Fassade wechsle dich
Ensemblesanierung von Atelier Kempe Thill und Canevas bei Brüssel
In der Gemeinde Jette bei Brüssel haben Atelier Kempe Thill (Rotterdam) zusammen mit Canevas Architectes et ingénieurs (Liège) zwei Hochhausscheiben saniert und in neue Fassaden gehüllt. Die Pläne für die Transformation des Florair-Ensembles stellte das Projektteam nach einem Wettbewerb 2014 vor, den es gemeinsam mit den Ingenieur*innen von Bureau Greisch (Liège) gewann.
Entworfen ab Mitte der 1950er Jahre vom Brüsseler Architekten Remy van der Looven, staffeln sich vier etwa 100 Meter lange Wohnscheiben entlang der Avenue de Guillaume de Greef. Die beiden Häuser Florair 2 und Florair 3, die nun im Rahmen des Projekts beplant wurden, umfassen jeweils rund 90 Sozialwohnungen. Eigentümerin und Bauherrin ist die städtische Wohnungsbaugesellschaft Société du Logement de la Région de Bruxelles Capitale.
Die Interpretation der bestehenden Architektur – gestalterisch deutlich von der Moderne gezeichnet – durch eine neue Gebäudehülle sowie das Aufgreifen der ursprünglichen Qualitäten seien Ausgangspunkt ihres Konzepts gewesen, erklären die Architekt*innen. Dazu gehört, dass die Gebäude vorwiegend handwerklich und unter Verwendung nur weniger industrieller Bauteile gefügt sind. Das Skelett aus Ortbetonstützen, -balken und -decken wurde mit Mauerwerkbrüstungen ausgefacht und seinerzeit mit Betonfertigteilen bekleidet. An den horizontal gegliederten Fassaden waren farbige Fliesen, am Sockel belgischer Blaustein verbaut. Imposante Vordächer an den Eingängen und Kunstwerke im Erdgeschoss ergänzten das Bild. Vor allem der energetische und akustische Zustand durch die ungedämmten Brüstungen und einfachverglasten Stahlrahmenfenster sowie herabfallende Betonelemente machten eine Sanierung dringend notwendig.
Innen wurden alle Wasserleitungen, Lüftungen, Bäder und vereinzelt auch Küchen ersetzt. Die rund drei Jahre dauernden Arbeiten mussten im bewohnten Zustand ausgeführt werden, weswegen sich die Architekt*innen für eine Außendämmung entschieden. Gleichzeitig stand man vor der Herausforderung, dass die Bestandsbrüstungen den statischen Anforderungen einer neuen Fassadenbekleidung, Dämmschicht und vor allem der schwereren Fenster nicht nachkamen.
Daher überspannt heute eine Hilfskonstruktion aus Stahl zwischen den tragenden Betonstützen die opaken Außenwandteile und trägt die überblendete Fassade. Durchlaufende Bänder aus braunem Wellblech greifen die Horizontalität des Vorbilds auf. Die Materialwahl für den neuen Mantel begründet das Planungsteam unter anderem mit einem knappen Budget. Die Kosten des gesamten Projekts werden mit rund 12 Millionen Euro angegeben.
In der Bemühung, charakteristische Merkmale des Bestands zu bewahren, übernahmen die Architekt*innen den auskragenden Dachrand und die Betonung der Erdgeschosse samt subtiler Farbunterschiede. Hier wurde ein Dämmsystem mit geklebten Mosaikfliesen angebracht: Florair 3 erhielt die Farbe Graubronze, Florair 2 Dunkelbronze. Der belgische Blaustein blieb im zentralen Eingangsbereich am Boden erhalten, ebenso wie ein von der Dämmung ausgespartes Kunstwerk am Gebäude 3. Die filigrane Anmutung der ursprünglichen Fenster ging allerdings aufgrund der wesentlich breiteren Profile verloren. Durch eine reduzierte Einteilung und akzentuierende Blechkantungen sollen die neuen Fenster dem ursprünglichen Erscheinungsbild jedoch möglichst nahekommen. (sbm)
Fotos: ULRICH SCHWARZ, BERLIN
Gut zu sehen bei der Ansichts-Gegenüberstellung von Alt und Neu. Sakramentnochmal
herrgottsack.
man hat ein altes haus neu eingepackt. die möglichkeiten wären gross wenn man die projekte sieht, wo man eine zweite schicht (und damit eine erweiterung der nutzbaren flächen) und eine pufferzone schafft, die auch der klimatisierung zugute kommt. aber dazu muss eben auch geld da sein....schade schön isses ja nicht.....
Ähnlich den wärmegedämmten Dreifachverglasungen, die einen ganz anderen Kompromiss bezüglich der Belichtung erfordern. Das Haus muss also neu erfunden werden, was für die Architektur eine Herausforderung und Chance darstellt.
"Die filigrane Anmutung der ursprünglichen Fenster ging allerdings aufgrund der wesentlich breiteren Profile verloren." Anders als Baunetz schreibt, orientiert sich die Sanierung nicht am Bestand. Es gab vorher eine klare fünf-zonige vertikale Teilung der Breitseite des Hochhausriegels, was der Scheibe auch gut getan hat. Um die Fensterteilung, die besonders im "Mittelrisalit" Florair 2 ursprünglich wirklich filigran war, ist es schade. Die Fenster waren komplett anders, besser, was die architektonische Wirkung anging. Auch hier eine Betonung der Vertikalen, nicht der horizontal-langgestreckten Form des Riegels. In Florair 3 ist das vollkommen verloren gegangen. An den Stirnseiten neue Fenster, alte Fassade ersetzt Vollkommen nachvollziehbar. Okay, aber nicht schön. Meist sehen solche Sanierungen zu Beginn gut aus, aber sie altern nicht gut. Man wird sehen, wie sich das bronzefarbene Kleid entwickelt. Zur energetischen Sanierung allgemein als Verkleisterungstechnik ist wohl auch das letzte Wort noch nicht gesprochen. Ich denke, man kann mit Bestand und den vorhandenen Qualitäten noch mehr machen. Dazu muss man anerkennen, dass solche Brocken positive und negative Bau-Details hatten. Und man sollte neben all der vermeintlich eingesparten Nutz-Energie den Gesamtzyklus der verwendeten Materialien und die Baukultur in den Vordergrund stellen. Eigentlich bin ich ein Fan von Atelier Kempe Thill. Die Nutzer und Eigentümer freut es sicherlich.