Kiefern vorm Koloss
Momentaufnahme: Ein Jahr BND-Zentrale von Jan Kleihues
Nur mit langer Voranmeldung, ausgeschalteten Geräten und lediglich auf einen ganz geringen Teil des 280 Meter langen Gebäudekolosses beschränkt, fand am gestrigen Montag eine exklusive Begehung des Bundesnachrichtendienstes in Berlin statt. Es ist nunmehr ein Jahr her, dass der BND aus dem bayrischen Pullach nach Berlin in den Neubau von Kleihues+Kleihues gezogen ist. Noch weitere der insgesamt 4.000 Mitarbeiter werden nachrücken. Jetzt wollen die Beteiligten, der BND-Präsident Bruno Kahl und der Architekt Jan Kleihues, doch noch (beschränkt) öffentlich kundtun, worauf sie nach zehn Jahren Planung und Bauen recht stolz sind, und luden an diesem Tag zu einer Buchvorstellung ein, die das geheime Bauwerk präsentiert.
Ausgiebig in die Kritik geraten war das mächtige Gebäude, seine endlos sich wiederholenden, 14.000 schmalen Fenster und die stete Gliederung zur Schießschartenfassade an einem zentralen Standort in Berlin. Doch an diesem Tag und aus der Nähe betrachtet, wandelt sich die Skepsis im Publikum zur Bewunderung. Die Wiederholung der Fassade werde zur Erhabenheit, die Kolossalität werde zur Monumentalität, so kommentiert der sonst kritische Architekturhistoriker Adrian von Buttlar. Und der verfehlte Standort schaffe heute vielmehr die nötige Nachverdichtung, wie der Schauspieler, Essayist und Spaziergänger Hanns Zischler betont. Denn dort, wo die einstige Berliner Mauer viele Jahre Leere und eine gespaltene Gebäudeansiedlung hinterlassen habe, schließe der BND nun endlich eine städtebauliche Lücke.
„Ich stehe zu der Monumentalität“ betont Jan Kleihues gelassen. Eine selbstbewusste Stattlichkeit der Architektur war auch gefragt, als vor über dreizehn Jahren der geschlossene Wettbewerb zum Projekt ausgerufen wurde. Denn dieser Neubau für einen der wichtigsten Nachrichtendienste weltweit sollte nach einem jahrzehntelangen Versteckspiel des BND in der Gartensiedlung Pullach, die einstige „Reichssiedlung Rudolf Hess“, auch die Bedeutung des Dienstes gebührend repräsentieren. Kleihues und sein Team rückten das Gebäude unter anderem auch aus Sicherheitsgründen 30 Meter von der Straße weg und setzen es auf einen sandsteinverkleideten Sockel. Um das Monument vom Koloss zu unterschieden, ließen die Architekten den Sockel in den Boden ein. Von der Straße aus kaum zu sehen, entfaltet sich die vielarmige Figur des Sockels im Souterrain und umschließt dabei mehrere Innenhöfe. Vor allem, wie Kleihues betont, um den Mitarbeitern dieses verriegelten Baus eine angenehme, durchlichtete Büroatmosphäre zu schaffen.
Die tatsächlichen Grundrisse bleiben geheim, doch offenbar haben die Architekten in dem Bau einen riesigen, flexiblen Büroorganismus integriert, der vergleichweise kurze Wege, Begegnung und eine schnelle Umgestaltung von Zellen zu Großraumbüros ermöglicht. Als Prinzip „Need-To-Share“ beschreibt BND-Präsident Bruno Kahl die Gruppenarbeit beim Geheimdienst. „Ein schönes Gebäude soll es sein, das funktioniert“, sagt Kleihues dazu kryptisch. Der Bau kann auch bei Bedarf erweitert werden. Der Grundriss sieht die Möglichkeit neuer Flügel im hinteren Westteil vor. Daher setzt dort die strenge Fensterreihung kurz aus.
Mit „schön” meint Kleihues vor allem die Verbindung zweier Motive: den großen Maßstab des Baus, in dessen herrschaftlich herausragenden Torbauten er die „Körnigkeit Berlins“ widergespiegelt sieht, und das Detail, dessen „Perfektion schon an Poesie reicht“. Nicht nur die im Tageslicht schimmernde Legierung der Metallfassade, auch jede Türklinke und Bodenfuge sind in diesem Gebäude ästhetisch überlegt.
Trotz aller Perfektion und Durchdachtheit dieses riesigen Bauwerks bedarf seine Architektur doch einer gewissen visuellen Fraktur. Das gibt auch Jan Kleihues zu. Deswegen setzte er die Kiefern vor dem Bau. Sie seien nicht nur heimisch in Berlin, sondern auch „krüppelig und unperfekt“. Dass dieser Bruch schon immer Teil des Projekts BND-Neubau an der Chausseestraße war, zeigen die ersten Renderings des Büros Kleihues+Kleihues. Bereits 2005 standen die buckeligen Silhouetten von Kiefern vor der strengen Architektur. (sj)
Fotos: Alexander Ludwig Obst & Marion Schmieding, Stefan Müller, ©Hatje Cantz/Kleihues+Kleihues, 2018
Die erwähnte Publikation von Jan Kleihues ist jetzt unter dem Titel „BND. Die Zentrale / The Headquart er of the Federal Intelligence Agency“ bei Hatje Cantz erschienen. Mit Texten von Arno Lederer und Walter A. Noebel sowie Fotografien von Alexander Ludwig Obst & Marion Schmieding und Stefan Müller.
Wie diese Grundrissfigur dort so offensiv auch noch zelebriert wird, hat mich doch sehr erfreut...
Sicher kann man diesem Gebäude Klotzigkeit, graue Behördenlangeweile und evtl. sogar (biedere) Großmannssucht unterstellen, nur habe ich meinen Geheimdienst lieber kompakt in der Hauptstadt als leise verteilt in den Wäldern bei Pullach oder Langley. Durch die Manifestation in der Hauptstadt rückt diese Institution ins Bewusstsein. Sicher wäre es schöner, gäbe es keinen Bedarf für einen Geheimdienst (oder eine Armee), das ist aber nicht die Welt in der wir leben. Und genau aus diesem Grund wünsche ich mir ein Haus, das ehrlich sagt was es ist und nicht versucht mich mit einer kleinen Siedlung im Grünen oder lustig in der Sonne tanzenden Körpern hinters Licht zu führen. Groß, meistens recht langweilig, aber dafür präzise und im Zweifelsfall auch fähig zur nötigen Härte, aber alles (hoffentlich) unter den Augen des Volkes und seiner Vertreter. Das ist hier in Gänze erfüllt. Im inneren muss ich allerdings sagen, dass mir die Biederkeit in Weiß und Grau etwas zu weit geht. Hier wäre man mit dem Beton der Fassaden weitergekommen und diesen scheußlichen hellgrauen Terrazzoboden hat man sich leider bei der CIA in Langley abgeschaut, da hätte ich mir etwas Unabhängigkeit gewünscht. Alles in Allem geht James Bond hier höchstens zum Ausnüchtern hin, aber vielleicht ist das auch ganz gut so