Stimfrau
Schweizerin wird Senatsbaudirektorin in Berlin – mit Kommentar der Redaktion
Die Schweizer Architektin Regula Lüscher Gmür wird die neue Berliner Senatsbaudirektorin. Der Senat ernannte die 45-jährige Baslerin am 22. Januar 2007 auf Vorschlag von Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD). Die stellvertretende Direktorin des Amtes für Städtebau in Zürich wird ihr Amt in Berlin am 1. März 2007 übernehmen.
Lüscher Gmür folgt Hans Stimmann, der im Herbst 2006 als Senatsbaudirektor in den Ruhestand verabschiedet worden war (siehe BauNetz-Meldung mit Kommentar der Redaktion vom 25. Oktober 2006).
Nach Abschluss des Architekturstudiums an der ETH Zürich 1986 arbeitete Lüscher Gmür in Zürich und Wien als Architektin.
Danach eröffnete sie mit Patrick Gmür ein Architekturbüro in Zürich, in dem sie jedoch nach Auskunft des Büros seit acht Jahren nicht mehr tätig ist. BauNetz hat über zwei Projekte des Büros berichtet (siehe BauNetz-Meldung zum Wohnhaus in Zürich und BauNetz-Meldung zu einer Schulerweiterung in Zürich).
In ihrer zehnjährigen selbständigen Tätigkeit als Architektin beschäftigte Lüscher Gmür sich mit städtebaulichen Aufgaben, öffentlichen Bauten, Wohnungsbau und kleineren Umbauten. Sie war seit 1989 an der ETH und in Winterthur in der Lehre tätig, wirkte in Jurys mit und war vier Jahre Mitglied der Stadtbildkommission Luzern.
Kommentar der Redaktion:
Eine vergleichsweise junge Schweizer Architektin wird Architektur und Städtebau in Berlin politisch leiten. Das klingt nach frischem Wind. Sie übernimmt die Geschicke in Berlin zu einem prekären Zeitpunkt: Ihr Vorgänger Hans Stimmann (1991 bis 96 und 1999 bis 06), hinterlässt ihr ein unvollendbares „Planwerk Innenstadt“ in einer bankrotten Stadt, der es bisher noch immer nicht gelungen ist, wirkliche deutsche „Hauptstadt“ zu werden, Ost und West politisch zu vereinen und gut dotierte Arbeitsplätze in die Stadt zu holen.
Anfang 2007 ist Berlin bei Touristen aus aller Welt zum beliebten Städtereiseziel per Billigflieger geworden - in der allerdings für die Politik der zahlende Besucher wichtiger als der wählende Bürger geworden ist. Einige Prestigeprojekte der Nachwendezeit verlieren derzeit in Berlin ihr Prestige wie der neue Hauptbahnhof seine Stahlträger.
Schweizern unterstellt man mehr diplomatisches Geschick und mehr Verständnis für Demokratie als Lüscher Gmürs Vorgänger. Dessen in den 60er Jahren geschulte ideologische Meinungsfreudigkeit war aber auch seine Stärke. Wird Lüscher Gmür mit dem rauen Berliner Ton und Stil umgehen können, ohne sich zu sehr zu verschleißen?
Dass Berlin abermals eine(n) Architekten/in im politischen Amt bekommt, kann eine gute Nachricht sein. Die Gefahr, dass sie, wie Stimmann, eine Clique genehmer Entwerfer um sich schart und immer wieder beauftragt, besteht angesichts ihrer mangelnden Verwurzelung in Berlin zunächst nicht. Es wird interessant zu beobachten sein, ob es der „Berliner Schule“ gelingt, die neue Amtsinhaberin zu vereinnahmen – oder ob es ihr gelingt, diesem Begriff einen neuen Inhalt zu geben.
Der ganz große Berliner Bauboom ist vorüber, die internationalen Investmentfonds kreisen nicht nur über der unterbewerteten Stadt, und der Leerstand ist groß. Dennoch hat sich Berlin positiv entwickelt: Vom Zentrum der Ost-West-Konfrontation zu einem kulturellen und politischen, aber nicht wirtschaftlichen internationalen Zentrum im wiedervereinigten (Mittel-)Europa.
Ulf Meyer
Deren "Nachzucht" und Wichtignahme aber scheint im Gegensatz zu unserem Lippenbekenntnis extrem vernachlässigt. So ist die etwas verlegen wirkende (Fern-)Suche nach einer Nachfolge für Stimmann nur ein Schlaglicht und Beispiel für unsere Inkonsequenz in Sachen Baukultur, sprich in Sachen Städtebau.
( Elbphilharmonie, Reichstag, Allianzarena, Neues Museum,Phaeno, etc.) ist es nur konsequent, dass eine Schweizerin Senatsbaudirektorin der Hauptstadt wird. Der architektonische Nachwuchs scheint wohl ausgerottet zu sein.Vielen Dank, Herr Stimmann.
noch ne frage wie alt muss man sein um gut zu sein? ist man mit 45 noch jung?
dieses Amt, die bisherige Tätigkeit als "stellvertretende Direktorin des Amtes für Städtebau in Zürich" dürfte wohl kaum ausreichend sein. Daß sie seit Jahren nicht mehr in ihrem Büro tätig war, wird als quasi Rechtfertigung hingestellt. In Berlin wundert einem allerdings schon lange nichts mehr, sowohl was die städtische als auch die bundesrepublikanische Führung anbelangt; kümmerlich von vorne bis hinten !
generell neuem offen, wundere ich mich, daß es niemanden aus den eigenen reihen gibt. irgendwie seltsam, oder? wie kommt dat nu wieder? hintergrundinfo wäre wirklich nett.