Keine Selbstzweifel
Ingenhoven zeigt neue Pläne für Stuttgarts Hauptbahnhof
Erst am letzten Freitag waren es 20.000, die am Schweigemarsch gegen Stuttgart 21 teilnahmen. In der soliden Schwabenmetropole kommen keineswegs nur die üblichen Protest-Verdächtigen zu den inzwischen täglichen Demonstrationen (siehe auch BauNetz-Meldung vom 27. Juli 2010), sondern schwäbische Hausfrauen, Lehrerinnen und Ingenieure. Sie tragen Aktentasche, Perlenkette und randlose Brille („Der Spiegel“).
Das Großprojekt, das die meisten Kritiker nicht nur städtebaulich, sondern auch verkehrstechnisch für unsinnig halten, hat die ganze Stadt gespalten. Das Volk ist nie gefragt worden, Tausende von Einwendungen wurden nicht einmal beantwortet. Der unnötig frühe Abriss des Nordflügels des Bonatz-Bahnhofs, tragischerweise der „modernste“ und schönste Teil des Mammutbaus, steht unmittelbar bevor.
In diese aufgeheizte Stimmung hinein platzierte der Bauherr Bahn am gestrigen Montag eine Pressekonferenz, in der „überarbeitete“ Pläne des Bahnhofs-Neubaus präsentiert wurden. Für die meisten Gegner dürften die Änderungen jedoch rein kosmetischer Natur sein. So werden die „Lichtaugen“ von 4,50 Metern auf 4,30 Meter im Durchmesser verkleinert und die Zugangsanlagen zur unterirdischen Bahnsteighalle verändert und mit einer „Gitterschale“ überdacht. Eine grundlegende Neuorientierung der Pläne gab es dagegen nicht; vom Abriss der Seitenflügel rückt die Bahn nicht ab.
Bahnhofs-Architekt Christoph Ingenhoven nutzte die Gelegenheit, an die Öffentlichkeit zu gehen. Mit Jeans, Business-Schuhen und offenem Hemdkragen, wie die „Stuttgarter Zeitung“ beobachtete. Der Architekt, der bekannt dafür ist, für seinen Berufssstand ethisch-moralische Standards einzufordern (siehe BauNetz-Meldung zum „Bauen für Despoten“), gab sich dabei komplett kompromissfrei. Politiker der Grünen, die sich gegen den Bau wenden, nannte er im „Tagesspiegel“ Vertreter einer „normalen Partei, die sich auch so benehmen: Sie agieren taktisch“ und „instrumentalisieren den Streit politisch“. Ein Erhalt der Seitenflügel sei bautechnisch nicht möglich, weil unterirdische Mineralquellen geschützt werden müssten.
Ingenhoven kanzelte auch seinen „Lehrmeister“ Frei Otto ab, der kürzlich auf wasserwirtschaftliche Risiken des Tiefbahnhofs aufmerksam gemacht hatte: Otto sei „weder qualifiziert, noch geeignet“, diese Risiken zu beurteilen. Im Übrigen seien Verkehrsbauwerke „immer schon Veränderungen unterworfen gewesen.“ Protest sei bei Großprojekten weltweit üblich. Die „Stuttgarter Zeitung“ urteilt über Ingenhovens Auftritt: „Selbstzweifel befinden sich nicht im Gepäck“.
Einige Architekten werden ihre ganz spezielle Erinnerung an den Nordflügel des Bonatzbaues pflegen. So auch ich. Hier befand sich im letzten Jahrhundert der Nachtschalter der der damaligen Bundespost. Man erinnere sich an die Auslobungstexte von Wettbewerben wie: Abgabetermin ist der soundsovielte (Datum des Poststempels). An eben jenem Datum trafen sich kurz vor Mitternacht bei wichtigen Wettbewerben doch ein Dutzend oder mehr Architekten mit ihren unförmigen Planrollen kurz vor Mitternacht an besagtem Nachtschalter zur Abgabe.
Die tragische Helden des Entwurfsgeschehens waren jene, die schlechtriechend und verzweifelt um zwei Minuten nach Mitternacht am Schalter ankamen, weil sie etwa eine halbe Stunde oder so im Stau auf der Weinsteige standen. Aber was wäre eine Tragödie ohne Deus ex machina? Dieser erschien gelegentlich so wird berichtet in Form von zwei Poststempeln. Der eine zeigte auf wundersame Weise 23.58 Uhr an, während der andere inzwischen schon bei 00.04 Uhr angekommen war. Zeit ist nichts ohne Bewegung und Raum, das wissen wir seit Sigfried Giedion, und so konnte es geschehen, dass unter Würdigung der Verzweiflung des Architekten, aber auch mal unter Würdigung einer Flasche Schnaps, die Planrolle um 00.05 Uhr vom Schalterbeamten den Poststempel 23.58 Uhr erhielt.
Grad no rechtzeitig, da henn Sie aber Glück g´hett! Ja, sagte man dann, Ja, Ja, Ja!
Einen Kommentar zum Kollegen Ingenhoven kann und will ich mir dann doch nicht verkneifen:
Was macht den eigentlich so sicher, dass er für die Bahn AG mehr als den nützlichen Idioten gibt, und dass man seinen Entwurf nicht in Bälde genauso überbügelt, wie den von gmp in Berlin? Ein wenig Vorsicht wäre angebracht!
Und ich möchte auch keinesfalls unser Grundrecht auf freie Meinungsäusserung in Frage stellen. Demonstrationen sind ein wichtiger Bestandteil unserer Demokratie und sehr wichtig. Auch in diesem Fall.
Wahrscheinlich sind wir uns in der Sache alle einig, dass die geplante Umstrukturierung gewisse Vorteile (und Nachteile) mit sich bringt. Die Frage ist "nur" rechtfertigen diese Vorteile diese Wahnsinnssummen?
Man mag mir zu recht Polemik und vielleicht zu unrecht Naivität vorwerfen, aber ich denke keiner von uns durchschaut das vorhandene Daten-, Fakten-, Informationgewirr in seiner Gänze. Ich meine sogar es ist naiv zu glauben, dass zu können.
Deshalb muss ich auch als engagierter Bürger diese Entscheidung leider Leuten überlassen, die von berufswegen dazu verpflichtet sind, sich umfänglich zu informieren und nach bestem Wissen und Gewissen zu entscheiden, den Politikern.
Dabei ist es natürlich zu einfach alle Gegner als autonome Chaoten ohne Sachverstand darzustellen. Es ist aber auch zu einfach alle Befürworter als unredlich, undemokratisch und größenwahnsinnig zu bezeichnen.
Die Diskussion ist zu komplex um ein uneingeschränktes "ja, wunderbar" oder "nein, furchtbar" zu formulieren. Und dabei reden wir noch nicht einmal über die Architektur, die ohne Zweifel streitbar ist.
Ich möchte meine bisherigen Kommentare als überspitzte Anwort auf diesen als "Bericht" getarnten Kommentar verstanden wissen und mich nochmals entschuldigen. Ich wollte - und habe - hier niemanden persönlich angegangen und möchte das auch so belassen.
P.S.:
Auch ich als unkritischer Naivling stelle mir letztendlich die Frage, warum die Asbestsanierung für 70.000 Euro (hypothetisches Fallbeispiel) im Kindergarten nebenan wegen der Finanzlage von Stadt und Land nicht durchgeführt werden kann, aber gleichzeitig 4,7 Mrd. Euro (+ X) in Stuttgart 21 gepumpt werden.