Provokation am Ku’damm
Geschäftshaus von Tobias Nöfer in Berlin
Traditionalistisch und neo-klassizistisch arbeitende Architekt*innen sehen sich regelmäßig mit dem Vorwurf konfrontiert, ihre Fassaden seien letztlich bloß aufgeklebtes Dekor. Denn hinter der dünnen Schicht aus Gesimsen und Pilastern steckt oft eben einfach nur ein schnödes WDVS. Die gern behauptete Dauerhaftigkeit, die Prinzipien des Tektonischen und die Ästhetik steinerner Solidität sind dann nicht mehr als ein Bild für die konservative Kundschaft.
Einer solchen, all zu pauschalen Kritik werden Nöfer Architekten (Berlin) bei ihrem 2018 fertiggestellten Palais Holler am Kurfürstendamm leicht kontern. Denn die Architekt*innen konnten hier voll auf eine „Materialität und Opulenz“ setzen, die dem Charakter der teuersten Straße Berlins absolut angemessen ist. Im Auftrag der Münchner Holler-Stiftung entstand ein Geschäftshaus mit Innenhof, das nicht nur in seiner axialen Monumentalität den Geist der Zeit um 1900 atmet, sondern diesen durch seine hochwertige Materialität auf geradezu verschwenderische Weise feiert.
Über die Baukosten des Hauses mit 10.500 Quadratmetern BGF schweigen sich Bauherr und Architekt aus, doch dass bei dem Siebengeschosser mit zwei Untergeschossen Tiefgarage nicht gespart wurde, sieht man sofort. Im Vestibül staunt man über Säulen aus Jura-Marmor – die aus einem Stück bestehen! –, dahinter finden sich vergoldete Wandflächen mit grazilen Pflanzenmalereien. In den Büroetagen kamen dunkles Nussholz – bei Türzargen und Fußleisten – sowie Parkett aus Eiche zum Einsatz. An der Straßenfassade wurden dem tragenden Stahlbeton dicke, teilweise aufwendig gerundete Werkstücke aus Jura-Kalkstein vorgehängt und mit Mörtel fest verfugt. Das verleiht der Front eine Dignität, die die Architekt*innen als sensibles Weiterdenken des Alten begreifen – denn Säulen oder andere klassische Ordnungselemente findet man hier bezeichnenderweise nicht. Stattdessen trifft man auf eine Neuinterpretation der typischen Berliner Geschäftshausfassade, die mit ihren geradezu wulstigen Steinen und manch seltsamer Überschneidung im Detail etwas durchaus Manieristisches hat.
Die Architekt*innen verstehen die „dauerhafte Materialität“ des Hauses explizit als einen Beitrag zum aktuellen Nachhaltigkeitsdiskurs. Was aus schwerem Stein gebaut wurde, das muss auch Jahrzehnte halten. Wichtig ist ihnen außerdem, dass die Bauherrschaft das Objekt nicht als Spekulationsobjekt sieht, sondern als langfristiges Eigentum. Das Projekt genießt einen solch hohen Stellenwert im Büro, dass dazu sogar eine schwergewichtige Publikation im Verlag Wasmuth & Zohlen erschien.
Der Titel des Buches „Haus mit Eigenschaften“ liefert eine programmatische Antwort auf das Haus ohne Eigenschaften, das sich der späte Oswald Mathias Ungers in Köln errichtete. Wer das Haus jemals besichtigen konnte, wird die Härte und Kühle dieser radikalen und hochgradig individualistischen Idealarchitektur nicht mehr vergessen. Aber macht es Sinn, auf einen solchen Extrempunkt der Architektur – der auch typologisch völlig anders gelagert ist – zu referieren? Der Bezug sei eine bewusste Provokation, gibt Anne Nöfer zu, um eine Debatte über das Haus anzustoßen. In dem Buch findet man unter anderem einen entspannten Text von Alexis Bug, der sich ausmalt wie Nöfer und Robertneun im konkurrierenden Verfahren die City West nach ihren Vorstellungen umgestalten. Das eröffnet durchaus einen Resonanzraum selbstironischer Ambivalenzen.
