Ode an den Kreis
Museum Bourse de Commerce in Paris von Tadao Ando
Spätestens mit diesem Bau ist François Pinault in den Olymp der Kunst aufgestiegen: In allerbester Lage, im Herzen von Paris, konnte der Unternehmer am letzten Pfingstwochenende die Einweihung des Museums Bourse de Commerce – Pinault Collection feiern. Damit sicherte sich der Kunstmäzen nicht irgendein Gebäude. Nur wenige Meter vom Centre de Pompidou entfernt wird seine ingesamt 10.000 Werke umfassende Sammlung zeitgenössischer Kunst fortan im historischen Denkmal der Bourse de Commerce von Paris zu sehen sein. Pinault beauftragte dafür Tadao Ando, der für ihn bereits 2001 einen (nicht realisierten) Neubau auf der Seine-Insel Seguin entwarf, und für die Restaurierung des Palazzo Grassi sowie den Umbau der Punta della Dogana in Venedig verantwortlich zeichnet. Für die Bourse de Commerce arbeitete das eingespielte Team mit den Büros Niney et Marca Architectes und Pierre-Antoine Gatier (alle Paris) zusammen.
Der Bau wurde 1767 als Lagerhalle für Getreide angelegt. Im 19. Jahrhundert beherbergte das ringförmige Gebäude mit einem Durchmesser von 38 Metern die Pariser Börse. Zu dieser Zeit entstanden auch die große Glaskuppel über dem Innenhof und das monumentale 360-Grad-Gemälde, welches den weltweiten Handel thematisiert. Zuletzt befand sich in dem inzwischen sanierungsbedürftig gewordenen Bau der Sitz der städtischen Handelskammer. 1975 unter Denkmalschutz gestellt wurde er schließlich von der Stadt zurückgekauft und in Erbpacht für fünfzig Jahre an Pinault übergeben.
Im Zentrum des Entwurfs von Ando steht die Form des Kreises: Prägend ist ein monumentaler, neun Meter hoher Zylinder aus Sichtbeton. Er liegt in der Mitte des Innenhofes unter der gläsernen Kuppel. Der nach oben offene Ring schirmt die dekorativen und eher unruhigen Elemente des Bestandsgebäudes ab und lässt einen „neutralen“ Raum entstehen. Er ist konstruktiv so angelegt, das ein Rückbau möglich ist. Damit wurde berücksichtigt, dass alle Eingriffe in den Bestand reversibel sein müssen, denn der Bau geht nach den fünfzig Jahren Pacht zur Nutzung an die Stadt zurück.
Durch den Raum im Raum entsteht zwischen dem umlaufenden Wandgemälde und Betonzylinder ein neuer Erschließungsweg, der zu den insgesamt 6.800 Quadratmeter umfassenden Ausstellungsflächen führt. Die auf zwei Hauptgeschossen und einem Halbgeschoss angeordneten Ausstellungsräume sind durch Stege mit dem Betonring und der umlaufenden Erschließung verbunden. Im Untergeschoss wurden ein Foyer, eine Black-Box für Videoarbeiten und Performances sowie ein Auditorium untergebracht. Auf der dritten Ebene befindet sich ein Restaurant mit Blick auf die Stadt und die Umgebung. Für die Räume des Bestandes entschied man sich für die Umsetzung von „White Cubes“ – belebt durch eine Möblierung nach Entwürfen der Designer und Brüder Ronan und Erwan Bouroullec.
Für Kunstsammler Pinault ist es die Erfüllung eines Traums, kann er mit dem Bau doch endlich wieder mit seinem Konkurrenten Bernard Arnault mithalten, der bereits 2014 den Gehry-Neubau am Pariser Bois de Boulogne für die Kunstsammlung der Fondation Louis Vuitton eröffnete. Dessen ungeachtet wird die brutale Addition des Betonzylinders auch kritisch gesehen. Vielfach wird der hohe Materialaufwand angeprangert, außerdem zerstöre die als „kühl“ bezeichnete Wand die Ästhetik des historischen Gebäudes. (dsm)
Fotos: Marc Domage, Studio Bouroullec, Vladimir Partalo, Maxime Tétard, Patrick Tourneboeuf, Maxime Verret
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Aber wie eine derart massive Betonwand mit Gründung und allem so leicht rückgebaut werden soll interessiert mich auch. Selbst wenn es freistehende Betonmodule wären hätten sie unheimliches Gewicht und teilweise stehen sie ja so, dass man mit dem Kran nicht mal eben so dran kommt.
In diesem Fall wird schweres Geräte viel Lärm und Dreck machen, der dann entsorgt und nicht wieder verwendet werden kann.
Eine besonders nachhaltige Idee ist das in meinen Augen nicht.
Zweitens ist meinen Vorkommentatoren entgangen, dass das Ando'sche Inlay wieder entfernbar ist, d.h. der originale Zustand wiederherstellbar ist. Also: keine Panik.
Drittens ist dies eine mutige und intellektuell großartige Intervention in ein Gebäude des Klassizismus des 18.Jahrhunderts, dass im Prinzip die Sprache Boullees aufgreifend den Bezug der Moderne zu ihren Wurzeln in der Aufklärung räumlich erlebbar macht. Bild 15 ist etwas wie ein dreidimensionaler Schnitt durch die Architekturgeschichte der Moderne.
Tadao Ando (wie auch seine Zeitgenossen Rossi und co) ist ja mit dem Rationalismus der 70er und 80er Jahre groß geworden und dieser Entwurf ist fast so etwas wie ein autobiographischer Kommentar. Man muss mal anerkennen, dass dies ein selbstbewusster, intelligenter und spannungsreicher Ansatz ist, dem man natürlich immer einen Mangel an Zurückhaltung vorhalten kann, aber manchmal wünscht man sich mehr Architekten, die einen derartig selbstbewusst dialektischen Zugriff auf historische Architektur haben.
Ausführung und Details sind natürlich wie immer unglaublich gut .
Wow.
Hier macht das aber im Innenhof gar keinen Sinn, oder?
Ando fürs Name-Bashing?
Der persönliche Kampf zweier Kunst-Milliardäre?
Zweifel bleiben.