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16.01.2017

Reduzierter Eklektizismus

Naturmuseum in St. Gallen


Hier erheben die Architekten das Unproportionierte und Widersprüchliche zum Stilmerkmal: Der Sichtbeton ist fein geriffelt wie der Schaft einer dorischen Säule, die Fensterquadrate liegen überdimensioniert groß auf der Fassade und über die gesamte Länge des Baus erstrecken sich Paralleldächer, die man eigentlich aus der Industriearchitektur des späten 19. Jahrhunderts kennt. Michael Meier und Marius Hug Architekten (Zürich) haben gemeinsam mit Armon Semadeni Architekten (Zürich) aus vielen Stilen und Typologien etwas herausgegriffen und trotzdem ist ihr Resultat für das Naturmuseum in St. Gallen kein wilder Eklektizismus, sondern eine sehr klare Gebäudefigur.

Reduktion, Repräsentativität und Widersprüchlichkeit werfen die Architekten bei diesem Projekt gekonnt auf die Waage. Die Materialien sind beschränkt: Beton, Aluminium und Glas. Konsequent einheitlich ist die Fassadengestaltung: rustikales Grau stößt auf mattes Silber, der verfeinerte Sichtbeton auf die wie betont naiv anmutenden, großen Fensterquadrate. Städtebaulich verzahnt sich die Architektur des Museums über tiefe Gebäudeeinschnitte mit ihrer Umgebung. Angepasst an die Gegebenheiten bildet sie einen Vorplatz zur Straßenseite, genügend Abstand zur benachbarten Kirche und eine Verbindungslinie zum nahegelegenen Botanischen Garten.

Das Innere des Naturmuseums ist komplexer als es sein reduziertes Äußeres vermuten lässt: Die Architekten haben das Gebäude in zwei Hälften unterteilt und entlang dieser imaginären Bruchkante die Räumlichkeiten in der Vertikalen leicht versetzt zueinander angelegt. Trotzdem – oder wohl gerade aufgrund der nun aufgelösten Etagenstatik – sind die Räumlichkeiten in einem frei wählbaren Gehfluss passierbar. Den Auftakt bildet das verglaste Entrée. Es ist in einer Sichtachse mit dem Foyer zur Gartenseite verbunden. Den Abschluss bildet die oberbelichtete Galerie im zweiten Geschoss, die ohne Stützen das gesamte Geschoss ausmacht. Alle Ausstellungsäle sind offen miteinander verkettet, abgeschlossenere Räumlichkeiten wie das Jugendlabor und die Bibliothek bündelten die Architekten an den Treppenkernen in einem eigenen Trakt.

Das Herzstück des Gebäudeinneren ist jedoch der Reliefraum auf der ersten Ebene. Hier verbinden sich die Hauptebene und die obere Galerie zu einem Saal von doppelter Höhe. Die großen Dimensionen und die Belichtung erinnern an klassische Ausstellungshallen, so wie sie sich seit dem Beginn der Museumsära im 19. Jahrhundert im allgemein durchgesetzt haben. Dieser Griff zum bekannten Raumtypus ist angesichts der Durchdachtheit des Gebäudes ein Statement: Trotz fein gesetzter Brüche, Widersprüche und Unproportioniertheiten bringen sie an dieser Stelle Institution und Architektur unverkennbar zusammen und positionieren das Gebäude als das, was es eben auch ist: als Museum. (sj)

Fotos: Roman Keller


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