- Weitere Angebote:
- Filme BauNetz TV
- Produktsuche
- Videoreihe ARCHlab (Porträts)
21.01.2026
Buchtipp: Kopieren als Entwurfspraxis
Invented from Copies. Blueprints, Whiteprints, Zips and Photocopies
Inwiefern beeinflussen Reproduktionen den Entwurf? Besitzen sie kulturellen Wert? Und warum gelten sie im Vergleich zum Original gemeinhin als minderwertig? Zugegeben: Das sind wohl keine Fragen, die sich Architekt*innen im beruflichen Alltag stellen. Blättert man jedoch durch die Publikation Invented from Copies. Blueprints, Whiteprints, Zips and Photocopies in the Architectural Office, 1870–2000, gewinnen sie rasch an Relevanz.
Das großformatige Paperback liefert dabei nicht nur klare Antworten, sondern auch ein eindrückliches visuelles Argument. Reproduktionen unterliegen dem Original in keiner Weise. Sie sind weit mehr als bloße Hilfsmittel oder zweckmäßige Techniken. Das belegen die durchweg qualitätvollen Abbildungen, auf die die Publikation zurückgreift.
Die Grundlage des Buches bildet ein gleichnamiges Forschungsprojekt des Het Nieuwe Instituut in Rotterdam. Es ist Teil einer umfassenden Untersuchung der Archive des niederländischen Nationalinstituts für Architektur, Design und digitale Kultur. Analysiert wurden rund 1,5 Millionen Zeichnungen aus der Sammlung – mit einem bemerkenswerten Ergebnis: Mindestens die Hälfte sind Reproduktionen, Kopien oder Mischtechniken. Umso erstaunlicher, dass die Wechselwirkungen zwischen Reproduktion und Original bislang unterbelichtet blieben. Die vier Forscherinnen und Herausgeberinnen der Publikation Ellen Smit, Clara Haardt, Hetty Berens und Carolin Lange ordnen das Bildmaterial ein und geben Kontext.
Chronologisch gegliedert stellt das Buch vier zentrale Reproduktionstechniken vor. Blaupausen, Weißdrucke, Zips – farbige, selbstklebende Kunststofffolien – und die Fotokopie. Diese Techniken lösten einander nicht etwa ab, sondern überlagerten sich im Laufe der Jahrzehnte. Entsprechend differenziert ist auch die Gestaltung des Buches: Während die Kapitel zu Blau- und Weißdruck auf dickem, rauem Papier präsentiert werden, erscheint der Abschnitt zu den Zips auf glänzendem, glattem Papier als wirkungsvolle gestalterische Einordnung.
Die Betrachtung der Publikation startet um 1870, als fotografische Reproduktionen erstmals Einzug in die Architekturpraxis hielten. Mit der Blaupause begann eine Entwicklung, die die Arbeitsweisen in den Büros grundlegend veränderte. Neben chemisch-technischen Erläuterungen werden die jeweiligen Verfahren in ihrer historischen Entwicklung samt Vor- und Nachteilen sowie anhand zahlreicher Anekdoten veranschaulicht. Archivbilder und Fotografien machen deutlich, wie Architekt*innen sie anwendeten. Ergänzt wird jedes Kapitel durch eine Fallstudie, in der ein konkretes Bauwerk exemplarisch für die jeweilige Reproduktionstechnik steht.
So zeigt das Buch etwa, warum der Weißdruck gegenüber der Blaupause realistischer und besser bearbeitbar war, oder wie die transluzenten Zips insbesondere in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in den Büros Fuß fassten. Immer wieder wird klar, wie sehr diese Verfahren den Entwurfsprozess selbst prägten: Entwerfen als repetitives Arbeiten mittels Kopien, als permanentes Verändern, Überlagern und Weiterdenken.
Invented from Copies ist damit nicht nur eine fundierte Forschungspublikation, sondern auch eine visuelle Reise durch heute weitgehend verschwundene Methoden. Spätestens mit der Wende zum 21. Jahrhundert gerieten sie zunehmend in Vergessenheit. Gerade im Zeitalter fotorealistischer High-End- und KI-Renderings wirkt das Buch deshalb überraschend relevant. Als Inspirationsquelle und vielleicht auch als leiser Hinweis, den Computer gelegentlich auszuschalten und wieder analog zu arbeiten.
Text: Gertje Koslik
Invented from Copies. Blueprints, Whiteprints, Zips and Photocopies in the Architectural Office, 1870–2000
Ellen Smit, Clara Haardt, Hetty Berens und Carolin Lange
240 Seiten
Englisch
nai010 publishers, Rotterdam 2025
ISBN 978-94-6208-955-6
40 Euro
Kommentare:
Meldung kommentieren

C. Weeber mit S. Bakema, Weißdruck mit Zips für den niederländischen Pavillon auf der Weltausstellung 1970 in Osaka, 1990.

H.J. Jesse, Blaupause und Weißkopie desselben Entwurfs eines Grundrisses für die MULO-Schule in Katwijk, 1909.

Werbung für einen „Tireplan“, ein speziell für Architekturbüros entwickeltes Fotokopiergerät, um 1955.

Buchcover
Bildergalerie ansehen: 17 Bilder






