Ein Mittelpunkt für Manheim-neu
Gemeindezentrum mit Kapelle bei Köln von office03
Manheim-neu ist ein Stadtteil von Kerpen in der Nähe von Köln. Ein Ort ohne Geschichte – anders kann man es eigentlich angesichts der kahlen, bisher noch ziemlich vegetationslosen Straßen nicht sagen. Eine Vorgeschichte gibt es allerdings schon. Denn Manheim-neu entstand infolge der Umsiedlung des alten Manheim. Das Dorf wurde für die Kohleförderung im Rahmen des Tagebaus Hambach geräumt und inzwischen auch größtenteils abgerissen. Im neuen Ort errichteten office03 // waldmann & jungblut architekten (Köln) ein katholisches Gemeindezentrum samt Kapelle und Bibliothek. Der Gebäudekomplex ersetzt die historische Kirche St. Albanus und Leonhardus. Mit Blick auf rücklaufende Besucher*innenzahlen wurden die neuen Räume deutlich kleiner dimensioniert.
Eine zentrale Frage des Entwurfs war für die Architekt*innen, wie sie den Traditionen der Gemeinde im Ersatzbau eine spürbare Präsenz geben könnten. Aus der alten Kirche wurden unter anderem Bänke, Taufstein, Altar und Ambo mitgenommen. Darüber hinaus fanden Elemente wie Glasmalereien von Hermann Gottfried und Darstellungen der Pfarrpatrone St. Albanus und St. Leonhardus Platz. Auch der goldene Tabernakel ist wieder in Benutzung. Und im Kirchturm schlagen die gewohnten Glocken, während sich auf seinem Dach derselbe alte Wetterhahn dreht.
Einer Musealisierung dieser Artefakte sollte dabei entgegengewirkt werden, so office03. Das gelingt nicht zuletzt durch die Ausbildung spezifischer Nischen und Wandvorsprünge, die dem Gefüge aus Alt und Neu eine überraschende Selbstverständlichkeit geben. Dabei hilft, dass die Lichtführung durch eine mittig aufgehängte Deckenwolke von eindeutig sakralem Charakter zeugt. Die übrige Materialisierung in glattem und gestocktem Sichtbeton folge dabei laut Büro einer rheinischen Bautradition der klassischen Moderne.
Auch in städtebaulicher Hinsicht soll das Gemeindezentrum im noch arg sterilen Umfeld ortsbildend wirken. Nicht zuletzt macht der Kirchturm die Anlage zum Mittelpunkt von Manheim-neu mit seiner niedrigen Bebauung. Das kirchliche Zentrum öffnet sich zum Dorfplatz, wurde aber nach Interpretation der Architekt*innen als eine Art eigenständiger Bezirk um einen Pfarrgarten herum ausgebildet. Der prismatische Grundriss nimmt die schrägwinklige Geometrie des Bauplatzes sowie der umliegenden Straßen auf und schreibt sich so gleichzeitig in das neue Dorf ein. (sb)
Fotos: Viola Epler
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Ich frage mich, ob sich dieser gern gewählte Typus - der innere Einkehrort inszeniert als puristische Form, mit hartem Material im Streiflicht der Deckenschlitz-Beleuchtung - sich nicht eigentlich erschöpft hat. Die übersimplifizierte Umsetzung des Gebetsortes mittels Reduktion im Bauwerk einerseits (wie oft haben wir das gesehen, und wäre es nicht an der Zeit, mal einen anderen Raumcharakter zu entwerfen), und auch das doch eher rückwärtsgewandte Verständnis einer Kirche lediglich als Ort der Besinnung und des stillen Gebets. Wollen wir, wollen die Gemeindemitgleider nicht dort auch mal lachen, singen, diskutieren, ein Fest feiern, Workshops mit Kindern machen, und all das, was eine Gemeinschaft von Menschen neben der Andacht noch so ausmacht? Meine Vorstellung von Kirche wäre ganz anders als das, was dieser Raum etwas sehr offensichtlich vor sich her trägt.
Bei einem Platz in Spanien oder Italien macht man so ein Theater schließlich auch nicht. Der Vorplatz kann tatsächlich flexibel genutzt werden (ja für Frittenbuden usw.), also warum nicht.
2. Typologisch gesehen ist dies ein hochgradig intelligenter Entwurf der traditionelle Typologien (Kirchvorplatz, Claustrum, moderne Bibliothek etc) spannungsreich und gut ausgeführt (keine Ahnung auf welchem Planeten Peter lebt) verbindet.
3. Material usw. kann man natürlich diskutieren und für meinen Geschmack hätte ich Backstein bevorzugt, aber am Ende des Tages ist eine gelungene räumliche Komposition wichtiger da fundamentaler.
4. Die Aufgabe war es, eine Kirche und Gemeindezentrum zu entwerfen, und das hat der Entwurf auch sehr gut gemacht. Klar der Städtebau und die ganze Braunkohleproblematik drumherum + vertane Chancen sind nicht so toll (das gilt aber für 99% der deutschen Kleinstädte), Das kann man diesem Entwurf aber nicht anlasten.