Der schnelle Leser wird aber doch eher an der Einleitung hängen bleiben, in der Gerwin Zohlen gleich in die Vollen geht, Nöfer als den neuen Alfred Messel feiert und anschließend die gesamte Moderne verdammt, da sie von innen nach außen entworfen habe. Dabei entkommt auch das Palais Holler nicht den Logiken der Moderne – genauer: dem zeitgenössischen Immobilienmarkt. Denn auf den Büroetagen hinter der prachtvollen Fassade wurde – wie allgemein im Bürobau üblich – mit Gipskarton und einzelnen Glastrennwänden gearbeitet, um maximal flexibel auf die Bedürfnisse der Nutzer*innen reagieren und jederzeit umbauen zu können. Also letztlich doch alles nur vorgeklebt? (gh)
Fotos: Maximilian Meisse, René Wildgrube, Torsten Zech
Die unmenschliche Moderne findet nun hoffentlich endlich ihren letzten Ruheplatz - wohl in der "Aldi" Konstruktion des "Museums der Moderne". Genau dort soll diese auch bleiben.
Der Rest Berlins soll bitte von Nöfer, Patzschke & Co weitergebaut werden. Berlin wurde genug verschandelt, jetzt ist es wieder Zeit für Ästhetik!
danke für Ihre Erwiderung. Im Kern möchte ich Ihnen gar nicht widersprechen, was den Zwang zur Investorentauglichkeit und Vermarktungsmöglichkeit betrifft. Zudem überzeugen auch mich die meisten wie sie es nennen "Pappfassaden" nicht, das wirkt gekünstelt und spielt eine Langlebigkeit in der Form vor, die das Material allerdings nicht hält.
Bei diesem Gebäude am Kudamm sehe ich diese Vorwürfe allerdings als nicht zielführend. Zum einen hat hier ein Investor wirklich mal tief in die Tasche gegriffen. Zum anderen könnte man die Fassadengestaltung auch als Weiterentwicklung verstehen. Ein konkretes Vorbild kann ich Ihnen nicht nennen, es ist tatsächlich neu. Neue Klassik könnte man sagen. Aber das ist auch kein Problem. Kollhoffs Turm am Potsdamer Platz hat mich auch immer überzeugt, obwohl er irgendwie klassisch, aber irgendwie anders ist. Ein richtiges Vorbild mag mir auch da nicht in den Sinn kommen. Auch wenn der Architekt dies heute als Export in andere Länder stellt, wobei er diese Handlung vieler Architekten ja selber kritisiert. Nöfers Haus protzt, da haben sie recht, man könnte beim heute auf Baunetz vorgestellten Suhrkamp-Haus aber auch von einem Protz an Beton und glatten Linien sprechen. Warum soll das eine richtiger oder "ehrlicher" als das andere sein?
Seien wir ehrlich, im Grunde geht es nicht um richtige oder falsche Architektur, sondern um gekonnte und nichtgekonnte. Nöfers Haus am Kudamm und der neue Surhkam-Sitz von Bundschuh sind für mich Beispiele gekonnter und überzeugender Architektur an aus meiner Sicht passenden Orten, obwohl ihr Stil nicht unterschiedlicher sein könnte. Bedenken Sie, die Investoren, der Kapitalismus und Marketingstrategen besetzen früher oder später jede Art von Entwicklung/Mode und machen daraus eine vermarktbare Marke. Auch Brandlhubers Terrassenhaus im Wedding, dort finden Sie ein internationales Publikum, aber keinen richtigen Weddinger. Sehen sie was die Investoren aus dem sogenannten Zentrum der Europacity von Robertneun gemacht haben. Von der Feinheit des Ursprungsentwurfs ist kaum mehr etwas übrig. Nehmen Sie die Häuser von Eike Becker, ist das noch Architektur oder nicht doch rein investorentaugliches Design? Stile sind nicht das Problem aus meiner Sicht, unsere Städte ertragen und benötigen Pluralismus. Über die Schnittstelle zu gekonnter Architektur ist zu streiten.
