Virtuoses Spiel mit der Ungewissheit
Futurium von Richter Musikowski in Berlin
Von Friederike Meyer
Es ist ein guter Tag für die Architektur an der Spree. Denn inmitten der kosten- und raumoptimierten Bauten südöstlich und westlich des Berliner Hauptbahnhofs wird heute ein Haus übergeben, dessen Architektur das Meckern über die Mittelmäßigkeit für einen Moment verstummen lässt: Das Futurium, gebaut nach Plänen von Richter Musikowski Architekten (Berlin). Das Futurium ist weder Entertainmentcenter für gestrandete Bahnkunden noch reines Museum. Vielmehr will das Bundesforschungsministerium hier Ideen für die Zukunft präsentieren und mit der Öffentlichkeit diskutieren. Eine Bühne soll es sein, Labor und Forum zugleich. Neben Ausstellungen über künstliche Intelligenz, selbstfahrende Autos oder Virtual Reality darf man auf den 3.000 Quadratmetern im Haus auch Kongresse und andere Veranstaltungen von zum Beispiel Fraunhofer, Helmholtz, Max-Planck und Co. erwarten.
Für ein Haus, das allen offen stehen will, haben Richter Musikowski die Schwellen nach Kräften geebnet. Ihre Idee, das Volumen über zwei Plätze sowohl zur Spree als auch in Richtung Bahnviadukt zu öffnen und die Fassaden als große Schaufenster auszubilden, hatte die Jury des Wettbewerbs 2012 überzeugt. Dass diese Schaufenster im fertigen Bau nur von innen funktionieren und von außen zumindest tagsüber als abweisende schwarze Flächen erscheinen – anstatt wie ursprünglich angedacht als großflächige Medienwände – ist das einzige Manko am fertigen Haus. An vielen Stellen offenbart es eine gestalterische Frische und Experimentierfreude der Architekten, die hier – einem offenen Wettbewerb sei dank – ihr erstes großes Werk realisieren durften.
Dies beginnt schon auf dem Platz davor. Juca Architektur + Landschaftsarchitektur (Berlin) haben die Fläche mit einem Punktraster überzogen, das den Reigen der geometrischen Grundelemente eröffnet. Rhomben und Dreiecke hingegen zeigt die mehrschichtige Fassade aus gefalteten Edelstahlreflektoren und bedrucktem Gussglas, die diffus das Licht reflektiert und subtil das Unbestimmte der Zukunft manifestiert. Die Architekten hatten dabei das Bild von Partikelströmen vor Augen, die durch Verdichtung zum Element werden. Das ambivalente Gefühl, nicht zu wissen, wie die Zukunft aussieht, vermittelt das innere Spiel der Kontraste. Gleißend hell ist das Forum im Erdgeschoss, das als Cave bezeichnete Untergeschoss kommt als Blackbox daher, im Obergeschoss, der Cloud, wirken die Fenster wie eine helle Leinwand im Kinosaal. Ob das dahinter sichtbare Kanzleramt eine Antwort weiß?
In der Abhangdecke, die Richter Musikowski zu einer artifiziellen Wolke modifizierten oder in den Akustikpaneelen im Kongressbereich, wo die Form der Fassadenelement als Lochmuster wieder auftaucht, zeigt sich ein unkonventioneller, ja fast spielerischer Umgang mit Material und Oberflächen. In Zusammenarbeit mit realities united entstand ein sensorgesteuertes Beleuchtungskonzept, das die Besucherströme über Bewegungsmelder erfasst und ihnen folgt. Auch der Erschließungskern, der zugleich als Energiespeicher wirkt, erinnert beiläufig an die bisweilen unheimlichen Anwendungen neuer Technik. Hinter runden Glasfenstern wird effektvoll beleuchtetes Paraffin sichtbar, das vor allem beim Kühlen des Gebäudes helfen soll. Das begehbare Dach vermittelt schließlich, wie viel die Zukunft mit Energiefragen zu tun hat. Der Weg ist so konzipiert, dass der Blick auf das Zentrum der Bundespolitik ohne den auf die Photovoltaik- und Solarthermiekollektoren nicht zu haben ist.
