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25.05.2022

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Buchtipp: Villa Wolf in Gubin

Die verlorene Villa von Mies van der Rohe


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Der Villa Wolf in Guben war nur eine kurze Lebenszeit vergönnt: Gerade 18 Jahre nach der Fertigstellung des frühmodernen Backsteinhauses am rechten Neiße-Ufer musste die Familie Wolf am Ende des Zweiten Weltkriegs fliehen, ihr Haus brannte aus und die verbliebenen Backsteine wurden bald als Baumaterialien für den Wiederaufbau anderer Gebäude genutzt. Das Grundstück kam in den Besitz der nun polnischen Stadthälfte Gubín, die es zum 60. Jahrestag der Oktoberrevolution als Teil eines Stadtparks begrünte. Erst in den 1990er-Jahren wurde langsam klar, was das für ein Haus gewesen war, das da am oberen Ende eines kleinen Weinbergs über die Neiße geschaut hatte.

Seitdem ist sich die Wissenschaft weitgehend einig, dass die Villa Wolf ein Schlüsselwerk im Schaffen von Mies van der Rohe darstellt. Der hatte 1925 vom Gubener Textilfabrikanten Erich Wolf den Auftrag für das mehr als 1.000 Quadratmeter umfassende Familienhaus bekommen. „Nach der Reihe an traditionellen Bauformen orientierter Wohnhäuser, die mit Haus Riehl 1909 beginnt und mit Haus Mosler 1924 endet, ist Haus Wolf das erste ‚moderne‘ Haus von Mies“, schreibt Fritz Neumeyer in der Einführung zu diesem Buch, das – herausgegeben von Dietrich Neumann – nun die Geschichte des Gebäudes bis zu seiner Wiederentdeckung beschreibt.

Denn: Dieses Haus ist nicht einfach nur äußerliche Abstraktion durch Flachdach, Backstein und versetzte, kubische Bauformen – was alleine schon imposant genug wäre. Ein beeindruckendes, zeitgenössisches Foto von Arthur Köster zeigt, wie die Villa als flache Krone über den breiten Steinmauern steht, die den ehemaligen Weinberg in horizontale Schichten teilen. Neben ihrem imposanten Äußeren steht die Villa Wolf aber vor allem für die offene Organisation der Wohnräume, die im Erdgeschoss fließend ineinander übergehen. Neumeyer zitiert Mies aus einem Vortragsskript von 1924: „Bei dem Grundriss dieses Hauses habe ich das bisher übliche Prinzip der Raumumschließung verlassen und statt einer Reihe von Einzelräumen eine Folge von Raumwirkungen angestrebt.“ Der Architekturhistoriker Neumann bewertet das, etwas überschwänglich vielleicht, so: „Nie zuvor oder danach hat Mies Klarheit und Komplexität ähnlich rigoros miteinander vereinbart, nie ist er dem Loos’schen Raumplan näher gekommen.“

Das Buch ist ein schmaler, aber umfassender Band, der viele Aspekte aufzeigt. Neumann ordnet die Villa in die Backsteinmoderne ein, mit Referenzen in Mies’ eigenem Werk, vor allem aber in den Niederlanden, in Nord- und Westdeutschland. Therese Mausbach zeigt die zeitgenössische Rezeption der Villa und Annegret Burg dokumentiert die jüngsten Ausgrabungen, bei denen die erhaltenen Fundamentreste freigelegt wurden.

Alle Beiträge vereint ihre Begeisterung für das Gebäude. Kein Wunder, denn das gesamte Buch verfolgt auch ein Anliegen, wie Florian Mausbach im Epilog klarstellt: Man möchte das Gebäude möglichst originalgetreu wiederherstellen, um darin das „Mies Museum Gubin“ zu gründen, in dessen Mittelpunkt man sich Mies’ europäisches Werk wünscht. Ein Förderverein dafür wurde 2017 ins Leben gerufen, die Autor*innen des Buches „bilden den harten Kern“ (Neumeyer) dieser Initiative. Argumente, die gegen eine Rekonstruktion sprechen könnten – wie Kosten und dauerhafte Trägerschaft eines solchen Museums, die Fragen nach der Authentizität eines Neubaus, der die Spuren von Krieg, Zerstörung und Teilung verwischen würde – werden in diesem Buch daher nicht diskutiert. Stattdessen verweist Neumann in einem weiteren Essay zur „Rekonstruktion verlorener Bauten der Moderne“ vor allem auf den wiedererrichteten Barcelona-Pavillon und wertet ganz nebenbei auch den Wiederaufbau der Fachwerkbauten am Frankfurter Römer als beispielgebenden „Erfolg“.

