Mehr Zusammenleben wagen
Genossenschaftliches Wohnensemble in München
Weit im Münchner Westen, wo die bayrische Landeshauptstadt aufs Umland stößt, wächst seit 2006 der Stadtteil Freiham. Auf rund 350 Hektar sollen bis 2040 über 25.000 Menschen wohnen und 18.000 Arbeitsplätze entstehen. Seit Mitte der 2000er Jahre gibt es ein Gewerbegebiet und einen S-Bahn-Anschluss, es folgten unter anderem eine modulare Grundschule von Wulf Architekten 2018 und der Schulcampus von schürmann dettinger architekten 2021, kurz darauf der Sportpark von Georg Scheel Wetzel.
Parallel dazu werden Wohnungen gebaut, wobei ein Drittel der Baufläche, wie in München üblich, an Genossenschaften gegeben wird. So wurde bereits das Projekt Freihampton der Kooperative Großstadt von Klumpe Architekten 2021 bezogen, und im Februar dieses Jahres berichteten wir von einem gemeinschaftlich geplanten Ensemble dreier Genossenschaften, geplant von vier Architektur- und einem Landschaftsplanungsbüro.
Nun meldet das Projekt mit dem schönen Namen wagnisWEST seine Fertigstellung. Die Münchner Wohnbaugenossenschaft wagnis hat zusammen mit der Wohnungsgenossenschaft München-West (WGMW) in Freiham fünf Häuser mit insgesamt 134 Wohnungen auf 21.690 Quadratmetern Bruttogeschossfläche realisiert. Davon entfallen 97 Wohnungen auf wagnis und 37 auf die WGMW. Der Entwurf stammt von AllesWirdGut Architektur (Wien), die 2018 den 1. Preis im Wettbewerb gewannen und das Projekt bis Leistungsphase 4 führten. Die Planung in der Leistungsphase 5 übernahm das Augsburger Büro Titus Bernhard Architekten, die Phasen 6 bis 8 das Architekturbüro Köhler (München).
Man habe in dem Projekt „unterschiedliche Intensitäten des Zusammenlebens“ verbinden wollen, schreiben AllesWirdGut, „von Einzelwohnungen über Hausgemeinschaften“ mit gemeinschaftlichen Wohnzimmern „bis zu Cluster-Wohnungen“. Grundsätzlich sind die privaten Rückzugsflächen in den Wohnungen eher klein, um die gemeinschaftlichen Räumen großzügiger gestalten zu können. Dieses Leitbild setzt sich in den Außenräumen fort.
Zwischen den fünf unterschiedlichen Baukörpern sind vielfältige Räumen entstanden, von der Streuobstwiese bis zum Stadtplatz. Die Anlage soll nicht nur die Entwicklung einer Gemeinschaft fördern, sondern auch die Qualitäten von Stadt und Dorf am Stadtrand Münchens zusammenführen.
Trotz ihrer Unterschiede sind die fünf Häuser als Ensemble erkennbar. Jedes steht auf einem Sockel aus Sichtbeton, in dem Eingänge, Foyer und Gemeinschaftsräume untergebracht sind. Die Wohngeschosse darüber zeigen Holzfassaden mit verschiedenen farbigen Anstrichen. Auch die Fensterformate tauchen in unterschiedlichen Zusammensetzungen immer wieder auf.
