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05.01.2022

Buchtipp: Sand

Die Welt in einem Körnchen


Die Menschheit verarbeitet jährlich fast 50 Milliarden Tonnen Sand und Kies. Das ist doppelt so viel wie noch vor einem Jahrzehnt. Hauptgrund für diesen beispiellosen Verbrauch ist das Anwachsen urbaner Agglomerationen. Entgegen seiner sprichwörtlichen Überfülle hat sich inzwischen herumgesprochen: Sand wird knapp. Der Journalist Vince Beiser hat mit seinen Texten entscheidend dazu beigetragen, dass die Thematik Sandknappheit einem größeren Publikum bekannt wurde. Mit „Sand. Wie uns eine wertvolle Ressource durch die Finger rinnt“ liegt sein 2018 auf Englisch unter dem Titel „The World in a Grain. The Story of Sand and How It Transformed Civilization“ erschienenes Buch nun auf Deutsch vor.

Sand ist nach Wasser der mengenmäßig meist genutzte Rohstoff des Planeten. Neben vielen weiteren Anwendungsmöglichkeiten – zum Beispiel in der Produktion von Papier, Glas, Glasfaserkabel oder Computerchips – dient Sand als Zuschlagstoff für Beton und ist damit für zahllose Architektur- und Infrastrukturprojekte unerlässlich. Rund 95 Prozent der produzierten Kiese, Sande und gebrochenen Natursteine werden von der Bauindustrie verwendet. Immer knapper wird der Rohstoff, weil der reichlich vorhandene Wüstensand zu feinkörnig und rund ist, um als Baumaterial verwendet zu werden.

Beiser interessiert das Thema jedoch nicht primär in abstrakt-technischer Hinsicht, sondern welche Auswirkungen die hohe Nachfrage nach Sand für Mensch und Umwelt hat. Zum Beispiel, dass überall auf der Welt ganze Flussbetten und Strände geplündert, landschaftliche Flächen und Wälder zerstört, Menschen eingesperrt, gefoltert und ermordet werden. Konkret die Sandmafia in Indien: Sie schlägt geschätzte 2,3 Milliarden US-Dollar um, und der rücksichtslose Abbau kostete durch einstürzende Gebäude und Brücken schon Menschenleben. Journalisten werden bedroht oder ermordet. Auch Beiser selbst wurde bei seinen Recherchen in einen gefährlichen Zwischenfall verwickelt.

Das Buch ist grob in zwei Abschnitte gegliedert, von denen sich der eine, kürzere Teil der Industrialisierung im 20. Jahrhundert widmet, während der Hauptteil unsere globalisierte Gegenwart in den Blick nimmt. Jedes der elf Kapitel kann auch für sich gelesen werden und beleuchtet unterschiedliche Aspekte, die sich zumeist aus greifbaren Ereignissen entwickeln. Diese reichert Beiser dann mit vielfältigen globalen Zusammenhängen an.

Ein Kapitel erzählt beispielsweise, wie Sand den Fracking-Boom in den USA ermöglichte. Förderte man im Jahr 2000 neun Milliarden Kubikmeter Schiefergas, waren es zehn Jahre später 447,4 Milliarden. In der Folge wurden aus wenigen Duzend Bohrlöchern rund 6.000, von denen jedes einzelne bis zu 25.000 Tonnen Sand verbraucht, der anderswo im Land abgebaut werden muss. Ein anderes Kapitel widmet sich der surrealen Situation von Miami Beach, das seine Strände von professionellen Unternehmen regelmäßig mit neuem Sand vom Meeresboden ersetzen lassen muss, weil der natürliche Sandzufluss durch Küstenbebauungen wie Jachthäfen, Molen und Wellenbrecher unterbunden ist. Zur Sprache kommen die künstlich mit Sand aufgeschütteten Inseln vor der Küste Dubais, aber auch die durch den Klimawandel mitbedingte Desertifikation der autonomen chinesischen Region Innere Mongolei. Natürlich wird man auch fündig, wenn man wissen möchte, wie Beton heute die Welt regiert. Beiser liefert viele Zahlen und zeigt die ökologischen Folgen des für die Bauwirtschaft entscheidenden Grundelements Sand auf.

Anders als beispielsweise die Publikation Wood Urbanism, welche sich einem anderen Baustoff – Holz – mit wissenschaftlicher Ausführlichkeit nähert, verfährt Beiser, der für seine Arbeiten vielfach ausgezeichnet wurde, mit journalistischem Duktus. Sand besticht vor allem durch seine aufrüttelnden Geschichten. Der Erzählstil macht die immense Fülle an Fakten mit vielen Vergleichen aus dem Alltag stets anschaulich.

Text: Alexander Stumm


Sand. Wie uns eine wertvolle Ressource durch die Finger rinnt

Vince Beiser
320 Seiten
Oekom Verlag, München 2021
ISBN: 978-3-96238-245-2
26 Euro, E-Book 20,99 Euro


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Aufrüttelnde Geschichten rund um den weltweiten Umgang mit Sand fasst der Journalist Vince Beiser in seiner Publikation zusammen.

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Das 2019 abgeschlossene Fraunhofer-Projekt BauCycle beschäftigte sich mit dem Recycling von feinkörnigem Bauschutt als Alternative zum erschöpflichen Abbau von industriell nutzbarem Sand.

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