenieurbüro Grau
- Instandsetzung Altbau:
- strebewerk architekten
- Holzbau:
- Amann
- Hersteller gläserne Biberschwanzziegel:
- La Rochère
- Bauherrschaft:
- Stadt Reutlingen
- Fläche:
- 338 m² Bruttogrundfläche
- Baukosten:
- 7.200.000 € Baukosten
Im zweiwöchigen Rhythmus werden aktuell Führungen durch den Neubau angeboten. Die genauen Termine und Anmeldungsmodalitäten sind auf der Website der Stadt Reutlingen zu finden.
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