Kein Waffenschmuck für Potsdam
Petition zur Rekonstruktion der Garnisonkirche
Der Streit um die Rekonstruktion der Garnisonkirche in Potsdam geht in die nächste Runde. Während der Turm des 1730–35 von Philipp Gerlach errichteten Gebäudes schon seit 2017 wiederaufgebaut wird, wächst der Widerstand gegen das Projekt weiter. Dass sich das Phänomen Rekonstruktion nicht verallgemeinern lässt, sondern immer am konkreten Baudenkmal und seiner Geschichte verhandelt werden muss, betont der Architekturtheoretiker und -historiker Philipp Oswalt, der gerade eine Petition gestartet hat: „Selbst wenn man sonst für Rekonstruktionen ist, ist dieses Projekt aufgrund seiner rechten Geschichte ein Tabubruch. Es zieht sich hier leider eine Linie vom preußischen Militärwesen über den Rechtsradikalismus in der Weimarer Republik, den Nationalsozialismus bis hin zum neuen Rechtsradikalismus. Auch das heutige Wiederaufbauprojekt hat – anders als die Frankfurter Altstadt – seinen Ursprung in rechtsradikalen Kreisen.“
Dennoch will der Bund seine Finanzierungsbeteiligung von bisher 12 Millionen Euro im Herbst sogar noch auf 18 Millionen Euro erhöhen. In „großer Sorge“ richten sich nun über 100 namhafte Künstler*innen, Architekt*innen, Denkmalpfleger*innen, Wissenschaftler*innen, Kirchenvertreter*innen, Kulturschaffende und zivilgesellschaftlich Engagierte als Erstunterzeichner*innen in einem offenen Brief an die Regierungsverantwortlichen und verbinden diesen mit einer Petition. Es geht ihnen nicht um den Stopp des schon begonnenen Wiederaufbaus, sondern um drei konkrete, dezidiert auf einen Kompromiss hin ausgelegte Forderungen:
- Abriss des 1991 von der Traditionsgemeinschaft Potsdamer Glockenspiel
e. V. in Potsdam errichteten und der Stadt geschenkten Nachbaus des Glockenspiels der Garnisonkirche mit ihren revisionistischen, rechtsradikalen und militaristischen Inschriften. - Ein Verzicht auf die Nachbildung jeglichen Waffenschmucks bei der Rekonstruktion des Gebäudes, um symbolischen Abstand zu schaffen zu einem Identifikationsort des preußischen Militarismus, des Rechtsradikalismus der Weimarer Zeit und des Nationalsozialismus.
- Eine veränderte Trägerschaft des Projektes, welche nicht die Einheit von Kirche, Staat und Militär wiederbelebt. Anstelle der Repräsentanten aus Politik und Militär sollen zivilgesellschaftliche Initiativen treten, die sich für Menschenrechte und gegen Militarismus und Verbrechen gegen die Menschlichkeit einsetzen.
Konkret müssten etwa Amnesty International, Ärzte ohne Grenzen, Aktion Sühnezeichen Friedensdienste, Ohne Rüstung Leben oder die Deutsche Friedensgesellschaft – Vereinigte Kriegsdienstgegner aktiv miteinbezogen werden. Andernfalls bleibe das Nutzungskonzept als Versöhnungszentrum und Lernort der deutschen Geschichte eine leere Phrase und diene der Stiftung Garnisonkirche lediglich als Vorwand für die formale Wiederauferstehung der Kirche. Und das, obwohl die kontinuierliche Vereinnahmung der Kirche von rechts außen historisch inzwischen umfänglich aufgearbeitet ist (u. a. in Matthias Grünzig: „Für Deutschtum und Vaterland. Die Potsdamer Garnisonkirche im 20. Jahrhundert“, Berlin 2017).
