Drastische Reduktion
Meisterhäuser in Dessau eröffnet
Was wäre denn eigentlich die Alternative gewesen? Diese Frage muss man den Kritikern der beiden neu entstandenen Meisterhäuser Gropius und Moholy-Nagy in Dessau stellen (siehe dazu BauNetz-Meldung vom letzten Freitag). Und Kritik gibt es von ja zwei Seiten. Den einen ist es nicht radikal genug, sie sehen in der realisierten Lösung eine – unzulässige – Rekonstruktion. Den anderen ist es wiederum zu radikal, sie hätten einen 1:1-Wiederaufbau gewollt, der allerdings schon aufgrund der mangelhaften Dokumentationslage kaum machbar gewesen wäre. Es spricht also vieles dafür, dass die optisch sehr elegant wirkende Lösung von Bruno Fioretti Marquez genau die richtige Balance hält.
Die Stiftung Bauhaus Dessau hatte in einer früheren Phase der Diskussion eine radikalere Vision. In einem Ideenwettbewerb siegte eine Arbeit, die den erhaltenen Keller des Hauses Gropius freilegt und das Haus Emmer von 1956 erhält, aber verschob. Keine Chance bei Stadt und Land: Hier hatte man sich aus touristischen Gründen früh für einen Wiederaufbau der beiden verlorenen Häuser festgelegt
So lautete dann auch die Aufgabe für den Wettbewerb: „städtebauliche Reparatur“. Die Preisträger erfüllen dies durch die exakte Wiedergabe der baulichen Hülle und der Öffnungen der Vorgängerbauten. Allerdings war für sie eine Rekonstruktion „keine Alternative“, weil diese „die Legitimität des Originals in Frage gestellt hätte“. Vielmehr arbeiten sie mit Unschärfe und Ungenauigkeiten, wie sie der menschlichen Erinnerung nun einmal zu eigen sind. Der Betrachter kann also das Ensemble wieder so wahrnehmen, wie es ursprünglich konzipiert war. Gleichzeitig wird er „durch die Wahl von Material und Textur und durch die drastische Reduktion von Details“ in die Lage versetzt, „zwischen Bestand und Reparatur klar zu unterscheiden“, erläutern die Architekten.
Die Gebäude sind aus gegossenem Dämmbeton gebaut, die Fenster bestehen aus eingelassenen Senkgläsern. Im Inneren sind neue, teils dreigeschossige Räume geschaffen worden, die mit den geplanten Nutzungen korrespondieren: Das Haus Gropius soll zum Entrée der Siedlung und zum Anlaufpunkt für Besucher werden, während das Haus Moholy-Nagy als Erweiterung des Kurt-Weill-Zentrums mit einem Veranstaltungsraum für Konzerte und Vorträge genutzt wird. Heute werden die beiden neuen Meisterhäuser feierlich eröffnet. (-tze)
Fotos: Christoph Rokitta; Neue Meisterhäuser, 2014 (Stiftung Bauhaus Dessau)
Kunst am Bau: Olaf Nicolai; Le pigment de la lumière, 2014
(courtesy Galerie EIGEN + ART, Leipzig/Berlin)
www.bauhaus-dessau.de
Leichter als Wasser und dicker als Elefantenhaut: Dickhäuter in Dämmbeton in der Baunetzwoche#350
das bauhaus hatte natürlich auf basis einer guten handwerklichen und künstlerischen ausbildung das ziel produkte zu entwickeln, im sinne des industriedesigns aber auch im sinne der architektur. es gab musterhäuser und -siedlungen, deren 100-fache ausführung durchaus gewollt war. es war eben nicht das ziel einzelne reine prototypen zu erzeugen. sorry, @kritiker, das können sie wirklich überall nachlesen. und natürlich kommt in jedem thread mindestens einmal der deutsche zeigefinger, der baurechtlich darauf hinweist, dass dies oder das heute nicht mehr ginge. aber das meine ich doch! warum das nicht mal als chance sehen? schaut mal die autoindustrie an. ist ein käfer oder ein 911-porsche nicht immer noch ein bestseller? zig-mal re-designed. dann baut man eben einmal das meisterhaus nach heutigen vorgaben mit heutigem standard, aber im "alten" design. warum nicht? architektur ist keine kunst. es ist eben keine mona lisa, die man nachmalt. architekten sind ja sogar von der künstlersozialkasse ausgenommen, also wenn das kein argument ist! (das war spass, habe aber keinen smiley hier). architektur ist bewohnt, man hängts nicht als deko an die wand. wer meint, man könne an designklassikern nichts verändern oder updaten, der hat es meines erachtens nicht verstanden. und diese betongebilde sind für mich das manifest der verkopften vermeintlichen bildungsträger die aus tiefer ehrfucht eben am liebsten den status in beton giessen und dadurch jegliche entwicklung ersticken. das ist keine lebendige architektur, gropius hätte es gehasst.
