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08.12.2022

Buchtipp: Wimmelbild mit Bordsteinkante

Die Stadt für Alle


Die Stadt und ihre Veränderungen gehen uns alle an. Das ist ein oft wiederholtes Mantra. Doch es ist und bleibt schwierig, Menschen jenseits der Fachdisziplinen und der üblichen, engagierten Milieus zu erreichen. Das Buch Die Stadt für Alle. Handbuch für angehende Stadtplanerinnen und Stadtplaner ist der fantastisch gestaltete und flott geschriebene Versuch, dies ein Stück weit zu ändern. Für Menschen ab 10 Jahren soll das „Handbuch“ schon geeignet sein. Doch das vom tschechischen Architekten und Autoren Osamu Okamura geschriebene Buch ist definitiv nicht ausschließlich ein Kinderbuch. Es ist ein Buch für alle.

Okamura hat sich ein klares Ziel gesetzt. Er will die Bewohner*innen der Städte im Hier und Jetzt ihrer Alltagserfahrungen abholen, über die Komplexitäten und Herausforderungen heutiger Planung aufklären und für lebenswerte Städte sensibilisieren. Natürlich geht es um Gentrifizierung, Partizipationsprozesse, Ökonomisierung, Digitalisierung und demographischen Wandel. Doch Okamura verzichtet in seinen 15 thematischen Kapiteln weitgehend auf jeglichen Fachjargon. Er scheut sich nicht vor kompakten Texten, die unglaublich schnell auf den Punkt kommen und im allerbesten Sinne anschaulich argumentieren.

Im Kapitel über Suburbanisierung ist er beispielsweise innerhalb weniger Zeilen bei falschen Träumen und der unguten Rolle von Banken und Immobilienunternehmen. Das Kapitel über Monofunktionalität ist ein exzellenter Crashkurs über die Stadtplanungsgeschichte seit dem 19. Jahrhundert. Und im Kapitel „Transport und Verkehr“ lenkt er gekonnt den Blick auf ein so triviales und alltägliches Detail wie abgesenkte Bordsteinkanten und erklärt, dass diese vor wenigen Jahrzehnten als progressiver Dienst am Fußgänger galten, letztlich aber nur ein Hilfsmittel für Barrierefreiheit sind, das letztlich das Primat des Autos im Straßenraum weiter verfestigt hat.

Dass man dieses Buch so gerne in die Hand nimmt liegt nicht nur an den charmanten Texten, sondern auch an der kongenialen gestalterischen Ausstattung. David Böhm und Jiří Franta haben nicht nur wunderbar freche Illustration geschaffen – etwa ein paar abgehalfterte Trinker*innen auf einer kaputten Parkbank im Kapitel zur Partizipation – sondern mit beeindruckender Leidenschaft wilde Modelle gebaut, die sich zwischen Wimmelbild und gebastelter Kritik bewegen.

Die Originalausgabe dieses unbedingt empfehlenswerten Buches erschien vor zwei Jahren in Tschechien. Man muss dem Düsseldorfer Karl Rauch Verlag (dessen Schwerpunkt nicht im Bereich Architektur liegt) dankbar sein, dass er dieses ungewöhnliche und originelle Buch dem deutschlesenden Publikum zugänglich gemacht hat. Die Stadt für Alle erhielt einen von zehn gleichberechtigten Preisen beim diesjährigen DAM Architecture Book Award.

Text: Gregor Harbusch

Die Stadt für Alle. Handbuch für angehende Stadtplanerinnen und Stadtplaner

Osamu Okamura
Illustrationen: David Böhm, Jiří Franta
Gestaltung: Štepán Malovec

176 Seiten
Karl Rauch Verlag, Düsseldorf 2022
ISBN: 978-3-7920-0379-4
25 Euro


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