Platz da für die neue Kirche
Hübotter + Stürken + Dimitrova gewinnen in Hannover
Viele Bauwerke der 1960er Jahre in Deutschland haben es derzeit schwer. So auch in Hannover: Im Stadtteil Stöcken soll die schlichte Corvinuskirche von Roderich Schröder einem Neubau weichen. Nach dem jahrelangen Denkmalstreit einigten sich das Land Niedersachsen und die evangelisch-lutherische Kirchengemeinde Ledeburg-Stöcken darauf, das gesamte Kirchenensemble durch ein Gemeindezentrum zu ersetzen. Der Kirchenvorstand hat inzwischen einen Abriss beantragt – ein Erhalt des Bestands aus fünfeckigem Zentralbau mit zeltartiger, gefalteter Dachform und freistehendem Glockenturm sei wirtschaftlich nicht zumutbar. Daraufhin lobte die Kirchengemeinde in Kooperation mit der Landeshauptstadt einen nichtoffenen Wettbewerb für den Neubau eines Gemeindezentrums mit einer Kita aus. Wie die Auslobung erklärt, soll der Neubau „deutlich als kirchlicher Gebäudekomplex“ erkennbar sein, wobei ein neuer, schlichter Glockenturm „die prägende Dominanz des erhabenen Turms der ehemaligen Corvinuskirche“ ersetzen soll.
Das Preisgericht unter dem Vorsitz von Zvonko Turkali (Turkali Architekten) fand am 13. März 2020 statt. Aus insgesamt zwölf eingereichten Projekten vergab die Jury drei Preise:
- 1. Preis: Hübotter + Stürken + Dimitrova Architektur & Stadtplanung, Hannover
- 2. Preis: sabo Architekten, Hannover
- 3. Preis: nga Nehse & Gerstein Architekten, Hannover
Der Entwurf des Büros Hübotter + Stürken + Dimitrova Architektur & Landschaftsplanung erhielt einstimmig den ersten Preis. Die Jury betonte, dass das Projekt die Aufgabe „sowohl architektonisch-räumlich als auch inhaltlich-geistig“ beantworte. Zudem seien die Außenbereiche klar definiert und verbänden den Eingangsplatz des neuen Kirchenzentrums mit dem Stadtteil, wodurch eine einladende Geste entstehe. Auch die Organisation der Kita wurde lobend erwähnt. Kritisch diskutiert wurde jedoch die Unterbringung der Amtszimmer und das Gemeindebüro im Erdgeschoss.
Der zweitplatzierte Entwurf von sabo Architekten wurde „hinsichtlich des Maßes der baulichen Nutzung in den Stadtraum“ positiv bewertet. Die Positionierung des Glockenturms löste jedoch wegen mangelnder Präsenz im Stadtraum Kontroversen aus. Die Grundrissorganisation der Kita und der Kirchensaal sowie die „robuste Materialität des Konzeptes“ wurde grundsätzlich positiv bewertet.
Am Projekt von Nehse & Gerstein Architekten überzeugte die Jury vor allem die städtebauliche Organisation des Geländes und der hohe Wiedererkennungswert. Die Erschließung des Gemeindesaals und die Gliederung der Kita sah das Preisgericht hingegen kritisch.
Noch in diesem Jahr soll der Abriss der Corvinuskirche erfolgen. Zahlreiche weitere Kirchen der Nachkriegszeit stehen momentan zum Verkauf – allein in der Region Hannover wurden in den vergangenen Jahren zwölf evangelische Kirchen entwidmet. Zwei davon sind bereits abgerissen. (mg)
Zeittypisch und der damaligen Mittellosigkeit geschuldet ist die sparsame Ausstattung und die funktionale, dem Industriebau entlehnte Verwendung des Materials: Sichtbeton für die tragenden Elemente, Ziegel für die Ausfachung, Drahtglas in den Fenstern. Einziger Luxus: dunkler Schiefer auf dem Dach, innen wiederkehrend als Bodenbelag des Altarraums.
Bedeutsam vor allem ist die Ausformung des Baukörpers als Zentralbau über einem regelmäßigen Fünfeck. Für die Liturgie eine bewusste Abkehr vom Frontalunterricht im Langschiff – hier wenden sich die Sitzbänke einander zu, die Gemeindemitglieder sehen sich in die Augen und richten sich dennoch auf den Altar aus. Das Raumkonzept spiegelt die Diskussion um einen demokratischen Neuanfang in der bundesrepublikanischen Nachkriegskirche, konnte sich aber nicht lange durchsetzen und blieb ziemlich einzigartig. Damit architekturgeschichtlich umso bedeutsamer.