Wie einseitig das Streben nach Erinnerung sein kann, zeigt sich im Übrigen auch am unweit gelegenen Alten Markt in Potsdam, wo 2017–18 das in den 1970er Jahren errichtete ehemalige FH-Gebäude abgerissen wurde. Die Diskussion um den Erhalt der DDR-Moderne und die Umgestaltung der Potsdamer Innenstadt will das Filmprojekt „Schrott oder Chance“ zusammenfassen, für das derzeit eine Crowdfunding-Kampagne läuft. (stu)
Petition und offener Brief Wiederaufbau Garnisonkirche Potsdam: Bruch statt Kontinuität – Notwendig ist ein Lernort anstelle eines Identifikationsorts auf change.org
Dass (pseudo)historisches Bauen unmöglich sei, war nicht mein Argument. Natürlich ist es möglich, es wird ja auch oft genug gemacht. Nur gibt es ein Missverhältnis was die Kostendisziplin zwischen Rekonstruktionsprojekten und normalem zeitgenössischen Bauen angeht. Die allgemeinen Kostensteigerungen der letzten Jahren gehen auf den massiven Anstieg der Nachfrage im Bausektor zurück. Daher kann ich wirklich nicht verstehen, wie sie darauf kommen, dass eine höhere Nachfrage für Steinmetz- oder Zimmererarbeiten zu günstigeren Preisen führen würden. Besonders, da auch in diesen recht attraktiven Berufen offene Ausbildungsstellen unbesetzt bleiben. Sie drehen hier Angebot und Nachfrage um und sagen: so wird ein Schuh draus. Das ist aber nicht wie Wirtschaft funktioniert. Römerkitsch Danke, dass Sie den Domrömer hier aufbringen, ist gerade dieses Projekt doch ein Paradebeispiel für absurd subventionierte Rekonstruktionsprojekte. Am Domrömer hat man für eine absurde Menge an Geld ein kleines Luxus-Disneyland erschaffen, das mit der sozialen Durchmischung der ursprünglichen Altstadt auch in 20 Jahren nichts zu tun haben wird. Sicher bietet die Altstadt eine qualitative Dichte, das gebe ich zu, darüber hinaus ist hier (abgesehen vom Entwurf aus dem Haus Morger) ausschließlich alberner Kitsch neuentstanden. Gleichzeitig wurde das Projekt Werkbundstadt im Zuge der Spekulation zu Grabe getragen, was mit politischem Willen wohl nicht hätte passieren können. Stile im Sand Stile jeglicher Art gehören in die Architekturgeschichte und den Denkmalschutz, in der Entwurfslehre haben "Stile" nichts verloren. Eine akademische Stillehre erzeugt nur ein tumbes Wiederkäuen von Altbekanntem, bei dem jedes mal etwas verloren geht. Viel wichtiger ist es, dass den Studierenden Materialgerechtigkeit, Tektonik und Handwerklichkeit vermittelt werden. Ich lese Ihren letzten Kommentar so, dass Sie auch den Verlust von handwerklicher Qualität bedauern, da stimme ich mit Ihnen überein. Das Bauen ist zur Industrie geworden und wir Architekten machen da fleißig mit und verbauen fleißig den ganzen Müll von Knauf, Schüco und Konsorten. Die Lösung für das Problem ist aber nicht den Kopf in den Sand zu stecken und uns architektonisch zurück ins Reich zu wünschen. Vielmehr muss die ausgeführte Qualität wieder steigen und das liegt auch an uns Architekten und was wir von den Handwerkern verlangen und das geht nur mit einer selbstbewussten zeitgenössichen Architektur, sehen Sie hierzu mal in die Schweiz oder nach Belgien und nicht zurück ins 19. Jahrhundert...
An den Hochschulen müssen daher alle Baustile unterrichtet werden, nur so kann wieder ein neuer, eigener Baustil der Zeit erwachsen. Unerlässlich dafür ist der Bezug zur Vergangenheit und der Vorbauhausära um wieder Qualität zu erhalten.
Deshalb sind Selbstzweifel ja so wunderbar hilfreich.