Gründungsviertel Lübeck
Ein Wettbewerb als Kostümfilm
Tendenz Vergangenheit? Der Ideenwettbewerb für die Lübecker Altstadt ist im Gegensatz zum kürzlich durchgeführten Werkstattverfahren „Historische Mitte Köln“ nicht so zukunftsgewandt. Der Frankfurter Römerberg-Geist lässt Lübeck auch eher kalt. Und doch trachtet die UNESCO-geschützte Stadt nach dem einstigen kriegszerstörten Gesicht. Die Anforderung der Auslobung der Hansestadt spiegelt diese Ambiguität: Einerseits soll bis 2020 im Kaufmannsviertel „auf 39 Grundstückparzellen unterschiedlichster Größe ein zukunftsweisendes, lebendiges Quartier entstehen“; andererseits „wird sich das neue Gründungsviertel-Quartier wieder an dem historischen Vorbild orientieren“. Aus 133 Beiträgen des europaweiten offenen Wettbewerbs wählte die Jury Anfang Februar acht Preisträger und vergab sechs Anerkennungen:
Preise:
- Thomas Fischnaller, Berlin
- Konermann und Siegmund Architekten, Hamburg/Lübeck
- Berghoff Löser Lott Architekten, Berlin
- Christoph Mäckler Architekten, Frankfurt
- Anne Hangebruch, Berlin
- Helge Tischler, Hamburg
- Kim Nalleweg Architekten, Berlin
- Haberland Architekten, Berlin
Anerkennungen:
- Althen Architekten, Hamburg
- ARGE Meramer und Ekinci, Zürich
- Henrik Weber, Hamburg
- Stricker Architekten, Hannover
- Hermanson Hiller Lundberg, Stockholm
- TPMT Architekten, Berlin
Die Jury unter Vorsitz von Jörg Springer, mit Jórunn Ragnarsdóttir und Reiner Nagel, erwartete von den Teilnehmern „drei charakteristische Parzellentypen für Stadthäuser und ihre Straßenfassaden“.
Die preisgekrönten Beiträge sind auf den ersten Blick alle auf ihre eigene Weise vom altstadttypischen Lübecker Flair erfasst. Bei manchen Büros stechen allerdings eigenwilligere Interpretationen heraus, wie im Fall des schmalen Haustyps mit Flachdach von Haberland Architekten. Konträr dazu überzeugt die Klarheit und Schlichtheit des Entwurfs von Helge Tischler die Jury. Ein Stück weit erinnert die Herangehensweise aber auch an den Wiederaufbau der 1950er und 60er – etwa in Nürnberg – und wirkt gewissermaßen bieder.
Im Entwurf von Anne Hangebruch sind die Haustypen am ehesten aufeinander abgestimmt. Die Jury lobt das harmonische Bild der „gut gestalteten, hochwertigen und souverän detaillierten Fassaden“. Kim Nalleweg Architekten erlauben sich dagegen einen größeren Spannungsbogen mit der etwas überdimensionierten Giebelform. Die Plastizität ihrer unterschiedlichen Fassaden wirkt jedoch lebendig. Christoph Mäckler Architekten gehen recht lässig mit dem historischen Kontext um und bieten mit ihren Haustypen in Form von „wohltuender Normalität“ einen „soliden Beitrag zum zukünftigen Bauen im Gründungsviertel dar“.
interessant, wenn man die Wikipedia-Artikel zu den von Ihnen genannten Straßen aufruft. Das hat mit neutraler Beschreibung nichts mehr zu tun. Zitat: "(...) Die historische Bebauung wurde beim Luftangriff auf Lübeck am 29. März 1942 vollständig vernichtet. Beim Wiederaufbau des Gründerviertels wurde die Straße um ein Vielfaches verbreitert und erhielt, eingefasst von modernen Zweckbauten, einen gänzlich anderen Charakter. Allerdings ging mit der platzartigen Erweiterung keine entsprechende Gestaltung einher; die Einhäuschen-Querstraße wurde zum reinen Parkplatz ohne jegliche eigene Qualitäten. (...)" Nur ein Beispiel zur Einhäuschens Querstraße. Die anderen Straßen werden fast wortgleich beschrieben. Na, wenn das nicht gesteuerte Meinungsmache ist! Immerhin wird der "Normalbürger" dem zustimmen...
und das ist das wirklich traurige an diesem wettbewerb. der bestand war ok bis interessant, hätte bestimmt gut umgenutzt werden können, stichwort nachhaltigkeit, aber stattdessen plant man da etwas neues, dass dann schnuckelig alt aussieht. man hat es ja schließlich hier in deutschland. first world problems, wirklich traurig.
