Der große Sprung über die Elbe
Herzog & de Meuron mit VOGT gewinnen in Hamburg
Im 19. und 20. Jahrhundert bildete der Grasbrook das industrielle Hafenzentrum Hamburgs, im 21. Jahrhundert ist er Schauplatz einer großangelegten Neuerfindung der Hansestadt. Der Große Grasbrook firmiert seit 2008 unter dem Namen HafenCity und ist nicht zuletzt dank der Elbphilharmonie von Herzog & de Meuron zu einem neuen urbanen Zentrum avanciert. Mit dem ikonischen und Blickachsen in alle Richtung öffnenden Bau hatten die Basler Architekten den Sprung über die Elbe schon eingeplant. In dem letzte Woche – wegen des Corona-Virus online abgehaltenen – Preisgerichtverfahren entschied sich nun die Zukunft für den südlicher gelegenen Kleinen Grasbrook.
Auf der als Wohnstandort vorgesehenen Elbhalbinsel sollen circa 3.000 Wohnungen entstehen, in Miete und Eigentum, für Genossenschaften und Baugemeinschaften, davon ein Drittel geförderte Wohnungen. Dazu kommt die entsprechende soziale Infrastruktur wie Kitas und Schulen.
Aus Sicht der Jury am Besten lösten das Herzog & de Meuron und VOGT Landschaftsarchitekten (Zürich), die den großen Volkspark Veddelhöft zum Zentrum einer grünen Halbinsel machen. Die ausladende Struktur des einstigen Überseezentrums soll auf eine offene, transparente Dachkonstruktion reduziert werden und künftig den Park mit der Waterkant am Prager Ufer verbinden. Gleichzeitig entsteht so ein Ort, der auch an regnerischen Tagen Aufenthaltsqualität bietet. Eine Promenade mit neun- bis zehn-stöckiger Bebauung an der Elbe verbindet das neue Quartier visuell mit HafenCity und Stadt, zudem schaffen drei, um den Zusammenfluss von Moldau- und Saalehafen platzierte Punkthochhäuser weithin sichtbare Akzente.
Die Jury unter Vorsitz von Matthias Sauerbruch lobte hier insbesondere die „einfache Grundstruktur“, die enormes Entfaltungspotential habe. „Es wird ein neues Quartier vorgeschlagen, das aus der städtebaulichen Sprache Hamburgs entstanden ist und die lokale Geschichte auf eine sehr interessante Art und Weise weiterschreiben wird.“ Die Entscheidung im Überblick:
- 1. Preis: Herzog & de Meuron (Basel) und VOGT Landschaftsarchitekten (Zürich)
- 2. Preis: Mandaworks (Stockholm) und Karres en Brands (Hilversum)
- 3. Preis: ADEPT (Kopenhagen) und Studio Vulkan Landschaftsarchitektur (Zürich)
Mandaworks (Stockholm) und Karres en Brands (Hilversum), die den zweiten Preis erhielten, schlugen den Ausbau der ehemaligen Halle des Überseezentrums zu einem kulturellen und sozialen Zentrum vor. Wohngebäude sind jeweils als Gruppen auf Sockeln zusammengefasst. Die Jury hatte jedoch Zweifel, ob das Konzept der Wiederholung für das gesamte Viertel tragfähig sei. Der dritte Preis ging an ADEPT (Kopenhagen) und Studio Vulkan Landschaftsarchitektur (Zürich), die mit ihrer Gestaltung der Uferzonen als zentrale öffentliche Räume überzeugten. Die in Nord-Süd-Richtung ausgelegten Wohnriegel böten jedoch lediglich schmale offene Räume, zudem waren der Jury die teilweise ins Wasser reichenden Gebäudevorschläge am Saalehafen zu „spekulativ“.
Das Wettbewerbsverfahren Grasbrook wurde von einem Bürgerbeteiligungsprozess begleitet, der sich aus einer Mischung aus öffentlichen Veranstaltungen und Online-Angeboten zusammensetzte. Voraussichtlich im Herbst 2020 werden die Ergebnisse des wettbewerblichen Dialogs nochmals öffentlich ausgestellt und in verschiedenen Diskussionsformaten erörtert. Im Herbst 2020 startet außerdem die formale Bürgerbeteiligung im Rahmen des B-Planverfahrens. In der Zwischenzeit stehen übrigens die Präsentationen aller drei Architektenteams sowie die jeweiligen Erläuterungen des Juryvorsitzenden Matthias Sauerbruch über die Website als Download zur Verfügung. (stu)
Die Größe der Freianlagen finde ich eigentlich mal angemessen, werden sicher aber noch schrumpfen. Mit dem Lohsepark hat die HafenCity eine Grünanlage, die unter den Größenanforderungen für Kinderspielflächen nach HBauO liegt... knappe 5 m² pro Bewohner, Stand jetzt und einige Tausend mehr werden noch folgen, wobei weitere Parks nicht wirklich geplant sind...
Man sollte sich immer mal wieder die HafenCity zu Malmö anschauen mit genug Grün für alle in bester Lage und nicht im Hinterhof...
... sollen sie doch Kuchen essen!
Eine hohe Bebauungsdichte ist nachweislich verantwortlich für soziale Desintegration, eine höhere Rate an psychischen Störungen und ein höheres Krankheitsrisiko im Allgemeinen.
Man könnte diese künstliche Delta-Landschaft wunderbar über Jahrzehnte hinweg in ein neues Blankenese-für-alle transformieren. Die ganze Welt würde die Hamburger um ihre Häuser und Gärten am Wasser beneiden.
Aber wovon wirklich niemand träumt, sind noch mehr WDVS-Platten mit Haustierverbot.
Frohe Ostern!
Im Detail wundert es mich, dass z.B. die Halbinsel im nordwesten nicht gänlich aus der Erschließung genommen wurde - wäre nicht hier in mitten der Elbe die Möglichkeit gegeben, ein Minibiotop zu installieren? Der neue Liegeplatz der "Peking" an dieser Halbinsel ist in Kontext des grünen Hintergrundes aus der Sichtachse der südlichen Kaiareale der Hafencity irgendwie verfehlt. Ist schon klar, das dass Schiff diese Sichtbarkeit erlangen soll, museal und kontextuell war das aber mal anders gedacht, der Hansahafen hätte hier dafür den richtigen Rahmen gegeben. Die Neubauten werden sich in der sehr dezenten Höhenentwicklung Elbaufwärts fahrend nun hinter dem Grün und dem Museumsschiff erschwert ins innerstädtische Stadtbild bringen, was ich sehr bedauernswert finde für die doch so überzeugende Strategie des "Sprunges über die Elbe". Die Nordbebauung greift das abendliche Westlicht bei Sonnenuntergang so gar nicht auf, schottet sich dahingehend sogar ab. Fast vergessen sind die vergangenen Ansätze mit der kontroversen Idee der "Living Bridge" oder die Olympiaplanungen. Auch wenn diese Planungen vielleicht auch zu recht keine Relevanz mehr haben, so sehr haben Sie es doch geschafft, das Interesse für den innerstädtischen Elbsprung zu wecken - davon ist nun viel auf der Strecke geblieben. Die Architektur allein wird es nun irgendwie richten müssen...