Dass der aktuelle Diskurs zum Thema architektonische Rekonstruktionen nicht weiter aufgegriffen wird, dass andere Positionen und Projekte wie etwa die Rekonstruktion der Meisterhäuser in Dessau nicht vorkommen, ist ein Wermutstropfen in einem ansonsten überzeugenden Buch, das die Geschichte eines wichtigen Gebäudes und seiner Bewohner*innen umfassend darstellt. Zum Jahresende ist das Erscheinen einer polnischen und einer englischen Ausgabe geplant sowie einer zweiten deutschen Auflage mit Hardcover und Schutzumschlag. Damit und mit einer neuen Webseite soll das Werben des Fördervereins um internationale Spendengelder dann Fahrt aufnehmen.

Text: Florian Heilmeyer

Ludwig Mies van der Rohe. Villa Wolf in Gubin. Geschichte und Rekonstruktion

Dietrich Neumann (Hg.)

176 Seiten

DOM Publishers, Berlin 2021
ISBN 978-3-86922-541-8
28 Euro


Kommentare

3

STPH | 28.05.2022 14:44 Uhr

...

Fragmentarisch bis heroisch ruinös auch die mindestens drei in den Raum greifenden Kamine (siehe Google Bilder).
Übrigens: bei der Sanierung von Scharouns Breslauer Ledigenwohnheim ist dessen monumentaler Kamin als riesiger Raumgriff einfach abgebrochen worden und somit die ganze Aussage verstümmelt. Wäre mal eine Rekonstruktion wert. Vielleicht als Sponsoring von Schiedel?

2

STPH | 28.05.2022 14:04 Uhr

...

Ist sie aus dem Sockel geboren, der bei Mies immer eine wichtige Rolle spielt? Darüber dann nichts wo auch bei ihm früher das Dach mit dem EG darunter schwebte. Sockel als der Teil der Landschaft.
Insofern wären die aufgefundenen Fundamente noch grundsätzlicher in seinem Sinne.

1

Wiederherstellung | 25.05.2022 16:48 Uhr

Vielen Dank...

....für diesen sehr schönen Artikel. Der sich sowohl mit einem wundervollen Haus, einer wohl sehr interessanten Veröffentlichung und einem absolut begrüßenswerten bürgerschaftlichen Engagement wohlwollend beschäftigt.

Einzige Kritik: Statt von "wiederherstellen" könnte man das Kind auch beim Namen nennen und das 'böse' Wort "Rekonstruktion" auch ehrlich aussprechen.

Interessanterweise scheut man bei Rekonstruktionen von Mies (z.B. Barcelona Pavillons oder der "Trinkhalle" durch Bruno Fioretti Marquez) und anderen Baumeistern AB der Moderne zwar den immer noch ideologisierten Begriff. Inhaltlich geht es aber auch hier wie in allen Rekonstruktionsvorhaben, um den Versuch einer Wiederherstellung von Raumkonzepten und Atmosphären, um das Verständnis unsere Geschichte und Baukultur, welches (zumeist, aber nicht ausschließlich) als Folge des Angriffskrieg unsere Vorfahren und der draus resultierenden Reaktion der Alliierten verloren gingen.

Das verständliche Bedürfnis auch ein Haus von Mies van der Rohe zu rekonstruierten, welches gerade einmal 18 Jahre stand und jetzt schon wieder 76 Jahre nur auf Bildern und Papier weiterlebt, könnte vielleicht zu einem versöhnlicheren Blick auf die allgemeine Rekonstruktionsdebatte führen und für Frieden stiften. Gerade, wenn es um die Wiedererlangung von Räumen geht, die zumeist viel viel länger Teil unserer gebauten Umwelt waren - oft über viele hunderte Jahre existierten.
Sei es die Alte Börse in Frankfurt von Friedrich August Stüler, die Bauakademie in ihrer originalen Fassung von Karl Friedrich Schinkel, das Residenzschloss in Neustrelitz von Julius Löwe oder eben Beispiele der Moderne wie das Haus von Marlene Moeschke-Poelzig.

 
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Terrassenseite der Villa Wolf mit Blick über den Fluss, ca. 1927

Terrassenseite der Villa Wolf mit Blick über den Fluss, ca. 1927

Die Straßenseite der Villa Wolf, ca. 1927

Die Straßenseite der Villa Wolf, ca. 1927

Blick auf die Terrassenseite zum Fluss, ca. 1927

Blick auf die Terrassenseite zum Fluss, ca. 1927

Blick von einer der Terrassen im ersten Stock auf den Senkgarten mit quadratischem Grundriss, Foto ca. 1927

Blick von einer der Terrassen im ersten Stock auf den Senkgarten mit quadratischem Grundriss, Foto ca. 1927

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