Auf in den Wahlkampf
Bundesverfassungsgericht erklärt Berliner Mietendeckel für ungültig
Kaum eine Regulierung hat so viel Aufsehen erregt wie der Berliner Mietendeckel, der im Februar 2020 in Kraft getreten war und die Mieten für 1,5 Millionen Wohnungen für fünf Jahre einfriert. Das Berliner Gesetz ging mit dem Novum einher, dass Mieten auf das Niveau von 2013 abgesenkt werden können, und betrat damit juristisches Neuland. Nachdem Verbände geklagt hatten, hat das Bundesverfassungsgericht in seiner gestrigen Erklärung den Mietendeckel für nichtig erklärt. Dabei entschieden die Richter*innen weniger über den Sachverhalt als vielmehr grundsätzlich. Verkürzt könnte man die lange Erklärung wie folgt zusammenfassen: Das Land Berlin habe in diesem Fall keine Gesetzgebungskompetenz, Mietrecht sei Bundesrecht, die vom Bund im Mietrechtsnovellierungsgesetz verankerte Mietpreisbremse sei das Instrument, um die Situation im angespannten Wohnungsmärkten zu dämpfen.
Für die Berliner Mieter*innen ist dies eine schlechte Nachricht. Diejenigen, die entsprechend dem Gesetz ihre Miete gekürzt hatten, müssen die Differenz nun auf einen Schlag zurückerstatten. Und nicht nur das, die Mieten werden nun wieder weiter steigen. Die Reaktionen sind erwartungsgemäß gespalten. Die Bauwirtschaft jubelt, die Mieterverbände kündigen weitere Aktionen an und verweisen unter anderem auf das bundesweite Bündnis Mietenstopp. Derweil appellieren sie an die Kommunen, möglichst viele Wohnungen in kommunalem Eigentum zu halten oder rückzukaufen.
„Wir werden nun unsere ganze Kraft in die Verbesserung der bundesgesetzlichen Regelungen setzen“, erklärte der Geschäftsführer des Berliner Mietervereins, Reiner Wild. Der bereits angelaufenen bundesweiten Kampagne für einen Mietenstopp werde der Beschluss des Bundesverfassungsgerichts neuen Auftrieb geben. „Auch die Bestrebungen, die großen gewinnorientierten Wohnungsunternehmen zu vergesellschaften, werden an Stoßkraft gewinnen“, so Wild. Der Verband Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen e. V. (BBU) zeigte sich hingegen „sehr erleichtert, dass das oberste deutsche Gericht in dieser wichtigen Frage für Rechtssicherheit gesorgt hat“. Es gebe nun wieder grünes Licht für Investitionen in mehr Neubau, Klimaschutz und generationengerechtes Wohnen.
Derweil steht in Berlin die Frage im Raum, wie die Vermieter*innen mit der Rückzahlung umgehen. Wie der Tagesspiegel berichtet, wollen Deutschlands größter Wohnungskonzern Vonovia, dem in Berlin rund 43.000 Wohnungen gehören, und der skandinavische Immobilienkonzern Heimstaden, der erst kürzlich mehrere tausend Wohnungen erwarb, keine Mieten nachfordern. Der Konzern Deutsche Wohnen hingegen, der 155.400 Wohnungen in Berlin besitzt und für dessen Enteignung eine Bürgerinitiative in Berlin derzeit einen Volksentscheid anstrebt, will die Rückzahlungen einfordern.
Fest steht derzeit vor allem eines: Das Thema bezahlbares Wohnen und Mieten wandert in den Bundestagswahlkampf. Die Parteien müssen sich deutlich postitionieren. Im September wird jede einzelne Wähler*in entscheiden, was ihm oder ihr soziale Gerechtigkeit wert ist. (fm)
volle Zustimmung. Nur: Das Biest lässt sich einfach nicht zähmen, selbst Rechtsmittel nicht...