ein bisschen verwundert bin ich schon, dass Sie hier von "Abheben" von einem "Einheitsbrei" sprechen. Es mag sein, dass Baunetz ähnliche Bauten eher ignoriert, richtig ist auch, dass in diesem Fall mit Material geprotzt wird. Was die Formensprache des Nöfer-Baus angeht, ist das aber doch genau der "Einheitsbrei", den die Investoren-Architektur gerade überall hinstellt. Und da wird es halt auch meistens ekelig, weil hier eine Historisierung praktiziert wird, die zumeist mit den Stadtbildern nichts zu tun hat. Da werden Säulen-Portale und französische Balkone an einfallslos symmetrische Fassaden gepappt in Städten, die mit so etwas nie etwas zu tun hatten. Das finden sie mittlerweile genauso in Berlin, wie in München, in Köln und in Düsseldorf, in Offenbach, Wanne-Eickel und Bad Salzuflen. Überall dort, wo ein Investor etwas von "hochwertigem Wohnen" in den Prospekt schreiben möchte. Der einzige Unterschied liegt hier in der Materialwahl. Da muss man Nöfer zugestehen, dass sein Bau vermutlich nicht, wie die nur verputzen Schwestern und Brüder in kürzester Zeit gammelig und von Schmutzfahnen, Moos und Algen gezeichnet sein wird.
@Henn12:
Danke für die beiden Kommentare, die mir Zeile für Zeile aus der Seele sprechen.
@Geschmacklos:
Zwar lässt sich über Ästhetik und Geschmack naturgemäß schwer "abstimmen". Wenn dennoch Passanten und Anwohner über das Palais Holler abstimmen sollten, wäre das Ergebnis mit Sicherheit deutlich zustimmender als von Ihnen erwartet. Ist doch die Mehrheit der Bevölkerung jener schmuck- und gesichtslosen "Moderne" überdrüssig, die beispielsweise den erschreckend banalen Vorgängerbau prägte. Dessen Verschwinden dürfte wohl niemand bedauern oder sich auch nur daran erinnern, während Nöfer wieder eine "Adresse" schafft, die in ihrer Vielgestaltigkeit und Detailfreude identitätsstiftend wirkt. Damit bewirkt er ungleich mehr für den Stadtraum, ohne bloße Rekonstruktion zu sein. Wie anders ist (auch weit weg vom Ku'damms) zu erklären, dass Gründerzeitquartiere landauf, landab zu den beliebtesten und wertstabilsten Wohnlagen zählen, während die Siedlungen der Moderne bei den meisten Menschen gleichgültige bis negative Emotionen hervorrufen? Das offenbart den erstaunlichen "Riss" zwischen Fach- und landläufiger Meinung, die von Architekten und Stadtplanern allzu gerne ignoriert wird. Er ist mit dem Siegeszug der Moderne nach '45 immer klaffender geworden.
Es erschreckt mich, wie wir als Architekten oder Bauinteressierte alleine hier in der Kommentarfunktion des Baunetz miteinander umgehen.
Woher kommt nur all der Hass und die Nulltoleranz gegenüber dem Andersdenkenden? Was ist nur passiert, ich kenne noch ein anderes Land, da wurde hart gestritten, aber diese Biestigkeit gab es nicht. Gehen wir bald alle mit Keulen aufeinander los?
Ich selber stehe einer klassischeren Architektursprache näher. Dies bedeutet aber nicht, auch wenn ich im vorherigen Kommentar von Betonwürfel geschrieben habe, dass ich mir z. B. Brandlhubers Häuser nicht ansehen würde und dieser Architekturauffassung auch Respekt entgegen bringe.
Warum können wir kaum mehr miteinander diskutieren, hier zum Beispiel auch nur mal über die Geschosshöhen, dies und das, für und wider.
Warum muss die historische nationale Vergangenheit inkludiert werden nur um die Vorhabenträger herabzusetzen, ich sage sogar zu entmenschlichen. Das ist der Trick mit dem Giftschrank.
Freilich vermisse ich auch in der Baunetz-Redaktion eine ausgewogenere Berichterstattung bzw. Kommentierung, diese wirk auf mich schon länger etwas einseitig. Auch ein Redakteur hat eine Verantwortung.
Dies ist keine Kritik an einzelne oder an den Redakteuren, sondern wir alle sollten wieder einen anderen Umgang miteinander lernen. Das ist wahre Toleranz, den anderen in seiner Vorstellung akzeptieren zu lernen.
Wenn das zu schwer ist, sollten wir zumindest den Respekt voreinander wieder lernen. Es gibt nicht die alleinige Wahrheit, die hat niemand für sich gepachtet.
So, etwas lang geworden, aber ich hoffe es wird verstanden, was ich ausdrücken wollte.