Badehaus wird Kunstort
Goldsmiths Centre for Contemporary Art von Assemble in London
Einige Londoner haben hier Schwimmen gelernt, andere The Who live gesehen, sich Wrestling-Shows angeschaut oder kamen nur zum Duschen vorbei: Die Laurie Grove Bäder in New Cross, Südlondon waren schon immer mehr als ein Schwimmbad. Ende des 19. Jahrhunderts wurden sie vom Architekten Thomas Dinwiddy als Badehäuser für eine Arbeiterklasse erbaut, die in ihren Häusern kein fließendes Warmwasser zur Verfügung hatte. Im Laufe ihres 120-jährigen Bestehens sind die Bäder zum einem Ort von lokaler, sozio-politischer Bedeutung geworden und nehmen mittlerweile einen bedeutenden Platz in der Londoner Musikgeschichte ein. Nun bekommen sie abermals eine neue Nutzung.
2014 wollte die derzeitige Mieterin, das Goldsmiths College der University of London, Teile des Gebäudes zu einer Kunstgalerie umwandeln und lobte einen entsprechenden Wettbewerb aus. Nach der Schließung der Bäder 1991 erwarb das Goldsmiths den Komplex 1999 und baute die historischen Schwimmhallen zu Ateliers für die Kunststudierenden der Universität um. Doch die Technik-, Lager- und Wäscheräume im hinteren Teil des Gebäudes sowie die viktorianischen Wasserspeicher verblieben nicht nutzbar beziehungsweise waren zunehmend vom Verfall bedroht.
Mit ihrem sensiblen Vorschlag für den Umbau der denkmalgeschützten Bäder erhielt das Londoner Kollektiv Assemble 2014 den Auftrag und konnte sich gegen erfahrene Galerie-Architekten wie 6a architects oder Jamie Forbert durchsetzen. Und das mit einem Portfolio, das wenig Erfahrung im Bau von Galerien und generell von permanenten Gebäuden erkennen lässt. Denn bisher sind die Turnerprize-Gewinner aus dem Jahr 2015 vor allem durch temporäre Interventionen im Stadtraum aufgefallen. Es ist das erste große Bauprojekt der 18 zwischen 29 und 32 Jahre alten Londoner Architekten.
Mit einer Reihe von Öffnungen und Einfügungen entwirren Assemble den labyrinthischen Grundriss des hinteren Gebäudeteils. Teile des Erdgeschossbodens werden entfernt, um einen zweigeschossigen Projektraum zu schaffen, der sich vom Kellergeschoss ins Erdgeschoss erstreckt. Die bisher nur über Leitern zugänglichen Nebenräume der Bäder werden durch ein neues Erschließungssystem nutzbar gemacht und mit den anderen Gebäudeteilen verbunden. Nun kann man beispielsweise von einem Balkon aus den Kunststudenten in ihren Ateliers in der ehemaligen Schwimmhalle beim Arbeiten zuschauen.
Als Kontrast zu den roh belassenen Bestandsräumen und den dunklen, mit gusseisernen Paneelen verkleideten viktorianischen Wassertanks, fügen Assemble dem Komplex zwei neue von oben belichtete White-Cube-Galerien hinzu. Und schaffen so sehr unterschiedliche Ausstellungssituationen. Entstanden ist ein 1.000 Quadratmeter großes Gebäude mit sieben neuen Galerieräumen, einem Café, einem Kuratorenbüro und einem Veranstaltungsraum.
Viele der Bauelemente fertigen Assemble selbst in ihrer Baufirma „Assemble Builders“. Mit ihrem DIY-Zugang veredeln sie industrielle Materialien in Handarbeit. Faserzementplatten, die uns als Dachabschluss bei Zweckbauten in Landwirtschaftsbetrieben begegnen, nutzen sie für Teile der Fassadenverkleidung der zugefügten Baukörper. Jedes Fassadenelement wurde im Studio von Hand türkis getönt, sodass sich im Verbund ein heterogenes Farbbild ergibt. Die Holzvertäfelung in den Wassertanks wiederum färben sie mit einer selbst gebrauten Eisenacetatfärbung in tiefem Indigo. Handgefertigte architektonische Elemente aus Beton und Keramik werden vom Kollektiv in seiner Werkstatt in den Sugarhouse Studios gegossen.
Assemble tun hier das, was sie am besten können und wofür sie alle schätzen: kleine, sorgfältige Eingriffe, die die Besonderheiten des Bestandsgebäudes markieren und mit handwerklicher Raffinesse ausgeführt sind. Sie beweisen, dass sie mit ihrem Selbstbau-Ansatz auch im großen Maßstab weit kommen. (df)