Lübeck hat eine beneidenswerte Stadtansicht, weil die als Ganzes wirktl. Dazu zählen eben auch geneigte, steile, rötlich gedeckte Dächer - Ausnahmen bestätigen diese Regel. Und diese Ausnahmen sollen nach dem Willen von Stadt und Bürgern nicht zur Regel werden. Denn: Lübeck ist eine Marke mit ganz klaren äußeren Kennzeichen. Das ist eine wahre Lübeck-CI oder auch Urban Identity! Und sie ist bares Geld wert: Touristen spülen massenweise Euros in die Stadt, weil Lübeck ist, was es ist. Ganz nebenbei bietet diese Struktur ein besonderes Flair und wunderbare Wohnformen in einer funktionierenden Altstadt. Dieser Ideenwettbewerb hat Entwürfe so unterschiedlicher Prägung hervorgebracht, dass es eine Freude war, sich die Ergebnisse anzusehen. Was alles dabei war: von plattem Neohistorismus und Eklektizismus bis zu modernen und sachlichen Fassaden - aber eben mit Giebel. Ein solch pluralistisch angelegter Wettbewerb ist geradezu vorbildlich für eine demokratische Gesellschaft! Und zum Vorwurf die Herangehensweise sei bieder: Dahinter verbirgt sich nur diese verbreitete Ansicht, dass jeder Entwurf etwas ganz Besonderes zu sein habe. Ich merke an: Wenn alles besonders ist - ist nichts mehr besonders!
Ist man dann bereit, den Beitrag zu verfassen, um aus den Randbedingungen das Beste zu machen, darf man sich auch nicht darüber beschweren, dass hier evtl. potemkinsche Dörfer entstehen. Ein Bebauungsplan im Neubaugebiet ist meist strikter und führt oftmals zu pastellenem Bullshit mit genau einer Dachneigung. Die Nachkriegsbebauung an dieser Stelle hatte aufgrund der Wohnungsnot einen Zweck, dieser heiligte die Mittel. Aber das war weder Stadt, und schon gar keine Altstadt. Das Thema Rekonstruktion ist schwierig, soll es hier ja auch nicht im klassischen Sinne sein, aber für sinnvoll erachte ich die differenzierte Vorgabe, keine durchgängige Architektursprache für ein Viertel zu entwickeln, sondern gebäudeweise zu denken. Das Viertel soll schnell mit Leben gefüllt werden, soll aber kein klassischer Blockrand werden. Hier wird das, sich über lange Zeit entwickelte Gründerviertel, in Kürze wiederbelebt. Reihenhäuser, die in der Vermarktung als "Bauhaus-Stil" angepriesen werden, gibt es wahrlich genug. Von daher kann man die Herangehensweise eigentlich nur begrüßen, Typologien für private Bauherren entwickeln zu lassen, anstatt eine sehr kleinteilige Struktur aus einer Hand bauen zu lassen, die dann entweder standardisiert oder unbezahlbar ist und gewisse Klientels auf den Plan ruft. Über die Entwürfe lässt sich streiten, teilweise ist die Entscheidung nicht nachvollziehbar (Preisgruppe und 2. Runde raus), teilweise wurde zurecht prämiert bzw. aussortiert. Am Ende muss für ein derart präsentes Viertel auch eine Richtung vorgegeben werden, Flachdachorgien wären aufgrund der Umgebung viel schlimmer. Wie immer im Leben, kann man mit Sicherheit alles anders machen, aber es besser ist, kann nur jeder für sich entscheiden.