Strahlend weiß und ganz entschlackt
Kirchenumbau am Bodensee von Wandel Lorch Architekten
Ein echtes Schmuckstück war die Auferstehungskirche in Überlingen am Bodensee schon länger nicht mehr, wenn man den Bestandsaufnahmen glauben darf. Die ursprünglich neogotische Hallenkirche wurde über die Jahre immer wieder umgebaut und zeigte sich räumlich verunklärt und in vielen Details ästhetisch unbefriedigend.
Insbesondere ein vergleichsweise großes Seitenschiff, das 1903 angefügt worden war, entsprach nicht mehr den heutigen Anforderungen. Im frühen 20. Jahrhundert mag das pragmatische Schaffen von Raum für die vielen Gläubigen sinnvoll gewesen sein. Heute hat man es mit weniger Kirchenbesuchern zu tun, die aber wiederum mehr Wert auf atmosphärische und funktionale Stringenz legen.
Ein Ziel des im April abgeschlossenen Umbauprojekts von Wandel Lorch Architekten (Frankfurt am Main, Saarbrücken) war deshalb die Stärkung des Hauptschiffs in seiner axialen Ausrichtung auf den Altar hin – und die Umwandlung des Seitenschiffs in einen „Klangraum“. Gemeint ist damit der Rückbau der dortigen Empore, die ebenerdige Platzierung der Orgel und eine flexible Bestuhlung für Chor und Musiker. Der axialen Neuorientierung entsprechend entwarfen die Architekten auch ein neues Eingangsportal, das das Hauptschiff um einige Meter nach Süden erweitert.
Das Portal wirkt vor allem nach außen und gibt der Kirche ein völlig neues Gesicht. Die Architekten arbeiteten hier mit weiß geschlämmten Backsteinen, die sich nach innen abtreppen und dadurch ein klassisches Portalgewände bilden. Keine Neuerfindung also, sondern die schlichte, stimmungsvolle Neuinterpretation einer klassischen Sakralbauform.
Das neue Portal passt zum Ergebnis der Umbaubemühungen im Inneren. Hier zeigt sich die Kirche als ein geradezu mystisch erstrahlender Raum klassisch sakraler Typologie, entschlackt, ganz in Weiß und reduziert auf das Wesentliche. Mutig wurde die ältere Ausstattung in weiten Teilen entfernt oder überformt, etwa im Bereich der Decke. Vor dem Hintergrund dieses neu geschaffenen, klaren Raumvolumens erstrahlen nun auch die blauen Kirchenfenster umso mehr. (gh)
Fotos: Nils Kochem
Ich konnte mich bei meinem Besuch vor Ort trotz aller Diskussion von der äußerst gelungenen Architektur und den präzisen Details überzeugen. Vor allem im Stadtraum wirkt das dreidimensionale Portal sehr gut. Fraglich ist, ob sich Architektur anhand von wenigen Bildern in Gänze beurteilen, bzw. wie meine Vorredner es taten, -ver-urteilen lässt.
Typisch verschwurbelter Architektenspeech. Besonders verräterisch der Begriff "entschlackt". Weg mit den "Schlacken" auf den Schutthaufen... Also "mystisch" oder "sakral" ist an diesem Kircheninneren gar nichts mehr. Ich stelle mir vor, wie die Putzfrau wöchentlich mit dem Sagrotan-Spray durch die Kirche marschiert und auch noch das letzte Stäubchen vernichtet...Leider fand ich kein Bild, wie die Kirche im Innern vor einer früheren Purifizierung (in den 50er Jahren?) ausgesehen hat. Das einzig originale Ausstattungsstück, die fragmentierte Kanzel, wirkt in diesem Zusammenhang wie ein Museumsstück - vermutlich ist dieser Kontrast so gewollt. Traurig das Ganze, wenn man die wohl nicht unerheblichen Kosten dieses Umbaus bedenkt. Mit weniger Aufwand hätte man vielleicht behutsam die z.T. ja auch nicht erfreuliche Entgotisierung der 50er Jahre etwas zurückfahrenn können.
Und wenn jetzt jemand das Licht ganz auschalten und eine Kerze anzündern würde...