Und ob es Ihnen passt oder nicht, ich kein Laie, sondern führe seit über 15 Jahren einigermassen erfolgreich ein Architekturbüro. Diese Meisterhäuser hier und die Diskussion darum sind natürlich ein Sonderthema, und können dem Betrachter sofern er Laie ist, natürlich herzlich egal sein, dennoch sollte man die Argumente Mehmets ernst nehmen, denn sie treffen auch auf viele andere Architekturen zu. Die hier gezeigten "Neuinterpretationen" sind gesichtlos, fade und wirken wie Gespensterhüllen der Bauhaus-Ideale. Der Teil in mir, der "Bauhaus-Fan" geblieben ist, empfindet diese Erscheinungen eher als Beleidigung, denn als "Wiederbelebung"(wie es in einem Baunetz-Text zu lesen war).
Es ist ja einerseits schön zu sehen, wie Sie hier für das Bauhaus "in die Bresche springen", aber die Diskussion zeigt doch nur wieder den ewig gleichen Verlauf und die ständigen Argumente zu den Themen Reko/Moderne Interpretation/usw., was andererseits zu erwarten war. Immer wieder erschreckend ist jedoch, wie wenig selbsternannte Verfechter des Modernen überhaupt die geäusserte Kritik verstehen können: Haben Sie Mehmets Anliegen speziell zu diesen Meisterhäusern und ihrer Gestalt überhaupt verstanden ? Dringt dies überhaupt zu Ihnen durch ? Es nervt, hier im "Baunetz" ständig zu sehen, wie jemand der Kritik an der Moderne äussert sofort als "nicht-fachlich" eingestuft wird, nur weil seine Argumente gar nicht ernstgenommen werden. Auch Ihre Antworten zum angeblichen Nichtinteresse an industriellem Bauen seitens der Bauhausprotagonisten sind, wenn nicht schlicht falsch, so doch zumindest sehr eingeschränkt wahr. Vielleicht lesen Sie einmal "vers un architecture" von Corbusier, oder auch konkretere Schriften anderer, bevor Sie verklärte Teilwahrheiten Ihres persönlichen Bauhausbildes hier in den Vordergrund stellen. Auch Ihre Antwort an Gerhard N stimmt traurig: Natürlich ist nicht das Bauhaus PERSÖNLICH schuld an Entgleisungen der Nachkriegszeit usw., aber mit Ihrer Antwort leugnen Sie doch gleichzeitig , dass man die Argumente Gerhard N´s auch richtig verstehen kann, denn schliesslich hat gerade das ständige Sich-Bedienen aus dem Baukasten der Moderne, einschliesslich der "Neuinterpretationen" der Architektenkollegen während der Sanierungswut der verschiedenen Nachkriegsjahrzehnte unsere Städte in den traurigen Zustand versetzt, mit dem wir heute leben müssen. Auch die versuchte Umsetzung der städtebaulichen Ideale der Moderne hat diesen Zustand mitverursacht. Das Niveau hier im Baunetz ist ziemlich niedrig, da stimme ich Ihnen zu, aber leider trifft das auch auf Sie zu: Bitte hören Sie auf, Leute ständig als Laien zu diffamieren, abgesehen davon, das die Beschäftigung mit diesen "Laien" vielen Arch-Kollegen sehrsehr gut tun würde.