Wolkenpromenade in Sevilla
Bildstrecke zum Metropol Parasol von J. Mayer H.
Für manche Projekte braucht man einen langen Atem. Die Architekten von Jürgen Mayer H. und die Ingenieure von Arup mussten in Sevilla besonders lang die Luft anhalten. Im Juni 2004 hatte das Team den Wettbewerb für die Neugestaltung der Plaza de la Encarnación in Sevilla gewonnen, Baubeginn war bereits im Mai 2005. Erst kürzlich ist das neue Wahrzeichen mitten in der Altstadt von Sevilla gelandet und wurde nach und nach von den Baugerüsten und Kränen befreit (siehe BauNetz-Meldung vom 20. Dezember 2010). Am 27. März 2011 wurde das Projekt „Metropol Parasol“ feierlich zu den Passionsspielen eröffnet.
Mit der Anmut einer organisch gewachsenen Struktur schwebt nun das monumentale, 5.000 Quadratmeter große Wolkendach über dem ehemaligen Marktplatz. Sieht man nur die Luftbilder, könnte man meinen, jemand habe sich im Maßstab geirrt – fast etwas brutal frisst sich dieser auffällige Fremdkörper in die Altstadtstruktur. Doch gerade dieser offensichtliche Größenwahn macht das Projekt zum Wahrzeichen Sevillas und zur neuen Architekturikone Spaniens.
Um die Parasoles überhaupt bauen zu können, wurden die riesigen Sonnenschirme in ein orthogonales Raster von 1,5 mal 1,5 Metern aufgelöst – karierte Schatten fliegen über den Platz. Nicht aus Stahl, sondern aus Holz wurde die dreidimensionale Netzgeometrie auf einem Betonfundament errichtet. Mit Abmessungen von etwa 150 Meter Länge, 75 Meter Breite und bis zu 28 Meter Höhe zählt das Bauwerk heute als die weltweit größte Holzkonstruktion. Rund 3.000 Kubikmeter finnische Fichte wurden in den sechs Stielen und dem Dachensemble verbaut. Um die Parasoles vor Witterungseinflüssen zu schützen, wurden alle Konstruktionselemente mit einer Schicht aus cremefarbenem Polyurethan überzogen – deshalb wirkt die riesige Gitterstruktur auch wie aus einem Guss.
Die Riesenschirme bringen Sevilla natürlich nicht nur Schatten, sondern auch weitere attraktive Nutzungen: Im Untergeschoss ist ein archäologisches Museum untergebracht, auf der Ebene über dem Platz befindet sich eine Markthalle, darüber ein Restaurant, während auf der vierten Ebene ein 400 Meter langer Panorama-Rundgang auf der Dachstruktur weite Blicke über die Dächer der Altstadt Sevillas bietet. Alle Ebenen sind durch einen Steg miteinander verbunden, der sich unter den einzelnen Schirmen hindurchschlängelt.
Mit der Platzgestaltung in Sevilla haben Jürgen Mayer H. Architekten eine riesige urbane Skulptur entwickelt, die völlig neue Räume einer gewachsenen Stadt definiert. Vielleicht kann man sogar von einer neuen Typologie der Platzgestaltung sprechen, einem vertikalen Platz mit einer Wolkenpromenade, der einen bewussten Kontrast zur Altstadt bildet. Es ist eine dieser Visionen, die heute technisch realisierbar sind. Am Ende hat sich der lange Atem schließlich gelohnt. (jk)
Fotos: David Frank
Im ARCHlab-Video spricht Jürgen Mayer H. über Metropol Parasol in Sevilla. Die Videoreihe ARCHlab ist eine Koproduktion von BauNetz und Prounen Film, mit freundlicher Unterstützung des Goethe Instituts und der Firma GIRA. Alle Videos sind wahlweise in Originalfassung oder mit deutscher und englischer Synchronisation abrufbar. Mehr Filme gibt es hier .
Download der BAUNETZWOCHE#162 „Biegen statt Brechen: Digitaler Holzbau”
Objektbericht und Videoclip Metropol Parasol im Baunetz Wissen Sonnenschutz
Zum Gespräch mit Jürgen Mayer H. auf Designlines.
Ob ein solcher sanft fliessender Sonnenbrand wohl weniger schmerzhaft ist?
Skelettkonstruktionen sind ein jedoch reizvolles Thema und ich hoffte hier einen verrückten und guten Versuch entstehen zu sehen. Mutig war das Projekt schon. Wie gelungen die Realisierung wirklich ist will ich nicht aus Fotos ableiten (die brutalsten Gebäude geben oft die besten Fotos, Casa do musica, Porto). Zwei wesentliche Punkte aber sprechen eher für die Glaubwürdigkeit der ablehnenden Kritiken der Kommentatoren die vor Ort waren: 1. die Unterkonstruktion dieser nur vorgeblichen Holzkonstruktionen ist derart massiv, riesenhaft und brutal (ich sah sie in Sevilla entsetzt im Original vor 2 Jahren), das die eigentliche Gitterung aus Holz nur eine wahrscheinlich schlechte Verblendung ist. Die handwerklichen Ausführungen die man schon sehen konnte waren erschreckend schlecht. Wenn schon Holzkonstruktion, dann auch substantiell. Die vorgeblendeten Holzteile alter anders als die Unterkonstruktion. Diese Schirme werden keine Chance haben schön zu altern. Hätte man den Mut gehabt diese Skelette aus Holz zu konstruieren, dann hätte es aus dem Material heraus ein sinnvolles entwerferisches Regulativ gegeben, dass auch die Maßstäblichkeit garantiert hätte. 2. Die Spanier sind oft sehr schnell und mutig in neuen Platz- und Stadtumbauten (siehe Barcelona). Dies hat positive Effekte, aber auch sehr negative. Schaut man sich diese Umgestaltungen heute an (Expo, Olympia, Strandpromenade, Kulturforum, etc.) dann trifft man auf ziemlich verrottete Zeugnisse eines flüchtige Zeitgeschmacks. Soll heißen, diese in Echtzeit gebauten Gebilde werden nie gepflegt und entwickeln sich manchmal zu gruseligen Peripheriemonstern. Insofern stehen die Karten für diese Pfifferlinge schlecht. Auf jeden Fall aber möchte ich mir die Dinger mal ansehen und die Wirkung erfahren. Direkt neben diesen Konstrukten stehen zwei riesige Lorbeerbäume, die gewissermaßen die echten Vorbilder dieser synthetischen Bäume sind. P.S. würdelose Beleidigungen anderer Kommentoren, wie von "elfenbein" an "klaus" gerichtet sollten nicht in dieses Forum gehören.
es ging gegen geldverschwendung in der stadt.
Hier trift sich jetzt die Jugend. Hier wird demonstriert. Was will man mehr? Heiner Fosseck