Seduvas verlorenes Schtetl
Jüdisches Museum von Lahdelma & Mahlamäki architects in Litauen
Am Rande der kleinen litauischen Gemeinde Šeduva fügt sich eine lose Gruppe heller, abstrahierter Giebelhäuser in die Landschaft ein. The Lost Shtetl Museum erinnert an die im August 1941 zerstörte Siedlung Šeduva, deren 664 jüdische Einwohner und Einwohnerinnen in den umliegenden Wäldern von den Nationalsozialisten ermordet wurden. Der Entwurf für das friedvoll wirkende Ensemble kommt von Lahdelma & Mahlamäki architects (Helsinki), die vor Ort mit Studija 2A (Kaunas) zusammenarbeiteten.
Schtetl (deutsche Schreibweise) ist ein aus dem Jiddischen stammender Begriff, der kleine Siedlungen mit überwiegend aschkenasischer jüdischer Bevölkerung in Osteuropa beschreibt. Vor dem Zweiten Weltkrieg existierten davon 294 in Litauen. Initiiert von der Stiftung Šeduva Jewish Memorial Fund, will das neue Museum die verlorene jüdische Geschichte des Schtetls Šeduva sichtbar machen. 2016 beauftragte sie das finnische Büro Lahdelma & Mahlamäki architects, inspiriert von deren 2013 fertiggestelltem Museum der Geschichte der polnischen Juden in Warschau.
Eingebettet in einen sanften Hang, verbinden schmale Durchgänge die einzelnen Häuser zu einer Einheit. Unterschiedliche Dachneigungen und Firstausrichtungen lassen die Gruppe wie ein gewachsenes Dorf erscheinen. Dahinter steht auch die Idee, das Museum in Zukunft erweitern zu können. Durch ihre schlichte, monolithische Form erscheint die Siedlung wie ein friedvolles Traumbild. Anders als viele jüdische Museen wolle man damit bewusst nicht den Fokus auf die Schrecken des Holocaust legen, sondern Frieden und Hoffnung in den Vordergrund stellen, sagen die Architekt*innen.
Auf rund 4.900 Quadratmetern beherbergt das Museum Ausstellungsräume, einen Mehrzweckraum, eine Bibliothek, Verwaltungsräume und ein Café. Die narrativ aufgebaute Präsentation folgt dem Black-Box-Prinzip. Objekte, Fotografien, Filme und Interviews erzählen vom Leben im Schtetl Šeduva und in anderen osteuropäischen jüdischen Siedlungen. Der obere Teil jeder Galerie spiegelt die Dachform wider, Oberlichter lenken gezielt Tageslicht ins Innere.
Im Untergeschoss widmet sich ein canyonartiger, dunkler Raum dem Holocaust, der sogenannte Canyon des Holocaust. Den Abschluss jedoch bildet der helle „Canyon der Hoffnung“ mit Blick auf Friedhof und Landschaft. Die Bibliothek soll auch als multifunktionaler Gemeinschaftsraum genutzt werden, ein größerer Saal für Wechselausstellungen, Konferenzen und Veranstaltungen sowie ein flexibel nutzbarer Ausstellungsraum für Kinder mit Außenterrasse ergänzen das Angebot.
Die Umgebung des Museums wurde als Gedenkpark angelegt, in dem alte Bäume erhalten und neue gepflanzt wurden. Landschaftselemente wie Birkenalleen, Wiesen, Feuchtgebiete und Obstgärten sollen an die letzte Reise der Opfer erinnern. Der Park wurde von Enea Landscape Architecture (u.a. Zürich) gestaltet und soll über die Jahre die lokale Flora und Fauna bereichern. Unterstände aus Lärche nehmen allmählich graue Farbe an und passen sich damit dem Ton der Häuser an. Zum Museum gehört auch der angrenzende jüdische Friedhof, der teilweise restauriert wurde.
Fassaden und Dächer der Häuser wurden mit Aluminium verkleidet. Für die schuppenförmigen Elemente kam Marine-Aluminium zum Einsatz, das üblicherweise im Schiffbau verwendet wird und besonders witterungsbeständig und langlebig ist. Je nach Lichteinfall und Tageszeit changieren die Farbtöne zwischen Weiß und Silbergrau.
Die tragenden Strukturen bestehen aus Ortbeton, für die Eingänge, einzelne Fassadenelemente und die Gedenkwand im Innenhof kam Sibirische Lärche zum Einsatz. Letztere besteht aus mundgeblasenen, in ein Holzgitter eingesetzten Glasstücken, in die die Namen aller 294 Schtetls in Litauen eingraviert sind. Heller Quarzit, Eiche und schwarzer Granit ergänzen die Materialpalette. Um die monolithische Erscheinung der Häuser zu wahren, mussten zum Teil Sonderlösungen gefunden werden. Die technischen Anlagen sind deshalb überwiegend in Untergeschossen oder separaten Galerien untergebracht. (dsm)
- Fertigstellung:
- 2025
- Architektur:
- Lahdelma & Mahlamäki
- Projektleitung:
- Ilkka Syrjäkari
- Ausführungsplanung:
- Studija 2A
- Landschaftsarchitektur:
- Enea landscape architecture
- Austellungsdesign:
- Ralph Appelbaum Associates
- Bauherrschaft:
- Šeduva Jewish Memorial Fund
- Fläche:
- 4.900 m²





ernst aber nicht beklemmend und sehr gut umgesetzt