Philipp gegen Goliath
Gerichtsurteil gegen Berliner Schloss-Verein
Der Förderverein Berliner Schloss e.V. um den Hamburger Kaufmann Wilhelm von Boddien ist in der öffentlichen Wahrnehmung stets als „der Gute“ programmiert. Dieser Verein verkörpert scheinbar bürgerschaftliches Engagement; er hat sich zur Aufgabe gemacht, die Rekonstruktionen der Barockfassaden am Bauvorhaben „Humboldt-Forum“ in Berlin zu bezahlen. Genauer: Spenden zu sammeln, um die Mehrkosten abzudecken, die eine originalgetreue Rekonstruktion gegenüber einem rein zweckmäßigen Neubau verursachen. So weit, so gut.
Nun gibt es dummerweise einen Kritiker an dem schönen Vereins-Schein, der partout den Mund nicht halten will. Es ist der Berliner Publizist und Kasselaner Hochschullehrer Philipp Oswalt, bekannt geworden unter anderem als Arch+-Redakteur und durch das Projekt „Shrinking Cities“. Oswalt wirft dem Förderverein in vielerlei Hinsicht unseriöses Geschäftsgebaren vor. Es würde an dieser Stelle zu weit führen, Oswalts Vorwürfe alle aufzuzählen; verwiesen sei vielmehr auf einen Aufsatz, den er auf der Plattform schlossdebatte.de veröffentlicht hat. Dieser Aufsatz war in leicht gekürzter Form bereits im Januar 2008 in unserer Schwesterzeitschrift Bauwelt 1-2.08 erschienen („Das Stadtschloss-Geschäft“, Seite 6; PDF downloadbar).
Dieser Artikel hatte dem Förderverein nicht gepasst; er hat eine Gegendarstellung verlangt – und auch bekommen (Bauwelt 7-08; Seite 9; PDF downloadbar). Die Bauwelt war damit aus dem Schneider, unabhängig davon, ob die in der Gegendarstellung aufgestellten Behauptungen stimmten oder nicht. Doch Philipp Oswalt ist gegen diese Gegendarstellung juristisch vorgegangen – und hat mit Beschluss des Landgerichts Berlin vom gestrigen 6. November 2008 (Az: 27 O 466/08) in wesentlichen Punkten Recht bekommen.
Der Verein wurde durch das Landgericht dazu verurteilt, auf eigene Kosten in der nächst erreichbaren Ausgabe der Bauwelt seine bisherigen Behauptungen jeweils mit dem lapidaren Satz „Wir halten den Vorwurf, dass Herr Prof. Oswalt hier etwas Falsches geschrieben hat, nicht aufrecht“ zu kommentieren. Also eine Gegendarstellung der Gegendarstellung.
Eine schwere Schmach für einen Verein, der eine Schlüsselrolle bei dem heiklen Bauvorhaben einnimmt, das Berliner Stadtschloss in seiner Kubatur und in seinen wichtigsten Fassaden zu rekonstruieren. Die Politik hat sich bisher auf die Spendenzusage des Vereins von 80 Millionen Euro verlassen; Oswalt wirft dem Verein dagegen sinngemäß vor, die bislang eingesammelten Spenden bereits weitgehend verbraucht zu haben: hauptsächlich für Zuwendungen an führende Vereinsmitglieder. Auch trete der Verein als Bauherr der Fassade auf, der Sachleistungen anbieten will, statt das Geld zu sammeln und es, wie bei der Dresdener Frauenkirche, dann dem „echten“ Bauherrn zu überreichen.
Im Zusammenhang mit den Turbulenzen um Verkehrsminister Tiefensee und Bonuszahlungen an Bahn-Vorstände kam in der Berichterstattung auch ein weiteres Detail zum Thema Schlossfassade ans Licht: Um die Baukosten der Fassaden durch den Haushaltsausschuss des Bundestages zu bekommen, wurden Kosten in Höhe von rund 9 Millionen Euro (also über 10 Prozent der Fassadenkosten) trickreich in der Position „Erschließung, Außenanlagen, Planungskosten“ versteckt. Auch rechne das Bauministerium intern längst damit, dass der Bau der Schlossfassaden aus der Staatskasse bezahlt werden muss, berichtet der Tagesspiegel am 5. November 2008. In einem Dokument des Bundesamtes für Bauordnung und Raumordnung heiße es, dass eine finanzielle Hilfe durch den Verein „gegenwärtig nicht ernsthaft in Betracht gezogen werden“ könne, so der Tagesspiegel weiter.
