Der Stein vom Stachus
Hotel in München von Nieto Sobejano Arquitectos
Das Hotel Königshof am Münchner Karlsplatz – der vielmehr unter dem inoffiziellen Namen Stachus bekannt ist – gehörte über Jahrzehnte zu den ersten Adressen in München. Auch wenn es den in den 1950ern errichteten und in den 1970ern im Erscheinungsbild veränderten Nachkriegsbau seit 2019 nicht mehr gibt, haben die meisten Münchner*innen ihn noch nostalgisch vor Augen. Doch etwas Größeres sollte her. Nun steht an seiner Stelle ein Kubus mit strahlend frischer Natursteinfassade und markanter Fuge. Im Sommer 2024 hat das neue Hotel Koenigshof Munich eröffnet.
Der Name adressiert eine internationale Klientel für das Fünf-Sterne-Haus, das nun zur „Luxury Collection“ des Betreibers Marriott International gehört. Die Umsetzung von Nieto Sobejano Arquitectos folgt dabei dem über zehn Jahre alten Entwurf. 2014 erhielt das Büro mit Sitz in Madrid und Berlin im Nachgang eines geladenen Wettbewerbs mit drei Siegern den Zuschlag. Lediglich die Auftraggeber änderten sich. Den Neubau hatte zunächst die Hoteliersfamilie Geisel, langjährige Eigentümerin des Königshofs, initiiert. Vor drei Jahren, also noch während der Bauphase, übernahm die ebenfalls alteingesessene Münchner Unternehmerfamilie Inselkammer mit ihrer Holdinggesellschaft Inka Karlsplatz.
Es war keine leichte Aufgabe für das Planungsbüro, denn die städtebauliche Rolle ließ sich von Anfang an schwer erfüllen. Die Kritik setzte früh ein und war groß. In solch prominenter Lage sei weit mehr Zurückhaltung gefordert, so der Tenor. Das ikonische Pini-Haus im Hintergrund, das berühmte Karlstor gegenüber, das denkmalgeschützte ehemalige Kaufhaus der Familie Zechbauer nach Süden und der Justizpalast im Norden, all das verlangt zweifelsohne Demut.
Doch das viel größere Volumen allein den Architekt*innen zuzuschreiben, wäre falsch. Immerhin: Ganz so brüskierend wie in den Visualisierungen wirkt der Fassadenspalt nicht, die Materialwahl der Hülle fügt sich in den Kontext ein, und das „Einknicken“ in der Kubatur zum Stachus hin nimmt dem mächtigen Stein etwas an Wucht. Aber der gesprengte Maßstab fällt dann doch jedes Mal ins Auge.
Realisiert haben Nieto Sobejano ein Haus mit 57 Zimmern, 49 Suiten, Verkaufs- und Gastronomieflächen. Der Gestaltungsansatz legt Wert auf eine Öffnung zur Stadt, wie die Architekt*innen betonen. Die Merkmale „Frontalität und Axialität“ wollten sie der Lage und früheren Bebauung entsprechend fortführen. „Die Gebäudefuge ist die architektonische Auseinandersetzung zwischen Innenraum und Außenraum und verbindet das Gebäude mit dem Stadtraum,“ erklären sie.
Eine großflächige Verglasung innerhalb der Fuge schirmt das Geschehen am belebten und vielbefahrenen Stachus akustisch ab, nicht jedoch visuell. Jede Ebene gibt den Blick auf das Karlsplatz-Rondell und die Altstadt frei. Folglich sind zu diesem Kern hin auch alle öffentlichen Bereiche angeordnet, etwa der repräsentative Vorplatz auf Straßenniveau, weiter oben gut besuchte Terrassen, innen ein Atrium, die Lobby, diverse Aufenthaltsbereiche, Bar und Restaurant.
Man hat es nicht leicht in München, am Stachus schon gar nicht. Vor dem Hintergrund der Brache, die der insolvente Investor Signa in der weiteren Achse zwischen Stachus und Hauptbahnhof hinterließ, ist der neue Koenigshof immerhin vollbracht. Fraglich bleibt, an was man sich zuerst gewöhnen wird: an den Neubau oder an die Schreibweise. (sab)
Fotos: Roland Halbe
Statt Wiederholung im Dachgeschoss, ein Mansarddach verkleidet mit den Lamelen der Fuge als vernünftiger Abschluss... Hätte m.E. das Gebäude durch die beiden fugenbegleitenden Mansarddächer optisch zusätzlich mehr aufgelöst.
Viele Investoren hätten diese Lufträume voll ausgenutzt und die Nutzfläche mit dem Blick auf den Stachus maximiert. Was die Höhe angeht - mit dem Stadttor vis-a-vis verträgt finde ich verträgt der Platz das städtebaulich.
Eigentlich gehört hier ein öffentliches Gebäude hin, aber dass die Eigentümer den Ort nicht aufgeben wollten, ist auch nur zu verständlich. Angesichts dieser Situation (sic) finde ich das neu entstandene Gebäude ausreichend gut. Eine Aufwertung zu dem vorherigen Gebäude ist es allemal. Für meinen Geschmack hätte hier ein noch deutlich höherer Baukörper gutgetan, aber die Eigentümer konnten der Stadt ja gerade so die leichte Erhöhung gegenüber dem vorherigen Baukörper abtrotzen. Und ein noch höheres Gebäude wäre auch nur wirklich geboten gewesen, wenn hier noch weitere - idealerweise öffentliche - Nutzungen untergekommen wären als nur ein schnödes Hotel. Also: Unterm Strich besser als vorher, was schon für sich erfreulich ist. Es hätte sicher noch besser und / oder ganz anders werden können, aber das war leider in der Realität nie eine Möglichkeit. Und: Man sollte es live gesehen haben, um es wirklich einschätzen zu können. Die Fotos geben die Wirkung des Gebäudes meiner Ansicht nach nicht richtig wieder.