Baustelle Chancengleichheit
Gender Pay Gap in der Architektur
Am Montag ist Internationaler Frauentag. Deshalb melden sich derzeit verstärkt Initiativen zu Wort, die die Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern beenden wollen. Die Planer*innenszene gehört nicht unbedingt zu den Vorreitern in der Sache. Endlich scheint sich jedoch auch hier mehr zu bewegen.
Von Friederike Meyer
Es beginnt bei Namensänderungen. So nennt sich der BDA beispielsweise seit einiger Zeit „Bund Deutscher Architektinnen und Architekten“. Auch die ersten Architekturbüros ziehen nach, etwa Gruber + Popp Architekt:innen aus Berlin, die mit veränderter Bezeichnung Zeichen setzen möchten. Es geht weiter mit dem Festival Women in Architecture Berlin 2021, das im Juni erstmals stattfinden soll. Die Bewegung zeigt sich auch in der verschärften Diskussion um den Gender Pay Gap in der Architektur. Nicht zuletzt fällt der internationale Aktionstag für Entgeltgleichheit von Frauen und Männern – der Equal Pay Day – in diesem Jahr in Deutschland auf den 10. März und schafft zusätzliche Aufmerksamkeit für das Thema.
Zum ersten Mal hat die Bundesarchitektenkammer (BAK) in diesem Jahr auf der Datenbasis ihrer zweijährlichen Befragung aller Kammermitglieder eine Sonderauswertung zu Gehalt, Geschlecht und Arbeitsplatzparametern erstellt. Die Gehaltsvergleiche von 9.355 angestellten Architekt*innen und Stadtplaner*innen zu ihren Gehältern im Jahr 2019 zeigten, dass es nach wie vor gravierende Unterschiede gibt. Da Frauen deutlich häufiger als Männer teilzeittätig sind, verglich man unter anderem Stundenlöhne statt Jahresgehälter. Während angestellte Architekten 2019 im Mittel 33 Euro pro Stunde erhielten, waren es bei den Architektinnen 28 Euro. Zum Teil erklärt sich die Gehaltslücke daraus, dass Frauen häufiger in Architektur- und Stadtplanungsbüros angestellt sind, während Männer häufiger in der gewerblichen Wirtschaft (etwa im Baugewerbe oder im Grundstücks- und Wohnungswesen) arbeiten, wo höhere Stundenlöhne gezahlt werden.
Die statistische Analyse zeigt aber deutlich, dass es am Arbeitsmarkt auch dann eine Gehaltslücke gibt, wenn sich Frauen und Männer in lohnrelevanten Merkmalen wie Arbeitsumfang, Berufserfahrung, Größe und Art des Arbeitgebers sowie Position im Unternehmen nicht unterscheiden. Außerdem bestätigt die Untersuchung: Frauen sind weiterhin deutlich seltener als Männer in leitender Funktion angestellt.
Für mehr Chancengleichheit setzt sich nicht nur die Projektgruppe Chancengleichheit der BAK ein. Architekt*innen und Bauingenieur*innen arbeiten inzwischen auch auf europäischer Ebene zusammen. Die vom Erasmus-Programm der Europäischen Union kofinanzierte Intitiative YesWePlan! verbindet Projektpartner*innen aus Deutschland, Frankreich, Österreich, Slowenien und Spanien mit dem Ziel, die Kluft zwischen den Geschlechtern im Bereich Architektur und Bauingenieurwesen zu schließen. Sie unterstützt Frauen durch Schulungs- und Beratungsprogramme und erarbeitet mit Hilfe von Länderanalysen, Best Practice Transfers und einem Career Tracking System Empfehlungen, die sich an Politik, Berufsvertretungen und Lehre richten.
Wegweisende Nachrichten kommen derweil von der EU-Kommission. Entsprechend einem gestern vorgelegten Vorschlag sollen Arbeitgeber*innen künftig zu mehr Lohntransparenz verpflichtet werden. Außerdem sollen Betroffene einfacher Zugang zu juristischen Mitteln bekommen, um sich aktiv gegen Ungleichbehandlung wehren zu können. „Gleiche Arbeit verdient gleiches Entgelt.“, sagte Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen. Arbeitnehmerinnen müssten wissen, ob ihre Arbeitgeber sie fair behandeln. Sollte dies nicht der Fall sein, müssten sie sich juristisch zur Wehr setzen können und das bekommen, was ihnen zusteht, so die Präsidentin weiter.
Dass theoretisch derzeit jede Einzelne juristisch durchsetzen muss, was eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein sollte, zeigt die ZDF-Investigativjournalistin Birte Meier. Im vergangenen Jahr hat sie vor dem Bundesarbeitsgericht erstritten, dass auch arbeitnehmerähnliche und freie Mitarbeiterinnen Auskünfte über die Gehälter ihrer Kolleg*innen erhalten dürfen – und dass das entsprechende EU-Recht, das in dieser Hinsicht für Frauen vorteilhafter ist, auch in Deutschland gilt. Was nach einem Detail klingt, ist ein riesiger Schritt für die Durchsetzung des Rechts auf angemessene Bezahlung und sollte jeder Frau Mut machen, aktiv zu werden.
Seit 2019 ist Berlin das einzige Bundesland, in dem der 8. März als gesetzlicher Feiertag gilt. Der nächste BauNetz-Newsletter erscheint deshalb erst am Dienstag!