Wenn das so ist, dann ist der Förderverein Berliner Schloss e.V. in Zukunft noch mehr das, was er schon immer war: überflüssig.
Benedikt Hotze
P.S. aber ich hab sie doch herausgefordert, obwohl ich noch so jung und unerfahren bin :)
Vieles ihrer Ausführungen zum Schloss-Neubau (nicht zum Verein) ist nicht von der Hand zu weisen. Dass das Thema mehr als bedeutend ist, stimmt auch (siehe über 30 Kommentare).
Aber man kann das Thema nicht rationell angehen bzw. erklären. Es geht um die Sehnsucht nach Schönheit und Ästhetik in unseren Städten. Die Sehnsucht nach der Stadt von gestern, all diese Dinge, Wünsch, die uns die Moderne einfach nicht geben mag (oder vielleicht einfach nicht kann), macht das Thema zum Streitfall zwischen Kopf und Bauch. Dadurch ist Streit kaum zu vermeiden. Beim Schlossaufbau (wie sie klar sagen, im Grunde nur 3 Originale Fassaden) geht es mehr um einen Vertrauensbankrott gegenüber der Moderne, bzw. dem Können heutiger Architektursprache uns etwas Bleibendes zu hinterlassen.
Die genialsten Bauten der Moderne in Berlin sind meiner Meinung nach die Behrens-Bauten am Alex und Fahrenkamps "Schell-Haus" am Landwehrkanal. Einem Gebäude am Schlossplatz mit dieser Klasse könnte auch ich etwas abgewinnen.
Nur es fehlt das Vertrauen, und aus dieser Krise können sich die Architekten nur selbst entlassen (da ist die Schuld nicht beim Bauherren zu such, bedenken sie mit welch sparsamen Mitteln und Möglichkeiten in früheren Zeiten Meisterwerke entstanden).
Vielleicht würde uns in Deutschland ein paar Jahre ausschließlich klassische Neubauten (z.B. radikal nur Gründerzeitstil) gut tun. Vielleicht würden wir dann wieder in der Masse die Lust an der Moderne, am luftigen, gläsernen verspüren. Bedenken sie, heute ist ein moderner Innenraum-Entwurf für die Staatsoper innerhalb von 3 Wochen im Protesthagel (ohne Diskussion) begraben. Es besteht für die Moderne überhaupt kein Handlungsspielraum mehr.
Man unterschätzt das Trauma von seelenlosen Nachkriegsstädten. Und ich bin ein Baujahr der 80er und merke wie viele meiner Zeitgenossen dass etwas fehlt.
Vom Kopf gebe ich Ihren Ausführungen in vielen Punkten Recht. Mein Bauch sagt aber etwas anderes. Der Bauch macht die Dinge scharf und aggressiv.
Sollte ich sie in irgendeiner Form beleidigt oder persönlich getroffen haben, so tut es mir leid. Ich danke Ihnen aber trotzdem für die harte aber am Ende interessante "Online-Diskussion".
