Licht, Orientierung und Transparenz
Folkwang-Erweiterung von Chipperfield in Essen fertig
Das Kulturhauptstadtjahr Ruhr 2010 steht vor der Tür, und eins der architektonischen Highlights, die dieses Jahr zu bieten haben wird, wurde kürzlich fristgerecht fertig gestellt: der Erweiterungsbau des Folkwang-Museums in Essen von David Chipperfield. Der Entwurf war 2007 aus einem Wettbewerb als Sieger hervor gegangen (siehe BauNetz-Meldung zum Wettbewerb vom 14. Februar 2007 und BauNetz-Meldung zum Richtfest vom 25. September 2008).
Der Neubau ergänzt den 1956 bis 1960 nach Plänen von Erich Hösterey, Werner Kreutzberger und Horst Loy erbauten, denkmalgeschützten Altbau des Museum Folkwang und bewahrt doch dessen Autonomie.
Er bildet ein eigenständiges Ensemble aus sechs Baukörpern und vier Innenhöfen, Gärten und Wandelhallen. Eine großzügige Freitreppe führt von der Bismarckstraße in den neuen Eingangsbereich, der als offener Innenhof mit Café und Restaurant sowie einer Museumsbuchhandlung konzipiert ist und durch eine Glasfassade zur Straße hin geschützt ist. „Der Hof gibt uns Abstand von der belebten Straße“ so Chipperfield. „Die Innenhöfe haben wir uns vom Altbau aus den 1960er Jahren abgeschaut. Sie geben uns Licht, Orientierung und Transparenz.“
Alle öffentlich zugänglichen Bereiche schließen sich auf einer Ebene ohne Niveauunterschiede den bestehenden Ausstellungsräumen an. Dadurch wird eine Belichtung durch Oberlichter in allen Ausstellungsräumen möglich. Zu den 1.448 Quadratmetern Fläche für die Dauerausstellung kommt ein 43 mal 34 Meter großer, stützenfreier Saal für Wechselausstellungen hinzu. Dieser kann durch Wände unterteilt werden, die an der Decke in einem Schienensystem hängen.
Aus dem Erläuterungstext von Chipperfield: „Das neue Museum Folkwang bietet eine abwechslungsreiche Raumfolge mit viel natürlichem Licht für die Ausstellungsbereiche sowie Bibliothek und Lesesaal, Multifunktionssaal für Vorträge und Veranstaltungen, Depots und Restaurierungswerkstätten. Der Neubau orientiert sich zur Essener Innenstadt und bildet im Zusammenspiel mit dem benachbarten Kulturwissenschaftlichen Institut einen neuen städtebaulichen Akzent.“
Der Neubau, der am 30. Januar 2010 seine Pforten für die Öffentlichkeit öffnen wird, umfasst eine Bruttofläche von 25.000 Quadratmetern und soll vor allem die moderne Kunst ab den 1950er Jahren, die Fotografische und Grafische Sammlung sowie das Deutsche Plakatmuseum zeigen. In dem Altbau, der durch lichte Flure mit dem neuen Baukörper verbunden ist, werden dann vor allem Kunstwerke aus dem 19. Jahrhundert präsentiert.
Ein Interview mit David Chipperfield bei www.designlines.de
Download der Baunetzwoche#111 Kultur statt Kohle – Die Metropole Ruhr
Die Erschließungsräume sind verschwenderisch, jeder Innenhof ist rundherum von einem leeren 3-4 Meter breiten Gang eingefasst. Den bisher leeren Innenhöfen wünscht man, dass sie einmal mit Skulpturen bespielt werden. Der Sonder-Veranstaltungssaal mit der bis in die Ecken durchgerasterten Lichtdecke hat etwas von Messearchitektur. Als durchgängiges Bodenmaterial wurde ein beiger Industrieboden in Pseudo-Granit-Optik gewählt. Die Fassadenprofile, die außen die vorgehängten Glastafeln halten, wurden über die ganze Gebäudehöhe mit 10 cm breiten Streifen desselben bläulich-grünen Recycling-Glases beklebt - hmmm. Als oberer Abschluss der Glasfassade ist rundherum ein 10 cm breites Attikablech sichtbar - wie bei einem Edel-Baumarkt. Fazit: Erstaunliche Schwächen in wichtigen gestalterischen Details. Eine große Leerstelle was das bisher erkennbare Konzept der Wandelgänge und Höfe angeht. Die Rolle in der Stadt wurde hier differenziert kritisiert - ich habe unter diesem Punkt vor Ort nicht gelitten.
Trotzdem finde auch ich dieses kümmerliche Bäumchen im Innenhof ziemlich trostlos. Man kann nur hoffen, dass hier das Museumscafé ist und im Sommer Tische im Hof stehen. Ansonsten wundert mich, dass ständig von der Offenheit des Baus gesprochen wird. Das einzig offene ist der Glasgang an der Bismarckstraße, wo aber niemand hineinschaut, weil alle in ihren Autos sitzen. Ein schlichter Eingang und ein zeichenhafter Baukörper hätten hier gereicht. Eine westentliche Zahl von Fenstern weist der Bau lediglich zur Seie des Kulturwissenschaftlichen Institutes auf. Das macht keinen Sinn, da hier die Fassaden ziemlich nah beieinander stehen und man nur vom einen Fenster in das nächste schaut. UNd an der Rückseite zur Goethestraße streckt der Bau den dortigen Anwohnern eine ziemlich kalte Lagerhallenwand entgegen. Insgesamt zwar ein gelungener (wenn auch bei weitem nicht brillianter) Bau, der leider aber städtebaulich versagt. Genau spiegelverkehrt wäre eher ein Schuh draus geworden.
das man da gestalterisch jahrzehnte hinterherhängt, das kann`s jawohl nicht sein.....