Jetzt liegt der Ball bei Stefan Brandt, seit Juni Direktor des Futuriums. Er muss das Haus nun bespielen, bis 2019 ist eine Ausstellung versprochen. Ob die Schaufenster dann vielleicht doch noch zur Medienwand werden? Wer weiß das schon. Eines jedoch ist gewiss: Für Stelltafeln von Ministerien und Industrieunternehmen ist das Haus nicht gemacht. Das ist es seinem Namen schuldig.
Fotos: Schnepp Renou
Am Samstag, den 16. September öffnet das Futurium mit großem Programm erstmalig und vorerst einmalig von 11 Uhr bis open end.
Informationen unter www.futurium.de
schön dass es sie noch gibt, mittlerweile sehe ich dass Sie alles schlecht reden und dass schon seit über 7 Jahren. Diese Kontinuität beeindruckt mich wirklich. Glückwunsch und viel Erfolg beim kommentieren weiterhin, denn die "Generation Y" ist in dieser Hinsicht auf Sie wirklich angewiesen.
_ @M&M: Ich denke, die Generation Y hat in dem Fall besser gelernt, zwischen Bauen und Posten zu unterscheiden als Sie... Hätten Sie sich nicht durch Ihre schnellen Klicks die Meinung gebildet, dass hier regelrecht "kopiert" wurde, wären Sie vielleicht sensibel genug, zwei vollkommen unterschiedliche Gebäude auseinander halten zu können. Eine rautenförmige Verkleidung, eine Auskragung oder ein großes Fenster als Argument für fehlende Innovation anzuführen, zeigt wieder die Arroganz und den Neid deutscher Architekten... Ich wäre gespannt gewesen, zu lesen, welchen Ursprung einer "Kopie" Sie für eine Klinkerfassade mit Tür und Fenster angegeben hätten. Mein Gott, heute baut man halt (leider) mit Glas, polygonalen Grundrissen, scheinbar spektakulären Auskragungen und ornamentalen Metallplattenverkleidungen. _ @solong: Die fehlende Anstrengung und Innovation, die Sie beklagen liegt wahrscheinlich eher daran, dass Leute wie Sie sich nicht an Innovation sattsehen können. Lieber würde ich mal wieder eine Diskussion über Proportion, Materialgerechtigkeit, Struktur, Organisation, architektonischer Qualität und Sinnlichkeit lesen, als ständig nur das Attribut "einfallslos" in den Kommentaren des Baunetz wiederholt zu sehen... _ @Richter Musikowski: Ich jedenfalls bin kein riesiger Fan von diesen sleeken Glas- und Aludibondfassaden. In diesem Fall allerdings sitzt dieser Stein gelungen zwischen den traurigen Nachbarn (die nicht wegen, sondern trotz der strengen Fassaden traurig und gelangweilt dreinblicken) und ist selbst die Störung im Stadtbild, die sich André S. wünscht. Die weitaus größere Qualität sehe ich aber persönlich in den saucoolen Innenräumen... Ich rufe nicht unbedingt nach mehr davon, aber an dieser Stelle und in dieser Ausführung überzeugt mich das mehr als 99% des gesamten Bahnhofsareals! Die Modellbilder auf Ihrer Seite lassen für mich allerdings erahnen, dass ein zurückhaltenderes, echtes Material dem Gebäude besser gestanden hätte, als die Glitzerfassade..
Ihr Meinung ist immer wieder belustigend. Wie Sie sich in ihrer Oberflächlichkeit suhlen und sich dabei selbst gar noch als "kontroverse" betrachten. Generalisierung erspart einem viel Denkarbeit... aber so ist sie wohl.... die Generation ...."Das wird man doch wohl noch...sagen dürfen"
Richtig gut geworden das Teil!