Es zeigt wie obszön die Folgen der Preisgabe einer gesetzlichen Altersvorsorge sind, die dadurch vollzogen wurde, dass man Unternehmens- und Spitzensteuersätze seit gut 30 Jahren permanent weiter absenkt, Finanztransaktionen nicht sauber besteuert, Gesetze mit riesigen Steuerschlupflöchern (siehe luxemburg leaks, Panama leaks, etc.) erläßt, sich eine miserable Bankenaufsicht gönnt und es auch nach einem Jahrhundert der Diskussionen und Debatten immer noch nicht hinkriegt, endlich eine saubere Besteuerung von leistungslosen Bodenwertzuwächsen im Sinne der Allgemeinheit vorzunehmen. Stattdessen hat sich unser 'unternehmerischer', 'schlanker' Staat ein ganz tolles Modell der privaten Altersvorsorge ausgedacht, dass seit der Agenda 2010 unter rot-grün im Bund flächendeckend ausgeweitet worden ist: Es basiert darauf, dass durch die Spekulation auf steigende Wohnkosten und die entsprechenden Investitionen die Renten eines Teils der Bevölkerung von der Altersrücklage eines anderen Teils der Bevölkerung gezahlt wird, weil der von den steigenden Wohnkosten aufgefressen wird. Und am allermeisten freuen sich darüber Vorstandsvorsitzende und Manager großer Kapital- und Aktiengesellschaften am Wohnungsmarkt, wie Herr Zahn von der Deutsche Wohnen, der sich dafür geschätze 3,1 Mio. Jahresgehalt auszahlt. Oder Typen wie René Benko, der für seine Karstadt-Gruppe Corona-Hilfen vom Bund abkassiert und seine Gewinne nicht in Deutschland, sondern in Luxemburg und auf den Bahamas 'versteuert'. Das nennt sich: Umverteilung gesellschaftlichen Reichtums von unten nach oben. Und die Hälfte der sogenannten Mittelschicht wird (mehr oder weniger freiwillig) mit all ihren Abstiegsängsgten zum Mitspieler dieser Strategie gemacht und liefert sich dann permanent Moral- und Ethikdebatten untereinander. Großes Kino...
Abgesehen davon: habe selbst Gutachten im Rahmen des "Sanierungsstaus kommunaler Genossenschaften" gemacht. Die sind auch nur ein Akteur in dem ganzen Theater. Und müssen sich insofern nach dem weiterhin diktierenden Austeritätsdogma beim Fahren auf Sicht im Nebel der "Politik" bewegen. 2. Bei dem Ogoschi beim "Fahren auf Sicht" landen beide, Stadt und Region unweigerlich auf dem Rücken. Und das ist sehr schmerzhaft. Für beide. 3. Genauso wie DWE zu solchen Strategien keine Zahlen veröffentlichen wird, werden Zahlen zu Leerständen etwa von Gewerbebauten (Büros, Hotels etc.) von der "Immobilienwirtschaft" seit Langem verheimlicht. Weil das Ganze im allgemeinen Portfoliogeschubse besser zu vernebeln ist.? Q.e.d. oder wtf?
2. Glauben sie ernsthaft, das die DWE-Initiative irgendwelche Rechnungen auf ihrer Webseite veröffentlicht ? Recherchieren sie mal ein bisschen weiter, sie werden schon noch was finden. 3. Enorme Zinsen? Das wird nicht über eine Privatbank finanziert. 4. "Die aktuelle Situation zeigt aber, dass es weiterhin Zuzug nach Berlin gibt..." Stimmt. Die größte Versorgungslücke klafft bei den Haushalten mit geringem Einkommen, um so wichtiger, dass angesichts des anhaltenden Drucks der Wohnbestand rekommunalisiert wird. Dass die Stadt weitergebaut werden sollte, habe ich gar nicht bestritten Sie wiederholen aber ständig dieses absurde Argument der DWE-Gegner, die Enteignung schaffe keinen einzige neue Wohnung. Ist doch auch gar nicht Ziel: Das Ziel ist es, ca. 300.000 Wohnungen langfristig bezahlbar zu machen und in demokratische Kontrolle zu überführen. Hören sie doch bitte auf, diejenigen Menschen, die Wohnraum haben, aber von ständig steigenden Spekulationsmieten geplagt werden, gegen diejenigen auszuspielen, die nach Berlin kommen und eine Wohnung suchen. Das verschleiert das eigentliche Problem: In einem Zeitraum von etwa 30 Jahren sind 50% des gesamten Berliner Wohnungsbestandes in die Hand von wenigen tausend Multimillionären gewandert. Deshalb: Vergesellschaftung durch Enteignung plus Neubau dauerhaft bezahlbaren Wohnraums das muss das Ziel sein und es gibt keinen Grund, das eine gegen das andere auszuspielen. Glauben Sie wirklich alles, was Franziska Giffey und Co. so sagen? 5. "Bei der aktuellen Inkompetenz der handelnden Politiker sind die Mengen des Neubaus aktuell leider äußerst gering." Mag sein, das die Politiker*innen aktuell inkompetent sind wenn Sie das sagen!. Die Fertigstellungszahlen und die Zahl von aktuell 60.000 genehmigten Bauanträgen ist allerdings nicht "äußerst gering". Sie überschätzen die Möglichkeiten einer "Wohnungsbauoffensive" unter den gegebenen Verhältnissen maßlos. Aber sie halten das wahrscheinlich auch alles für eine Problem von Überbürokratisierung. Wie das allerdings aussehen würde, wenn es alles plötzlich ganz unbürokratisch genehmigt werden würde? Ich denke z.B. an die Istanbuler New Towns, die unter der schützenden Hand von Erdogans AKP entstanden sind...