Gründe genug für das Nds. Landesamt für Denkmalpflege, die Kirche unter Schutz zu stellen, nachdem die Abrisspläne der Hannoverschen Landeskirche 2011 bekannt wurden.
Die am Wettbewerb beteiligten Büros hätten auch wissen können, dass die Landeskirche sich schon 2016 zur Ausschreibung eines Ideenwettbewerbs genötigt sah, nachdem sie mit ihren Abrissplänen im Dezember 2014 letztinstanzlich vor dem Oberverwaltungsgericht gescheitert war. Die Aufgabe des Ideenwettbewerbs: zusätzliche Raumanforderungen für die Nutzung als Gemeindezentrum unter Reduzierung des Andachtsraumes, aber unter Beibehaltung signifikanter Merkmale des Bestands. Das Hannoversche Büro PaxBrüning gewann mit einem Entwurf, dem auch der Denkmalschutz zustimmen konnte. Der Entwurf verschwand kurz nach Veröffentlichung in den Schubladen des Amts für Bau- und Kunstpflege (vormals Kirchenbauamt). Die Landeskirche erklärte die kalkulierten Kosten für unzumutbar, ohne jemals Zahlen zu veröffentlichen. Stattdessen konnte sie mit dieser behaupteten Unzumutbarkeit im Juni 2017 das Nds. Ministerium für Wissenschaft und Kultur zu einer Abrissgenehmigung pressen – ein "Benehmen" wurde hergestellt, auf Grundlage der Loccumer Verträge. Feudales Kirchenrecht schlägt immer noch bürgerliches Verwaltungsrecht.
Die jetzt beteiligten Büros werden argumentieren: Wenn wir es nicht machen, werden es andere machen. So ist noch jede Schandtat entschuldigt worden. In der hannoverschen Architektenszene hat es, mit Ausnahme eines renommierten hannoverschen Architekturhistorikers, bisher keinen nennenswerten Protest gegen die Aushebelung des Denkmalschutzes gegeben. Obwohl das Thema jahrelang in der Regionalpresse war. Und gut dokumentiert in Wikipedia unter "Corvinuskirche (Hannover)"
Till Schröder, Hamburg
Das kritikwürdige ist nicht, dass hier ein Preis "unfassbar schrecklich" ist, sondern, dass wieder die mutloseste und verkaufbarste Kiste gewonnen hat.
Sicher, das kann man alles DIN-gerecht und Systemkonform "sauber" bauen. Aber soll das die Messlatte für unsere (halb)öffentlichen Bauten sein? Wir reden doch ständig über "Baukultur", nur sehe ich die leider meistens nicht bei uns stattfinden, sondern in der Schweiz, in Belgien und seit neustem auch in Festlandchina. Bei uns bleiben viele Alltagsbauten glatte Industrieprodukte, die, aus den schüco-, Knauf- und Sto-Katalogen zusammengesucht werden - Abriss nach 25 Jahren mit einkalkuliert.
Solche konzeptlosen Häuser kennen kein Grau mehr, kein Alter und auch keine Freiheit. Es sind Konsumentenhäuser. Einen Willen oder gar eine Seele haben diese nie besessen. So etwas macht mich traurig, besonders wenn der Vorgängerbau alle diese Attribute aufwies...
kirchlein, versteck dich: warum der bestand auf die halde wandert, muss man sich schon mal fragen. ...der architekt hat ja rein gar nix damit zu tun. der arme knecht des bauherren hat brav seinen wettbewerb ausgeführt und bekommt nun im darknetz des bauwesens - die kommetarspalten des baunetz - böses gewitter auf sein orgelspiel am keyboard...
Keiner der hier zu sehenden Beiträge ist unfassbar schrecklich oder gar eine Gefahr. Natürlich kann man kritisieren, bemängeln, nörgeln oder einfach nicht schön oder zu modisch finden.
Aber die Kommentare hier greifen die "Kollegen" zu sehr an. Und wer selbst was drauf hat tut das in dieser Form nicht.
Jeder der hier so über Kollegen "abkackt" sollte gleich einen Link mit seinem Werk hinterher schicken.
Wenigstens einmal wird erwähnt das es am Ende ja der Bauherr und die Jury den Gewinner auswählt. Also bitte kritisiert die, denn das sitzen allzuoft die wirklichen Schwachpunkte der Lösungsfindung (plus Verwaltung, besonders in Hannover).
einzig die kitas und altenheime der kirchen werden gebraucht, also baut die kirche eben kitas mit angegliedertem gebetsraum. warten wir noch einmal 30 jahre, und man kann den gebetsraum abreißen und den rest verstaatlichen?
trauriges ende einer einst hoffnungsvollen und starken weltreligion/-kultur. an ihre stelle treten v.a. egoismus und ellbogenmentalität. das kann eigentlich nicht gut gehen.