Neutral, ohne zu verschwinden
Aires Mateus gewinnen Wettbewerb für Unigebäude in Belgien
Wenn Architekten für die Architektur entwerfen, ist das immer eine besondere Herausforderung. Aires Mateus Associados (Lissabon) waren darin jedenfalls erfolgreich; sie haben einen Wettbewerb für den Neubau des Hauptsitzes der Universität für Architektur in Tournai, einer der beiden ältesten Städte Belgiens, gewonnen.
Insgesamt 20 Büros aus Europa nahmen teil, fünf wurden in die engere Wahl genommen, darunter Lacaton Vassal und Robbrecht en Daem. Aires Mateus setzten sich mit der Idee eines Neubaus durch, der möglichst neutral wirken, dabei aber nicht optisch verschwinden soll.
Mit dem zurückgenommenen Erscheinungsbild zeigen die Architekten Respekt vor der historischen Bebauung und dem Ort mitten in der Altstadt Tournais, wo viele Gebäude zum Unesco-Weltkulturerbe gehören. Der dreiflügelige Neubau wird zwischen einem ehemaligen Krankenhaus aus dem 18. sowie zwei Industriebauten aus dem frühen 20. Jahrhundert stehen und auch zwischen ihnen vermitteln.
In den ehemaligen Industriehallen werden Seminarräume und Bibliotheken eingerichtet, in das alte Krankenhaus zieht die Verwaltung ein. Der Neubau passt sich in der Höhe an beide Nachbarn an, stellt aber dabei mit seinen hellen Fassaden und klaren modernen Formen einen eigenständigen Baustein dar.
„Wir möchten die Architektur nicht nur als Form, sondern als Ort behandeln“, sagen die Architekten. So wird der Neubau, in dem die Planer zugunsten großzügiger Flächen auf Korridore verzichten, „das öffentliche Gesicht“ der Universität darstellen und Veranstaltungssäle sowie Ausstellungsflächen beherbergen.
Die Bauphase soll 2015 beginnen; währenddessen zieht ein Teil der Universität in ebenfalls neue Räumlichkeiten außerhalb des Stadtzentums.
Andererseits: Wir sollten davon ausgehen, dass sich die Jury dieser Gefahr auch bewußt war. Dennoch hat sie diesen Entwurf, der ja mehr eine Idee denn ein Bauwerk ist, zum Sieger gekührt. Warum? Weil ihnen die Idee, der Ansatz und damit der Mut wichtiger waren als die zaghafte Verneigung vor der Machbarkeit. In der Hoffnung, dass sich letzten Endes die Idee ablesen lässt und man dann ein weitaus kraftvolleres Gebäude erhält als bei einem Entwurf, welcher LPH 5 schon fertig im Kopf hat. Ich hoffe - und Sie sicherlich auch - dass die Jury - diesmal - recht behält.
Ich sehe hier einmal mehr eine eklatante, frustrierende Diskrepanz zwischen gestalten wollen und konstruieren-müssen, sprich zwischen (Architektur-)Theorie und Baupraxis.
Das ist schon jetzt ein Bauschadendenkmal, das seine Nichtmachbarkeit öffentlich ("coram publico")zur Schau stellt. Und das ist der eigentliche Skandal. Nicht nur das frevelhafte Gebilde, was mit aller Macht zwischen eine denkmalgeschützte Bausubstanz gepfercht werden soll, sondern auch die Dokumentation der Unfähigkeit der Architekten, die dem Bauherrn, den Benutzern und letzten Endes der Gesellschaft die Ausführung und spätere Sanierung (erfahrungsgemäß wahrscheinlich schon nach ca. 5 bis 7 Jahren) teuer zu stehen kommen.
Hoffen wir, dass diesmal Darstellung und Realitaet die Seiten gewechselt haben.
Und trotzdem lässt mich das Ganze seltsam kalt. Das Unternehmen wirkt angestrengt, die Konstruktion völlig überinstrumentalisiert, die Aussage seltsam lehrbuchhaft ohne jede Souveränität.
Wie selbstverständlich steht doch da der Altbau da, einfach und doch mit einigem Augenzwinkern in den Details. Einerseits einfach ein gutes Haus, andererseits Kunstwollen für die Architekturmagazine.