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13.05.2014

Fondamente Nove #03

Der Pavillon: Architektur oder Entertainment?


Ob monumental neoklassizistisch oder leichtfüßig modern: Deutsche Pavillons waren früher stets mit einer klaren architektonischen Mission unterwegs. Heute will das nicht mehr gelingen: Die Architektur ist beliebig; was zählt, sind mediale Aufmerksamkeit, kurzlebige Events und – die Freiheit für Einzelne, damit Geld zu verdienen.

Wie beim Appartement/apartment muss man sich auch beim Pavillon/pavilion für die französische oder die englische Schreibweise entscheiden – eine deutsche gibt es nämlich nicht. Dafür aber eine Reihe von Pavillons aus Deutschland. Sie dienen der nationalen Repräsentation im Ausland und sind in der Regel von temporärer Natur. Eine der wenigen Ausnahmen ist der padiglione Germania in den giardini der Biennale in Venedig. Und der sorgt regelmäßig für Ärger.

Denn der 1909 als padiglione bavarese errichtete deutsche Biennale-Pavillon wurde 1938 von den Nazis monumental umgebaut. Seitdem bietet er Generationen von Kuratoren die Gelegenheit, sich an dem ungeliebten Bau abzuarbeiten. Dessen vergröberter Neoklassizismus war übrigens keineswegs nur ein Markenzeichen des 3. Reichs: Dem deutschen Pavillon von Albert Speer auf der Pariser Weltausstellung 1937 stand der nicht minder monumentale Ausstellungsbau der Sowjetunion von Boris Iofan gegenüber.
 
Sind die beiden temporären Bauten von 1937 zu Recht vergessen, hat ein anderer deutscher Pavillon das Architekturgedächtnis der Welt erst bewegt, als er schon wieder weg war: Ludwig Mies van der Rohes Barcelona-Pavillon wurde auf der Expo 1929 kaum beachtet und nach der Ausstellung abgerissen. Erst später hat er einen derartigen Phantomschmerz ausgelöst, dass er 1983-86 originalgetreu als Replik wiederaufgebaut werden musste.

Der Barcelona-Pavillon mit seiner demonstrativen Modernität also als Sinnbild für die offene, demokratische Gesellschaftsordnung der Weimarer Republik. Die Bundesrepublik knüpfte für die Expo 1958 in Brüssel daran an: mit dem deutschen Pavillon von Egon Eiermann und Sep Ruf. Auch Frei Ottos Zeltlandschaft des deutschen Pavillons für die Expo 67 in Montreal hatte den Anspruch, Fortschritt und Demokratie zu repräsentieren. Bereits der Brüsseler Pavillon wurde von einer Düsseldorfer Messegesellschaft organisiert, aber der Vorrang von Baukultur und Architektur gegenüber wirtschaftlichen Interessen Privater war damals noch selbstverständlich. Ganz anders hat sich das bei näher zurückliegenden Ereignissen entwickelt. Der Ärger begann beim deutschen Pavillon für die Expo 1992 in Sevilla: Hier wurde der siegreiche Wettbewerbsentwurf von Auer + Weber kurzerhand ausgebootet und durch einen „Ladenhüter“ (Der Spiegel) ersetzt. Ein Déjà-Vu-Erlebnis war dann die Farce um den deutschen Pavillon für die Expo 2000 in Hannover: Auch hier baute nicht der Wettbewerbssieger Florian Nagler. Statt dessen wurde eine mediokre Lappalie eines als „Bäderkönig“ bekannt gewordenen Architekten aus Friedrichshafen errichtet, der den Pavillon praktischerweise auch selbst finanzierte – was sicher nicht zu seinem Schaden war.

Seither gibt es keinen Primat der Architektur mehr, wenn es um die deutsche Repräsentanz geht. Messe- und Event-Agenturen bestimmen Inhalte und Gestaltung. Hier spiegelt sich der im Zeichen der globalen Digitalisierung gewandelte Anspruch an Ausstellungen und Expos: Man erwartet von diesen Formaten nichts Substanzielles mehr. Einzige Ausnahme dieser Entwicklung ist der wohl größte deutsche Pavillon, der jemals in Bau war: Für das Berliner Stadtschloss/Humboldt-Forum stand die Architektur im Vordergrund: Sie war schon weitgehend festgelegt, als man noch keinen blassen Schimmer von Inhalten und Nutzungen hatte.

Benedikt Hotze

Architekturbiennale 2014: BauNetz Fondamente Nove
Das ganze Land ein Bungalow: Im Interview sprechen Alex Lehnerer und Savvas Ciriacidis über nationale Repräsentation, und Luise Rellensmann erklärt, warum der Bungalow ein Phantom bleibt. Bis Juni widmen wir uns mit „Fondamente Nove“ diesen und anderen Aspekten zum Biennale-Thema „Bungalow Germania“.

BauNetz ist Medienpartner des deutschen Beitrags in Venedig. Unsere
Berichterstattung zur Biennale 2014 wird unterstützt von GROHE.


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