Rechenzentrum oder Garnisonkirche? Oder beide?
Debatte in Potsdam geht weiter
Nun hat sich auch die Potsdamer Ortsgruppe von Architects for Future in die Debatte um den geplanten Abriss des DDR-Rechenzentrums eingeschaltet. Dessen Schicksal ist eigentlich besiegelt: Das Haus soll 2024 abgerissen werden, um der viel debattierten Rekonstruktion des Kirchenschiffs der Garnisonkirche Platz zu machen. Deren 88 Meter hoher Turm ist bereits im Bau, die Hälfte der Höhe hat er gerade erreicht, womit der Neubau das Rechenzentrum bereits deutlich überragt. Ist der Turm erst fertig, sollte das Kirchenschiff folgen. Eigentlich.
Allerdings ist die Finanzierung des Projekts weiter völlig ungeklärt, sodass die Stadt inzwischen einen „Vier-Phasen-Prozess“ initiiert hat, in dem erstmals seit den 1990er-Jahren der Abriss des Rechenzentrums nicht mehr von Anfang an feststeht. Die ersten beiden Phasen des Prozesses sind inzwischen abgeschlossen, allerdings waren dabei am Rande immer wieder Stimmen laut geworden – auch von Vertretern der Stadt – nach denen ein Erhalt des Rechenzentrums mit den gültigen Regeln des Brandschutzes, des Planungs- und Eigentumsrechts nicht vereinbar sei. Genau hier setzt nun der Vorstoß von Architects for Future an.
Die Initiative hat vergangene Woche drei unabhängige Gutachten vorgestellt, die die Dinge anders beurteilen: So hatte die Stadt mit dem zu geringen Abstand von 1,60 Meter argumentiert. Jedoch sind bei einer „atypischen Grundstückssituation“ Abweichungen von den vorgeschriebenen drei Metern durchaus üblich, so der erste Gutachter Christoph Conrad, Fachanwalt für Bau- und Architektenrecht. Zumal sich normalerweise der Neubau anzupassen habe, nicht der Altbau. Der zweite Gutachter Helmuth Bachmann, Prüfingenieur für Brandschutz, bestätigte zudem, dass eine „dauerhafte Parallelnutzung“ der zwei Gebäude aus Brandschutzgründen absolut möglich sei, schließlich habe die Garnisonkirche eigens eine Brandschutzmauer integriert. Der dritte Gutachter schließlich, Professor Eike Roswag-Klinge von der TU Berlin, weist darauf hin, dass ein bereits als Kompromissvorschlag diskutierter Teilabriss des Rechenzentrums „deutlich teurer, aufwändiger und risikoreicher“ sei als der vollständige Erhalt. Da der Altbau, den die Süddeutsche Zeitung einmal so schön als „Tempel der technologischen Antike“ bezeichnete, bei diesem Vorgehen auch noch seinen Bestandsschutz einbüßen könnte, würde ein Teilabriss höchstwahrscheinlich zu einem Gesamtabriss auf Raten führen.
Insgesamt, so machte Frauke Röth von Architects for Future deutlich, sei ein Abriss des Rechenzentrums damit alles andere als alternativlos. Also folgert die Initiative: „In Hinsicht auf Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung, auf kulturelle Diversität und Denkmalschutz ist ein Erhalt des Gebäudes geboten. Die Klimakrise ist nur zu bewältigen, wenn im Baubereich statt auf Neubau auf Bestandserhalt und -entwicklung gesetzt wird.“ Gegen die Darstellungen der Stadt Potsdam legte Architects for Future offiziell Beschwerde ein und droht mit einer weiteren Fachaufsichtsbeschwerde, falls die angeblichen Sachzwänge nicht binnen drei Monaten korrigiert werden.
Der Vorstoß könnte der Debatte gut tun. Immerhin hat sich das Rechenzentrum seit 2015 mit einer Zwischennutzung durch 250 Künstler*innen in ein das Umfeld belebendes „Kunst- und Kreativzentrum“ in kommunalem Besitz und mit günstigen Mietateliers und Veranstaltungsräumen entwickelt. Deren Nutzungsvertrag endet im Dezember 2023.
Nötig wäre eine möglichst rasche Entscheidung und eine langfristige Planungssicherheit. Sonst droht die Gemeinschaft im Rechenzentrum schleichend auseinanderzufallen – ebenso wie das Haus, dem seit Jahrzehnten der Abriss bevorsteht und in das entsprechend wenig investiert wurde. Im Grunde zeichnet sich bereits eine breite Allianz ab, die sich auf ein Miteinander von erhaltenem Rechenzentrum und rekonstruiertem Kirchturm einigen könnte. Potsdams Oberbürgermeister Mike Schubert (SPD) hatte jedenfalls gerade erst öffentlich angeregt, man könnte doch den gesamten Stadtraum um die gerade frisch gestaltete „Plantage“ unter Denkmalschutz stellen. Denn hier kämen „wie an kaum einem anderen Ort in Deutschland verschiedene Epochen unserer Geschichte“ zusammen. Damit steht die spannende Frage im Raum, ob das Nebeneinander von rekonstruierter und echter Vergangenheit in Potsdam tatsächlich mehrheitsfähig ist. (fh)
aus der FAZ vom 25.4.2021, der messerscharfe niklas maak: "Gegner des Kulturzentrums argumentieren, man könne die Künstler ja in das nebenan geplante Kreativquartier eines Investors, das Glockenweiß-Village, umsiedeln. Aber mal abgesehen davon, dass es in Zeiten, in denen immer deutlicher wird, welchen Anteil das Bauen am globalen Klimawandel hat, fast frivol wirkt, ein Haus für Künstler abzureißen, um ein paar Meter weiter ein neues für sie zu bauen, wäre das "Village" eben kein staatlicher Ort, sondern ein privat finanzierter; würde man die Künstler dorthin umsiedeln, wäre das auch eine Aussage darüber, ob man es für eine essentielle Aufgabe des Staates hält, Räume für Kunst, Experimente, gesellschaftliche Gegenmodelle zu schaffen – oder ob man sie bloß als wertsteigernde Zwischennutzer betrachtet, die man langfristig zugunsten einer lukrativeren Nutzung auch wieder rausschmeißen kann. Man würde die Rolle der Kunst in der Stadt in die Hände von privaten Investoren legen um dort, wo das Rechenzentrum steht, den Anblick des rekonstruierten Turms der Garnisonkirche nicht zu beeinträchtigen. Die wurde 1735 errichtet; ihre Freunde halten sie für einen der wichtigsten nordischen Barockbauten, die DDR sah in ihr ein Symbol des preußischen Militarismus und ließ ihre Kriegsruine 1968 sprengen."