Die Einheitswippe kippt
Denkmal in Berlin wird nicht gebaut
Von Sophie Jung
Der Volksmund hatte schon einen Namen für das Denkmal, ehe es überhaupt gebaut werden konnte: Einheitswippe. So grob nennt man die große schwankende Schale, die Choreografin Sasha Waltz und das Büro Milla & Partner (Stuttgart) seit 2011 geplant haben, vor das Berliner Schloss zu setzen. Seit gestern steht fest: Aus der Wippe wird nichts werden.
Obwohl nie gebaut, hat die Wippe im Vorfeld schon für viele Diskussionen gesorgt. Allein der Wettbewerb, den Kulturstaatsminister Bernd Neumann in Zusammenarbeit mit dem Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung auslobte, sorgte wegen der vielfach kritisierten Einreichungen für Debatten. Nachdem Sasha Waltz zusammen mit Milla & Partner 2011 den Zuschlag erhielt, stieg die Choreografin wieder aus, weil sie durch Auflagen die Wippen-Idee des Denkmals nicht ausreichend zu verwirklichen sah. Bauverzögerungen begleiteten das Projekt – erst verschob man die Fertigstellung von 2013 auf 2016, dann auf 2017 – und schließlich stiegen die Kosten ins Endlose. Zuletzt sprach man von 15 Millionen Euro. Doch eigentlich verlor das Denkmal im Laufe der Komplikationen zunehmend an Rückhalt. „Es gibt keine positive Rezeption, es gibt auch keinen Politiker, es gibt keinen Grund, dieses Denkmal an dieser Stelle so zu bauen, und dann auch noch in dieser Form“, schrieb Architekturkritiker Nikolaus Bernau. Am gestrigen Nachmittag hat der Haushaltsauschuss des Bundestag nun einstimmig beschlossen, die Wippe nicht zu bauen.
Ist der Beschluss nun bedauerlich oder nicht? Die riesige, begehbare Schale sollte ein Zeichen der friedlichen Revolution 1989/1990 sein. In ihrer Innenwand sollten die Schlüsselsätze „Wir sind das Volk. Wir sind ein Volk“ angebracht werden. Das dynamische Objekt – wirklich eine Schale? Vielleicht doch ein Flügel, ein Blatt oder eine geöffnete Hand? – sollte als erlebbares Symbol für die Gesellschaft je nach Bewegung der Personen auf der Plattform leicht schwanken können. Mit Verlaub, das ist kitschig. Zudem ist der geplante Standort der Wippe in der historischen Berliner Mitte ein sensibles Terrain: Noch ist das barocke Schloss, vor dessen Portal das Denkmal stehen sollte, nicht in seiner vollen Wucht errichtet und nebenan droht ein historisches Original, die Friedrichswerdersche Kirche, einzustürzen. Bei so viel Überlagerung ist ein wenig Leere vor dem Schlossportal gar nicht schlecht. Es kommt also nicht nur ein Gefühl der Befriedigung auf, wenn die Einheitswippe nicht gebaut werden wird, sondern: tatsächliche Erleichterung.
Ein Denkmal ist jedes bewußt mit der Absicht der Wahrung des Andenkens an Personen oder Ereignisse errichtete architektonische oder plastische Werk. Die Bevölkerung der DDR hat die Einheit Deutschlands auf den Weg gebracht. Diese historische Leistung muß das Denkmal der neuen Einheit zum Ausdruck bringen. Diesen Ausdruck wird man bei der Einheitswippe vergeblich suchen. Sie ist ein geistig und inhaltlich plattes Konstrukt. Diese Wippe macht offensichtlich, daß es in der Geschichtskultur dieser Gesellschaft keinen nicht einmal ansatzweise objektiven Platz für die Leistungen der DDR-Bevölkerung gibt. Nun propagieren Denkmäler aber auch die herrschenden Ideen der jeweiligen Gesellschaft und entfalten deshalb eine aktive gesellschaftspolitische Wirksamkeit. Ob nun die diskriminierende Wirkung dieses Denkmals beabsichtigt oder nur eine Folge der gesellschaftlichen Charaktereigenschaften ist - sie ist für eine Gesellschaft beschämend. Diese Einheitswippe ist ein Ausdruck der eigenen Scham. Damit die bisherigen öffentlichen Mittel dafür nicht vergeblich sind, werden diese noch doppelt und dreifach zusätzlich verschleudert - eine Leistung, die mit diesem Konstrukt tatsächlich eine denkmalgerechte Würdigung erhält: S c h l e u d e r w i p p e .
Selbst Rürup, der gegen das Projekt war, hat nie behauptet, es sei nicht baubar. Sie scheinen mehr zu wissen, als unmittelbar am Projekt Beteiligte und Verantwortliche. Projekte sind stets Änderungen unterworfen. Wenn sich Planungen als schwierig oder zu kostspielig erweisen, werden sie modifiziert. Das hat Zumthor stets getan. Das Projekt nicht zu realisieren, war eine politische Entscheidung, die der Architekt wohlgemerkt aus der Presse erfahren hat. Etwas sei "nicht baubar" ist eigentlich immer der schäbige Versuch, einen Architekten zu beschädigen und zu diskreditieren. Das ständige Kolportieren, Zumthor sei zu unfähig und störrisch gewesen, ein baubares Projekt zu entwickeln, ist in hohem Maße unanständig.... Aber wie gesagt: Bei Ihnen wundert mich das nicht.
Gut, daß man sich das spart. Ein Denkmal, von einem Künstler geschaffen, wäre weiter wünschenswert...
Wer ernsthaft daran glaubt, der Entwurf sei gescheitert, weil er "bautechnisch nicht realisierbar" war, der glaubt vermutlich auch an den Osterhasen. Noch zu unterstellen, der Kollege Zumthor habe nur "rumprobiert" und sei letztlich irgendwie an seiner Unfähigkeit gescheitert, ist in Wahrheit durch keine "Fakten" wie Sie es - reichlich frech - zu belieben nennen, belegt. Ich würde Ihnen doch raten, sich erst einmal mit Fakten zu beschäftigen, ehe Sie hier solche - schon beinahe verleumderischen - Kommentare abgeben. Fragen Sie mal Herrn Rürup...