Zum Thema erschien Baunetzwoche#497 „Wenn Frauen bauen“.
Das liegt daran, dass wir Frauen, wenn wir denn dann unsere - geringer bezahlte - Arbeit getan haben (einschließlich der branchenüblichen Überstunden, die es, tatsächlich, auch im Öffentlichen Dienst in diesem Fachbereich zuhauf gibt...), nach Hause kommen und uns um Kind, Kegel und Haushalt kümmern, statt um schöne oder auch nicht so schöne Architektur ;-)
wünsch ich mir. Wieso ist das hier eine weitgehende Männerdomäne. Woran liegt das? Als Frage an die Frauen
was Ihr hier beschreibt, insbes. @claus und @besagte Freundin, das ist leider die Regel, nicht die Ausnahme. Nicht nur in unserem Job gibt's einen "Fehler im System". Ihr, die Ihr vielleicht etwas jünger seid, denkt vielleicht, Ihr wäret damit alleine. Aber fragt einmal manchen Handwerker auf Euren Baustellen, was Preiskämpfe etwa im Zuge von / seit dominierenden GU-Ausschreibungen mit seinem / ihrem Betrieb gemacht hat. Fragt den Industriearbeiter bei VW am Band, was Diesel-Gate und Roboterisierung seiner Arbeit für ihn und seine Familie bedeutet haben. Fragt die LehrerInnen und ErzieherInnen Eurer Kinder über "Work-Life.Balance". Lauscht den Worten der KrankenpflegerInnen zu ihrem "systemrelevanten" Job im Zuge der Privatisierung des Krankenhauswesens, dem Arzt, der seinerzeit daran dachte, Menschen zu heilen in diesem Prozess. Dem Flüchtling aus wer weiß welchem Kriegsgebiet, der sein Leben lang "ehrliche Arbeit" geleistet hat, irgendwann hoffte, hier ein besseres Leben, mehr Sicherheit für sich und seine Liebsten zu finden und nun als Kurier / Fahrer für Amazon etc. irgendwie überlebt. Getrennt von seiner Familie, weil die Ämter ihm das auferlegt haben, nachdem die Verzweiflung zu "häuslicher Gewalt" allzu häufig von beiden Seiten geführt hat. "Teile und Herrsche" ist der wichtigste Duktus in diesem faulen System. Und @ixamotto: einmal mehr haben Sie Recht: Kammern und Verbände sind da alleine "Elitenverbände", sie erfüllen da in keinster Weise gewerkschaftliche Aufgaben. Überhaupt: an Themen, wie sie hier erörtert werden besteht kein Interesse. Also bestehen sie fort. Sozusagen "Naturgesetz". Betrachtet aber andererseits exemplarisch alleine die Sprache und ihren Gebrauch, in dem wir hier gefangen sind: 1998 hat Richard Sennett "The Corrosion of Character" geschrieben. Im Deutschen wird der Titel zu "Der flexible Mensch" weichgespült. Wenn es uns gar verboten ist, mit starken Bildern unseren Zustand und den Zustand von Brüdern und Schwestern (sorry, ich habe mit vielen gläubigen Menschen an manchem Ort gelebt und gearbeitet) zu beschreiben, was ist dann ein solches System noch? Auch einfach in seiner staatstheoretischen Definition: Monarchie, Oligarchie, Tyrannis, Demokratie? Wie dem auch sei: Solidarität, und dazu gehört auch diese Aussprache hier ist unsere einzige Chance. Auch mit den vielen, die jetzt in der nach der Pandemie benannten Rezession ihre Existenzgrundlagen verlieren. Denn das ist das Wesentliche: verliert nicht den Blick über den Tellerrand beim Betrachten eigenen Leids.
@solong: ganz nett wie sie hier ihren steinzeitchauvinismus zur schau stellen. ich dache ja immer, dass ihre pünktchen irgendein rhetorischer trick sein sollen, aber vielleicht handelt es sich lediglich alterstatterigkeit. Was sie aber ganz gut zur schau stellen ist ein klassisches arbeitgeberargument nach dem motto "ach die 200 euro, jetzt haben sie sich mal nicht so." 250 € jeden monat über 30 jahre angelegt, sind bei einer moderaten aktienrendite p.a. von 5% etwas über 200.000 € und sein wir mal ehrlich: am ende ist es die frage, ob die kohle auf dem eigenen konto liegt oder auf dem des arbeitgebers. Aber ach, nun haben sie sich mal nicht so – vom respekt vor der arbeit ganz zu schweigen... @kammerargumenten: ich mag solche wir-gegen-die-debatten eigentlich nicht, aber die zeiten haben sich gewandelt. vor 30 jahren, als fast alle wettbewerbe offen waren und man weniger probleme hatte sich selbstständig zu machen, waren solche gedanken relativ egal. In einer zeit wo die meisten architekten ein großteil ihres arbeitslebens als angestellte verbringen werden, liegt die sache in meinen augen aber etwas anders. Und ich sehe die architektenkammern als berufsständige vereinigungen in der pflicht auch etwas für den großteil ihrer beitragszahler zu tun. Das wird in den jetzigen strukturen sicher nicht funktionieren, da die kammern aber auf demokratischen prinzipien aufbauen, kann man versuchen das ändern...