Rohbau am Güterbahnhof
Erweiterung für Berliner Kulturzentrum von Peter Grundmann Architekten
Als „Erweiterung eines Güterbahnhofs“ bezeichnen Peter Grundmann Architekten (Berlin) ihr Projekt. Das ist nicht ganz richtig – und passt doch gut als Beschreibung ihres Konzepts. Immerhin setzt ihr Anbau, der die Fläche zweier alter Backsteingebäude fast verdoppelt, die post-industrielle Ästhetik der Bahnflächen-Steppe am Berliner S-Bahnring südlich des Westhafens konsequent fort.
Seit 2012 nutzt das Zentrum für Kunst und Urbanistik (ZK/U) die beiden Häuser der Deutschen Bahn, der Pachtvertrag läuft zunächst für 40 Jahre. In den vergangenen 13 Jahren ist das von einem Verein getragene und vom Berliner Kultursenat geförderte ZK/U zu einer unabhängigen, gut bekannten Institution in der Berliner Kunstszene gereift. Es bietet nicht nur ein breites Programm – von Public Viewing über Reparaturworkshops und Nachbarschaftsmärkte bis zu Ausstellungen und Performances –, sondern auch Aufenthalte für Menschen, die im Feld zwischen Kunst und Urbanismus arbeiten.
Im zweigeschossigen Gebäudeteil wurden ursprünglich Büros, 13 Wohnateliers und eine Küche eingerichtet. Die ehemalige Lagerhalle mit ihrem Gewölbekeller wurde für Veranstaltungen genutzt. Doch aufgrund der steigenden Nachfrage und des umfangreichen Programms reichten die Räume irgendwann nicht mehr aus. Ein Anbau sollte her. Ab 2018 fanden Voruntersuchungen und ein Beteiligungsverfahren mit Nutzer*innen und Anwohner*innen statt. 2020 wurde die Planung im Rahmen eines europaweiten Vergabeverfahrens an Peter Grundmann Architekten vergeben. Für den Bau gab es EFRE-Fördermittel – aus der Städtebauförderung, von der EU und vom Land Berlin. Die Gesamtbaukosten werden mit 6,7 Millionen angegeben.
Zentrales Element des Entwurfs ist die Einhausung der Veranstaltungshalle mit einer verglasten Stahlskelettkonstruktion als „zweiter Hülle“. Die Mauerwerkswände blieben größtenteils stehen, die neue Hülle hält Abstand zum Bestand und schafft damit eine Zwischenzone, die an Konzepte von Lacaton & Vassal erinnert. Über der alten Halle wurde ein zweites Geschoss eingezogen, das über Metalltreppen und Laubengänge erschlossen wird, und eine flexible Aufteilung im Inneren ermöglicht.
An der Giebelseite windet sich eine breite Außentreppe markant um die Gebäudeecke und führt zur neuen, fast 600 Quadratmeter umfassenden Dachterrasse. Das ZK/U spricht bereits von einer „Urbanen Bühne“, die man auf dem Gebäudedach gewonnen habe. Zudem sind alle Treppen und Laubengänge so breit, dass sie ebenfalls bequem als Freiräume genutzt werden können. Überhaupt scheint das gesamte Gebäude in seiner konsequenten Unfertigkeit vor allem auf Aneignung ausgerichtet – mehr Werkzeug denn Design-Objekt.
Durch den Anbau erhält das ZK/U rund 1.500 Quadratmeter neue Nutzfläche, was den Bestand knapp verdoppelt. Die zweite Hülle dient zudem als Wärmeschutz. Die Pufferzone nutzt die solare Wärme, um die Energiestandards auch ohne übliche Dämmung zu erreichen. So kann die Halle jetzt ganzjährig genutzt werden. Sie ist nun Ausstellungsobjekt Nummer Eins am ZK/U, das sich in seiner täglichen Arbeit einem experimentellen und künstlerischen Verständnis von Nachhaltigkeit in Architektur und Stadtentwicklung verschrieben hat. (fh)
Fotos: Yizhi Wang, Elisa Georgi (ZKU)
- Bauherrin:
- KUNSTrePUBLIK e.V.
- Architektur:
- Peter Grundmann Architekten
- Fläche:
- 3.420 m² BGF
Der Anbau ans ZK/U befindet sich auch auf der Shortlist des DAM Preises 2026.
Ein gelungenes Projekt!
Die gesamte BGF beträgt 2.468 qm (KG, EG, OG). Die Bruttofläche der Dachterrasse liegt bei 570 m² (BGF C). Sie stellte jedoch einen erheblichen Kostenfaktor dar, da das Stahltragwerk wegen der Nutzung vom Dach als Veranstaltungsstätte mit entsprechend höheren Lastannahmen bemessen und dadurch deutlich massiver ausgeführt werden musste. Die reine Flächenerweiterung der nutzbaren Bereiche bildet das Vorhaben nicht vollständig ab. Durch das Hinzufügen dieser Flächen mussten zahlreiche weitere dienende Technikräume ergänzt bzw. erneuert werden. Im Kellergeschoss wurden neue Flächen im Bereich der früheren Bahngleise geschaffen ein extrem kostenintensiver Eingriff. Zudem erfolgte eine umfassende Sanierung der Kellerhalle, sowohl energetisch als auch konstruktiv (massive Fundamente für das Stahltragwerk, Unterfangungen). In den Erd- und Obergeschossen wurde das Bestandsgebäude zusätzlich mitrenoviert bis zu dem Bereich, wo die Rampen der Obergeschosse enden. Dort mussten die Räumlichkeiten für die neue Nutzung umgebaut werden. Das Budget für alle Kostengruppen beläuft sich auf 6.166.200 . Die Corona-Pandemie und die Ukraine-Krise führten zu mehrfachen Verzögerungen und erheblichen Preissteigerungen. Jeder, der in dieser Zeit gebaut hat, wird das nachvollziehen können. Zu den größten Kostenfaktoren gehören die aufwendigen Erd- und Betonarbeiten im Kellerbereich sowie insbesondere die extrem teure KG 400 (Lüftungsanlage, Elektro- und Sanitärarbeiten im Bestand) und damit verbunden auch ein erheblicher Planungsaufwand.
Away from boredom. Pure inspiration.
Die angegebene Fläche 1.500m² scheint zu niedrig angesetzt. Es sind eher 3.000m². Laubengänge, Treppen, Rampen, Dachterrasse, Technikräume im KG + Teile des Altbaus müssen auch summiert werden. (siehe Grundrisse) Liebes Baunetz: bitte aufklären. Eine Lüftungsanlage gibt es auch. Diese kostet für diese Gebäudegröße bis zu 1Mio. €. Extremer Low-Budget geht nicht. Der Umgang mit der alten Substanz ist hervorragend. Die Konstruktion ist vorbildlich. So muss ein öffentliches Gebäude aussehen.