Alle Wohnungen werden über Stege erschlossen. Mal als Laubengang, mal als Brücke über den öffentlichen Fußweg, mal als Wegenetz im Inneren ausgeführt, sollen sie spontane Begegnungen ermöglichen und Blickbezüge bieten. Dieses Wege-Konzept dient schon fast als eine Art Erkennungsmerkmal für Wagnis-Projekte: Auch die 2017 eingeweihten, mit einem DAM-Preis ausgezeichneten Häuser der Wohnanlage „wagnisART“ im Münchner Nordosten sind beispielsweise mit einer sogenannten Terrassenbrücke verbunden. (fh)
Fotos: Connolly Weber
- Architektur (LPH 1-4):
- AllesWirdGut
- Objektplanung (LPH 5):
- Titus Bernhard Architekten
- Objektplanung (LPH 6-8):
- Architekturbüro Köhler
- Bauherrschaft:
- Wohnungsbaugenossenschaft wagnis eG und Wohnungsgenossenschaft München-West
- Fläche:
- 21.691 m² BGF
Die BauNetz WOCHE #620 widmet sich den Neubaugebieten an Münchens Rändern, zu denen neben Freiham auch die Messestadt Riem, Neufreimann und das Zukunftsquartier Münchner Nordosten gehören.
Zum Offensichtlichen: - Die Überführung des B-Plans in diese Gebäudeform ist sehr gelungen, die Außenräume sinnfällig. - Die Wohnungen sind, bis auf geringste Ausnahmen, mehrseitig orientiert, eine direkte Folge der Kubaturen und der Erschließung. - Die Fassaden zeigen ein ausgewogenes Bild und Materialisierung. Das vorausgeschickt, erlauben Bild 3 und 6 folgende Beobachtung: - Stark unterschiedliche Stützweiten werden mit immer gleichem Trägerquerschnitt überspannt, was dem Wunsch nach gestalterischer Beruhigung entspringt und der Reduzierung von Vielfalt der Ausführung. Es wird ein Mehr an Material verwendet als technisch notwendig. Welche Qualität entsteht dafür? - Bild 3 zeigt die Kombination von Stütze, (tlw. unterspanntem) Träger, Decke, es lastet an dieser Stelle recht schwer für mein Empfinden. Darüber aber schwebt dann das weiße Wölkchen eines, nein, zweier Vordächer, und der Blick endet am Dachaufstieg. Nichts daran ist "falsch geplan", aber fällt beim Blick aufs Foto eben auf. - Die Entwässerung ist sinnvoll integriert, keine Bögen oder Ähnliches. Die Entwässerungsrinne kommt ohne Abdeckung aus, die Fertigteilplatte wird oberseitig mit einem durchgehenden Belag verbunden, alles wird bzw. ist gut. - Schade dagegen: Banal, Blumenkübel, Haar in der Suppe, "völlig fernab der praktischen Realität", fehlende Kompetenz: Alles Ihre Worte!
und ohnehin, die platz- und begegnungssituationen sind wesentlich ansprechender als in den meisten fällen aller blockrandbebauungen. ebenso die treppensituationen. sind meines erachtens einladender und tatsächlich kommunikativer als in klassischen treppenhauskernen. die laubengänge sind etwas schmal und dürftig ausgebaut, aber das sind klassische themen die der kostendruck vorgibt. wer diese den architekten ankreidet lebt völlig fernab von der praktischen realität. auf mich macht der plot trotz der unwirklichen lage einen ziemlich lebhaften und vielfältigen eindruck.
Kann man über den § 246e BauGB eigentlich auch schlechte Bebauungspläne heilen, in dem man nachträglich rausholt, was eigentlich von Anfang an geboten gewesen wäre? Und, ja, eine Blockrandbebauung wird heutzutage leider viel zu selten ernsthaft erwogen. Warum einfach, wenn's auch kompliziert geht? ("Aber die Bauträger mögen es nicht, wenn sie eng an eng entwickeln müssen. Wir müssen uns gut stellen mit den armen Bauträgern.")
Scheinbar fehlt einigen hier die Kompetenz (muss man jetzt einfach mal anhand der Qualität der Kommentare hier unterstellen) zu beurteilen, welche Tiefe an Planungsebenen hinter solchen Projekten steckt. Man kann ja Pro/Kontra gerne sachlich und fachlich diskutieren, aber hier werden Blumenkübel und Geländer diskutiert und das Haar in der Suppe gesucht.