Schloss mit lustig
Humboldtforum in Berlin darf gebaut werden
Nun ist es also amtlich: Die Rekonstruktion des Berliner Stadtschlosses darf nach den Plänen des italienischen Architekten Franco Stella mit seinen Vertragspartnern gmp und HSA gebaut werden. Das hat das Oberlandesgericht Düsseldorf gegen Mittag des 2. Dezember 2009 entschieden. Ganz sauber sei das Verfahren allerdings nicht abgelaufen, so das Urteil: Formell sei der Vertrag zwischen Stella und Bundesbauministerium tatsächlich „rechtsunwirksam“ (wegen einer Verletzung der Vorinformationspflicht); inhaltlich sei das Vergabeverfahren aber nicht zu beanstanden. Daher könne nun ein neuer Vertrag abgeschlossen werden – mit Stella.
Die Bundesrepublik hatte beim OLG gegen ein Urteil der Vergabekammer des Kartellamts Beschwerde eingelegt, die den Vertrag zwischen Stella und Bundesrepublik (vertreten durch das BBR) für ungültig erklärt hatte – nach einer Klage eines der dritten Preisträger im Schloss-Wettbewerb, Hans Kollhoff. Strittig war am Ende auch gewesen, ob Stella überhaupt noch das Weisungsrecht beim Bau des Humboldtforums hatte. Das OLG stellte fest, dass dem so sei, d.h. das Weisungs- und Direktionsrecht beim Bauverfahren liege laut Vertrag trotz der Mitbeauftragung der großen Architekturbüros gmp und Hilmer & Sattler weiterhin bei Stella, obwohl dieser lediglich 35 Prozent der Planungsleistungen erbringen wird, er keine Weisungsbefugnis gegenüber den beiden Partnern habe und Entscheidungen nur einstimmig mit ihnen getroffen werden dürfen. Für das OLG ist es zudem kein Widerspruch, dass Stella nirgends im Vertrag als verantwortlich für Planungs- und Bauleistungen genannt wird.
Eine weiterer Streitpunkt war zudem, ob Stella überhaupt zum Verfahren hatte zugelassen werden dürfen. Auf Nachfrage der BauNetz-Redaktion teilte das Oberlandesgericht mit, die Richter hätten entschieden, dass auch hier dem BBR kein Vorwurf zu machen sei. Der Auslober bzw. Bauherr müsse nicht nachprüfen, ob die Selbsterklärung des teilnehmenden Architekten wahr sei, vielmehr dürfe er sich darauf verlassen, dass der Architekt die Wahrheit sage. Die Erklärung des Präsidenten der Architektenkammer von Vicenza, der Stellas Angaben zu Mitarbeiterzahl und Umsatz bestätigte, entlaste Stella zusätzlich, so das OLG (konträre Details dazu in der BauNetz-Meldung vom 1. Dezember 2009).
Kommentar der Redaktion
Niemand, der ernsthaft an der baukulturellen Entwicklung dieses Landes interessiert ist, kann sich rückhaltlos über das Düsseldorfer Urteil freuen. Sicher, einem Abgleiten in einen angestrengten Bürokratismus im Wettbewerbswesen wird dadurch der Riegel vorgeschoben. Der Auslober darf sich weiterhin auf die Eigenauskunft des Architekten verlassen, das wurde bisher nicht nachgeprüft, in Zukunft wird es das auch nicht. Bloß: Warum baut man dann überhaupt solche Hürden auf? Immerhin waren diese im Vorfeld des Wettbewerbs Gegenstand heftiger Debatten – und wurden schließlich ja auch entschärft.
Einen weiteren Aspekt stellt Nikolaus Bernau in der Berliner Zeitung heraus: Durch die Bestätigung der Vertragskonstruktion zwischen Stella, gmp und HSA, bei der der Wettbewerbsgewinner Stella lediglich 35 Prozent der Entwurfsleistung erbringt, werde eine Entwicklung des Architektenberufs (mit seinem Detailwissen von der „Stadtplanung bis zur Türklinke“) hin zum „Gestaltungsoberherren“ (Bernau) begünstigt. Dadurch degeneriere die „Architektur als Gesamtwerk aus sozialem, politischem, kulturellen und physischem Raum, aus Baukonstruktion und Gestaltung letztlich zur Fassaden- und Raumdekoration.“
(cv)
Ich wiederhole hier einen Teil meines Kommentars zur Meldung vom 1.12. :
Natürlich weiss ich nicht, wie Stella arbeitet.
In Mailand jedenfalls gibt es neben der Lehranstalt des jungen Noebel, der Gregotti associati, noch mind. 2 weitere, sehr bekannte Büros.
Dort arbeitet man mit wenigen Mitarbeitern auch an sehr grossen Projekten, indem man unter anderem die Ausführungsplanung "abgibt" und lediglich begleitet.
Auch viele "kleine" Italienische Büros arbeiten so. Bevor der Aufschrei der dt. Architekten zu hören ist: Ja, man kann so auch gute Details erzielen. In Italien gibts dafür eben den "Ingegnere", selber konzentriert man sich auf den Entwurf, auch der Details, aber ohne sich mit dem Zulassungszeugnis jeder Abdichtungsfolie zu beschäftigen...
In Deutschland hätten diese Büros 10 - 20 CAD-Arbeitsplätze, auf den Webbsites wird hier ja auch gerne mit solchen Wichtigkeiten geprahlt.
Herr Noebel gibt dort sogar an, unter anderem 2 DIN-A3 Drucker zu besitzen, herzlichen Glückwunsch.
Ergebnisse dieser "ital." Arbeitsweise aus den angesprochenen Mailänder Büros sind auch in Berlin zu sehen. Nur selten wird diesen
Degeneration vorgeworfen.
Eine andere Frage wäre, ob diese Arbeitsweise bei deutschen Büros zu Degeneration der Architektur führen könnte.
Das wäre sicherlich nicht einfach, da einige Dinge entfallen würden:
-Prahlerei mit Anzahl der Arbeitsplätze
-"Universaldiletantismus" (zumindest teilweise)
-"Gesamtherrschaftsanspruch" und Gott- Komplex
Ob in Italien allerdings weniger Stahlträger aus Bahnhofsfassaden auf die Strasse fallen als in Deutschland, vermag ich nicht zu sagen, da sind die Statistiker unter uns gefragt.
Hat denn niemand an die Folgen gedacht?