Gottes neuer Spielplatz
Bolles Wilson in Münster: Kirche zu Kita
Die Außenaufnahmen führen auf eine falsche Fährte. Was von weitem wie ein neues Meisterwerk der analogen Architektur oder ein vergessener Bau von Peter Zumthor wirkt, das entpuppt sich beim näheren Hinsehen als brutalistischer Kirchenbau von 1962, der damals von dem lokalen Architekten Heinz Esser für die Münsteraner Gemeinde St. Sebastian entworfen wurde. Vollkommen neu ist dagegen das Innenleben, konnte doch das Gebäude, das nicht unter Denkmalschutz steht, von Bolles + Wilson durch den Umbau zur Kita vor dem Abriss gerettet werden.
Mit dem nun schon seit langem andauernden Gemeindesterben hat sich inzwischen eine fast schon typische Herangehensweise an die Bauaufgabe Kirchenkonversion entwickelt. Schon 1968 wurden in der Berliner Marthakirche von den Architekten Werner Harting und Gerhard Strauchmann neue Gemeinderäume dadurch geschaffen, dass sie diese einfach ins Kirchenschiff stellten, indem sie dessen Nullebene um ein Stockwerk anhoben. Und Arno Brandlhuber und June 14 versuchen sich beim geplanten Umbau der Kreuzberger St. Agnes-Kirche in eine Galerie an einer ähnlichen Strategie.
Bolles und Wilson folgen diesem Ansatz, sie packen aber das Raumprogramm der Kita in anderthalb Stockwerke, so dass eine Topografie entsteht, die sehr gut zur neuen Nutzung des Kirchenschiffs als Spielplatz passt. Gleichzeitig haben die Architekten aber auch die Grundidee so einfach wie genial weiter entwickelt. Anstatt der Kita enorme Heizkosten aufzubürden, wurde das Kirchenschiff in einen geschützten Außenraum verwandelt, der durch die bestehenden quadratischen Öffnungen natürlich belüftet und durch neue Dachkuppeln belichtet wird. So ist die Kita ein Prototyp dafür, wie sich angesichts der heutigen ökologischen Herausforderungen auch ohne aufwändige Technik nur mittels verschiedener Klimazonen Architektur effizienter gestalten lässt.
Demnächst kann die Kita im Rahmen des bundesweit stattfindenden Tags der Architektur besichtigt werden.
Termin: Sonntag 30. Juni 2013, 13-17 Uhr
Ort: Scheibenstraße 36, 48153 Münster
Ich hatte das Vergnügen, das Ganze im Betrieb zu beschauen und kann nur sagen: Chapeau - Wer etwas baut, in dem Kinder bei jedem Wetter so lange rutschen, bis Sie schlichtweg nicht mehr können, der hat wohl eine KiTa entworfen, die ganz passabel funktioniert. Dem "jungen Menschen" sei noch einmal die eingehende Betrachtung der Bilder ans Herz gelegt - nicht nur der dreieckige Einschnitt war bereits Bestand (siehe das vielgelobte "Bild 11"). Und auch die "seltsamen" Akustikplatten sind ein wenig mehr: Schlange, Krokodil und Elefant, wenn man hinschaut. Hier geht es eben nicht nur um "kraftvolle Räume" und schöne Fotos. Hier geht es um Kinder. :-)
ich wünsche mir hier einen ort für sachliche auseinandersetzung und nicht nur für ideologische rundumschläge. einen stadtbildprägenden baukörper zu erhalten kann durchaus eine motivation sein. wenn er als kirche nicht mehr genutzt wird, muss eine andere nutzung gefunden werden, und veränderungen sind unvermeidbar. von den großen und kleinen leuten, die das gebäude gesehen haben, habe ich jedenfalls fast nur begeisterung gehört, und meine eigenen kinder wollten sofort die kita wechseln...
Das ungelenke Baumarktdach passt irgendwie gar nicht zu dem Raum. Die geraden Unterkannten, die Auskreuzungen - auf den Schwung der Mauerkrone wird kein Bezug genommen. Als Student würde einem so ein unsensibler Entwurf um die Ohren gehauen. Der introvertierte Raum zum Toben wirkt sehr japanisch künstlich, turnhallenartig. Das beliebte Wellnessgrün versuchts lieblich zu machen. Wenigstens gibt es in den Gruppenräumen mehr Außenbezug.
Hier wäre eindeutig ein Abriss und kompletter Neubau die bessere Option gewesen.