Bodenlos
Kita von LH Architekten in Hamburg
Auf dem Dach wird gepielt. Das ist eher ungewöhnlich für hiesige Kindertagesstätten, wird doch durch Wald- und Montessori-Kindergärten mit dem Begriff „Kindergarten“ die Pädagogik für Kleinkinder eigentlich mit Boden, Buddeln und Erde verbunden. LH Architekten aus Hamburg aber lassen die Kinder lieber mondän über hanseatische Giebel und den Hamburger Hafen schauen.
Der Dachspielplatz, den ja bekanntlich Le Corbusier schon für seine Wohnmaschinen favorisierte, ist wohl auch den Umständen geschuldet, die das Baugrundstück den Architekten vorgegeben hat. Mitten in Hamburg-Altona, zwischen dem heutigen Bahnhof und der einstigen Bahndirektion an der Museumsstraße, liegt das Grundstück. Ursprünglich war es für Stellplätze gedacht. Jetzt haben Jo Landwehr und Helmut Henke einen Neubau mit fünf Stockwerken hier errichtet. Nicht nur die Kita, sondern zwei Parkgeschosse und Apartmentwohnungen sind in dem Neubau untergebracht.
Spitz ragt der Baukörper an einer Seite des Grundstücks heraus. Die Ecken sind abgekappt und ziehen sich bis zum scharf angewinkelten Dach hoch. Ohne Gesimse, Dachauskragung oder sonstige horizontale Profilierung scheint der Neubau aus einem Körper geschnitten zu sein.
Vertikale Holzlamellen geben der Fassade eine klare Struktur. Im Bereich der Garage und auf dem Dach sind quadratische Öffnungen hineingeschnitten. Unten lüften sie die Autostellflächen, oben schaffen sie Ausgucker für die Kleinen.
Die rechteckigen Fensterformate der Kita-Räume und die der Loggien der Wohnungen ähneln den Fassadenöffnungen im Parkdeck und an der Kita-Spielfläche auf dem Dach. Doch verspielt – in unregelmäßigen Abständen und in der Höhe leicht verschoben – hat das Duo diese gleichförmigen Fenster auf die Fassade gesetzt. In ihren weißen Rahmungen stechen die Rechtecke zudem heraus und brechen die strenge Lamellenstruktur auf.
In der Wiederholung der gleichen Form und Maße entsteht dennoch ein homogenes Fassadenbild. Zu verspielt also sollte es nicht sein – die Kleinen müssen ja auch groß werden. (sj)
Fotos: Johanna Klier / Dorfmüller Klier, Heiner Orth
Bei kaum einem Bauvorhaben wird so viel diskutiert wie bei Kindergärten; bei kaum einer Bauaufgabe können Architekten so viel falsch machen. Die Baunetzwoche#331 „Ich bin eine Kita!“ zeigt Beispiele aus Antwerpen, Peking und Zürich
Aber trotzdem danke für die Antwort.
Als ich klein war, sind wir draussen auf Bäume geklettert. Da hat auch keiner geschaut. Abgestürzt ist trotzdem keiner... Auch in meinem Kindergarten gab es eine interne Galerie mit Freitreppe zum tiefer gelegenen Sportraum, die dürfte heute dank (Über)-Regulierung von Geländern und Absturzsicherungen wahrscheinlich auch nichtmehr so gebaut werden. Abgestürzt ist trotzdem keiner... Warum haben denn alle immer so Angst? Und warum traut man den Kindern nicht auch ein bisschen Vernunft zu? Ich denke, dass in dem hier gezeigten Beispiel nie ein Kind auf den Gedanken kommen wird, die Balustrade des Dachgartens überklettern zu wollen. Warum auch? Man sieht doch durch die grossen Scheiben, was unten so vor sich geht... Toller Entwurf! Schön im Detail umgesetzt! Und gerade für Städte ein Vorbild, wenn der Platz für einen Garten eben nicht da ist.
Wenn eine Dachterrasse wenig Platz bietet (für den Vergleich mit einem Knast habe ich Verständnis!) und die Spiel- und Erkundungsmöglichkeiten beschränkt sind, kann es erst recht vorkommen, dass Kinder auf verrückte Ideen kommen... Gerade Bild 7 wirft doch die Frage auf, mit welchen Klimmzügen Kinder es schaffen könnten, sich einen Weg nach oben zu erarbeiten. Immerhin ist eine abgeschrägte Brüstung etwas Besonderes, also auch eine Herausforderung. Wenn Erzieherinnen freimütig dazu stehen würden, welche Kindergartenumzäunungen ebenerdiger Kindergärten schon von Kindern (meist von einander helfenden Jungen) überwunden wurden, würde deutlich werden, dass Kindern mehr zuzutrauen ist, als Erwachsene für möglich halten. Wenn schon nicht Abstand vor der Errichtung mehrgeschossiger Kitas genommenwerden soll - warum bittet man nicht die Trainer von Sportvereinen darum, ihre sportlichsten und pfiffigsten Kinder einmal an einem ebenerdig aufgestellten Modell ausprobieren zu lassen, ob - und wie schnell eine Brüstung überwunden werden kann. Da Kinder unter Personalmangel betreut werden und die Turbulenzen auf einen Dach nicht immer angenehm sind, würde ich nicht davon ausgehen, dass Erzieherinnen stets rechtzeitig zur Stelle sind, um zu verhindern, was die Architektur den Kindern ermöglicht. Aufzupassen, dass Kinder nichts durch die hölzernen Gitterstäbe stecken, dass keine Sachen vom Dachgeschoss aus herabgeworfen werden, obwohl Kinder doch zu gern etwas herabwerfen und darüber staunen können, wie sich ein Papierkügelchen und eine Kugel des Magnetspiels verhalten... Wurden im Vorfeld der Planungen eigentlich Eltern und Erzieherinnen gebeten, ihre Bedenken zu äußern?
Im Archiv des Magazins "unerzogen" findet sich ein kostenlos zu lesender Artikel, in dem ich (nur auf den Brandschutz bezogen) Kritik an dem Betrieb mehrgeschossiger Kindergärten und am Engagement Ursula von der Leyens geübt habe. Vielleicht interessiert es ja jemanden, was mehrgeschossige Kitas für Kinder und Erzieherinnen bedeuten. Für spätere Artikel würde ich gern Architekten finden, die sich für oder gegen die Schaffung von Hochhauskitas aussprechen. Bestimmt gibt es auch Architekten, die es - zumindest nach den bekannt gewordenen Sturzunfällen - vorziehen, darauf zu bestehen, dass Kindergärten ebenerdig oder allenfalls zweigeschossig sein dürfen. Mir ist bewusst, dass es schwer sein mag, zu einem großen, lukrativen Auftrag NEIN zu sagen.