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10.05.2019

Kö-Bogen II in Düsseldorf

Christoph Ingenhoven im Gespräch


Der von ingenhoven architects geplante Kö-Bogen II bildet den Schlussstein für eines der größten Stadtreparaturprojekte in Düsseldorf. Mit einer neuen U-Bahnlinie und der tiefergelegten Hochstraße ist die historische Verbindung zwischen Königsallee und Hofgarten wiederhergestellt. Eines der dadurch frei gewordenen Grundstücke bebaute Daniel Libeskind 2013 mit dem Kö-Bogen I. Das ihm gegenüberliegende zweiteilige Büro- und Geschäftshaus Kö-Bogen II inszeniert mit technisch aufwendig begrünten Schrägen eine markante Schneise im Stadtraum, über die die Einkaufsstraßen und das am Saum des Hofgartens liegende ungleiche Paar aus Dreischeibenhaus und Schauspielhaus verbunden werden. Der dann von Alt- und Neubauten gefasste Gustaf-Gründgens-Platz bekommt mit dieser baulichen Fassung zum ersten Mal die Chance, die Qualitäten eines Stadtplatzes zu entwickeln.

Interview: Uta Winterhager

Herr Ingenhoven, gestern, am 9. Mai, feierten Sie am Kö-Bogen II gleichzeitig Richtfest und Grundsteinlegung. Wie kam es dazu?
Das ist dem besonderen Bauverfahren geschuldet. Normalerweise würde man den Grundstein legen, wenn die Erdgleiche erreicht ist. Wir aber haben den Rohbau zeitgleich mit der Baugrube fertig gestellt und so viel Zeit gewonnen. Die Tiefgarage unter dem Gustaf-Gründgens-Patz wurde im sogenannten Deckelbauverfahren errichtet. Wir haben zunächst die Decke des ersten Untergeschosses betoniert und uns durch große Öffnungen dann bergmännisch bis ins fünfte Untergeschoss vorgearbeitet, während oben in die Höhe gebaut wurde. Dort sind wir bereits am höchsten Punkt, dem fünften Obergeschoss, angekommen.

Mit seiner Hülle aus Buchenhecken wird der Kö-Bogen II supergreen®. Was heißt das?
Supergreen® haben wir entwickelt, als es noch kein deutsches Zertifizierungsverfahren gab. Im Gegensatz zu den heute üblichen Zertifizierungen stellen wir bei supergreen® nicht nur technische Fragen, sondern auch emotionale und soziale: Wie viel von der Fläche, die du bebaust, gibst du den Bewohnern der Stadt zum Beispiel in Bezug auf Sauerstoffproduktion, Regenrückhaltung oder Lebensraum für Menschen oder auch Insekten zurück? Beim Kö-Bogen II kommen wir mit der Summe der Flächen, die wir der Öffentlichkeit zum Teil auch zum Begehen und Bespielen zur Verfügung stellen und die wir mit Hecken bepflanzen knapp über 100 Prozent. Natürlich erreichen wir nicht das Gleiche wie ein Stück Regenwald gleicher Größe. Aber dafür hat der Platz soziale Qualitäten, die in den üblichen Zertifizierungssystemen so nicht vorkommen.
 
Verträgt sich Ihr Hybrid aus Landschaft und Gebäude mit dem Kontext der alten europäischen Stadt und der Sehnsucht vieler Menschen nach Authentizität und Kontinuität? Oder soll er sich gar nicht vertragen?

Ihrer Erwartung entsprechend muss ich natürlich antworten, nein, es entspricht nicht der europäischen Stadt, die mit traditionellen Materialien gebaut ist, mit Fenstern, mit geschlossenen Dächern. Das alte europäische Stadtmodell kann uns immer noch sehr viel geben, aber nicht alles. Wir müssen die Städte weiterentwickeln und nicht unter dem Deckmantel einer Diskussion über Blockrandbebauung eine ästhetische Debatte über Steinfassaden führen.
 
Vom Kö-Bogen II wird ja vor allem der Gustaf-Gründgens-Platz profitieren, der in der Vergangenheit mehr Abstandhalter als gestalteter öffentlicher Raum war.
Das Haus, das wir da bauen, versucht mit Schrägen und Hecken, die vom Einkaufen geprägte Schadowstraße mit dem Schauspielhaus, dem Dreischeibenhaus, der Spätpostmoderne von Libeskind und dem klassischen Weltstadthaus von Richard Meier in einen neuen, sinnvollen räumlichen Zusammenhang zu bringen. Wer auf dem Vorplatz des Dreischeibenhauses steht, kann das wahrnehmen, denn die mehrfach abgewinkelte Gebäudeform holt sie alle an den Platz. Wenn es nicht so vermessen wäre, würde ich hier einen Vergleich mit dem Campo di Siena anführen ... Wir waren der Meinung, dass wir all dem keine klassische Architektur mit Fassade, Dach und Haustür gegenüberstellen können. So haben wir die Chance ergriffen, die uns die allein nach vorne orientierten Läden hinten geboten haben und ihre Rückseite etwas vollkommen anderes sein lassen, nämlich Grün, aus dem wir eine Art Stufenpyramide gemacht haben. Mit den grünen Schrägen entziehen wir uns der Konkurrenz der markanten Einzelbauten und schaffen gleichzeitig einen neuen Bezugspunkt für sie.

Welche Lebenszeit haben Sie für die grüne Fassade des Kö-Bogen II berechnet? Heißt nachhaltig auch langlebig?
Sie wird, bei entsprechender Pflege sehr lange leben, aber ich will hier nicht drum herumreden. Diese Fassade ist eine agrartechnische Anlage für die Buchenhecke, die einen hohen technischen Anspruch hat. Natürlich wäre es nachhaltiger, wenn die Pflanzen irgendwo in der Erde stecken würden. Trotzdem ist die Hecke ein Lebensraum, sie produziert Verdunstungskälte, Schatten und Sauerstoff. Die Doppelfassade des RWE-Hochhauses von 1997 ist vielleicht nicht die beste jemals gebaute Doppelfassade, sie ist aber die erste jemals gebaute Doppelfassade. Wir werden mit unserer grünen Fassade viel lernen, und das muss auch erlaubt sein, es ist ein gebautes Experiment.
 
Würden Sie dem Kö-Bogen II die gleiche Lebenszeit geben, wie einem konventionellen Bau?

Es wird darauf ankommen, wie stolz man darauf ist. Unsere Zivilisation pflegt die Dinge, die sie liebt. Ich hoffe, dass es bei diesem Gebäude auch so sein wird.
 
1992 haben Sie zum ersten Mal Ihre Vision des Kö-Bogens II vorgestellt. Würden Sie heute sagen, Ihr Konzept ist aufgegangen?
Ja. Wenn das Projekt in einem Jahr fertig ist, wird die Ost-West-Verbindung wiederhergestellt sein, ebenso die Verbindung zum Bahnhof und die der Kö zum Hofgarten. Auf den Tausendfüßler mit seinen Abseiten und entwürdigenden Unterführungen können wir heute gut verzichten. Der städtische Raum ist sozial deutlich aufgewertet, der Fluss der Menschen organisch. Das ist alles gelungen. Im Detail hätte ich an der Gestaltung natürlich auch das ein oder andere zu kritisieren, aber das ändert nichts an am Erfolg dieses von uns bereits 1993 entwickelten strategischen Projektes.


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Zu den Baunetz Architekten:

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