Verstehen Sie mich nicht falsch: Niemand – schon gar nicht ich - will Ihnen das Recht auf selbst pointiert vorgebrachte Kritik absprechen. Niemand will Sie "mundtot" machen. (Nur lesen Sie mal die Forumregeln. Darauf bezog sich übrigens meine Verwunderung, dass Ihr Beitrag - der allererste hier! - überhaupt veröffentlicht wurde, haben Sie die doch darin gleich gegen drei der Forderungen verstoßen. Sie haben mit dem Pöbeln schon angefangen, noch bevor irgendein anderer sich geäußert hatte!) Sie implizieren immer wieder, Ihre Meinung sei in der Minderheit und würde unterdrückt. Das ist eine beliebte, aber durchsichtige Methode, rechtschaffen zu wirken. Dabei ist doch offenbar das Gegenteil der Fall. Sie bekommen von vielen Seiten Zuspruch! Worüber beklagen Sie sich? Sie werfen anderen die Meinungspolizei vor und beschimpfen selbst Ihre Kontrahenten als Wichtigtuer und Egomanen. Hören Sie sich noch zu? Es gibt es einen entscheidenden Unterschied zwischen kritisieren und diffamieren. Bekanntlich macht der Ton die Musik. Sie nehmen eine ganze Gruppe von Menschen (in Deutschland ca. 120.000 Personen) rethorisch in Sippenhaft und bezeichnen diese – sogar mehrfach - auf die genannte Art. Dass die gesamte Debatte diese Schärfe und Unversöhnlichkeit angenommen hat und somit eine ernsthafte Auseinandersetzung behindert wird, ist wesentlich das Verdienst von Leuten wie Ihnen. Glauben Sie etwa tatsächlich alle Architekten seien im Studium einer Gehirnwäsche unterzogen und gleichgeschaltet worden? Wie vielfältig und differenziert die Meinungen selbst innerhalb der Berufsgruppe sind, müsste Ihnen sogar bei der Lektüre dieses Forums aufgehen. Immerhin hat sich hier ein Kollege geoutet, der einer Nachempfindung der Schlossfassaden etwas abgewinnen kann.
Ich verrate Ihnen jetzt noch ein Geheimnis unserer Profession: Nichts, absolut nichts! wird gebaut, weil ein Architekt das so will. Die Musik bestimmt, wer bezahlt. Und das ist der Bauherr. Architekten machen lediglich Vorschläge und werben dafür. Sie würden sich wundern, wenn Sie erführen, wie schwer es ist, auch nur einen persönlichen Farbwunsch umzusetzen. Würden Sie selbst, als Auftraggeber Ihrem Architekten unbedingte freie Hand lassen? Wohl kaum! Dann unterlassen Sie doch bitte die peinliche Schuldzuweisung, Architekten seien grundsätzlich für alles gebaute "Böse" in der Welt zuständig.
So kommen wir zum Engagement Herrn Boddiens als Bauherr. Absolut lobens- und begrüßenswert! Das zeichnet unsere freiheitliche Demokratie vor allem aus, dass private Initiativen gesellschaftliche Veränderungen bewirken können. Niemand will das kleinreden! Und dennoch muss es erlaubt sein, deren Legitimität und moralische Integrität zu prüfen und gegebenenfalls zu hinterfragen.
Die so genannten "Schlossbefürworter" spielen nämlich schon rethorisch mit gezinkten Karten. Niemand will "das Schloss" "wieder aufbauen" oder "rekonstruieren". Geplant ist, ein modernes Zweckgebäude aus Stahl, Glas und Beton an drei (!) Seiten mit historisierenden Fassaden zu versehen. (Dabei hätte das Gebäude hinter diesen Fassaden sogar eine andere Geschossigkeit als das ursprüngliche Schloss.) Der Vergleich Dresdener Frauenkirche ist gefallen. Eine Rekonstruktion in dieser Qualität und Sorgfalt wird in Berlin nicht einmal angestrebt – und das obwohl hier eine gute halbe Milliarde ausgegeben werden soll; eine Summe die andererorts sinnvoller eingesetzt werden könnte und dann fehlen wird. Wäre das Anliegen nicht schon fragwürdig genug, so sind es spätestens die Methoden. Von rund 7 Millionen an Spendengelder sind – laut vereinseigenem Abschlussbericht – bereits 5,5 Millionen ausgegeben worden. Wo ist das Geld hin? (Nochmal: Spendengelder gutgläubiger Bürger!) Die alte Frage "Cui bono?" ist nicht nur erlaubt, sondern unbedingt geboten. Hier geht es nämlich nicht um das Für und Wider einer weiteren Postkartenansicht von Berlin, sondern darum, welche Gestalt eine große nationale Bauaufgabe haben soll, hinter der eine Bürgerschaft weitgehend geschlossen stehen kann. (Lesen Sie mal Sedlmayrs "Verlust der Mitte" von 1948, ein eher konservativer Theoretiker, der die Bedeutung und Tiefe eines solchen Vorhabens schön auslotet.) Da sind solche Ungereimtheiten eher kontraproduktiv, und die, die nachfragen verniedlichend als "Grantlhuber" zu bezeichnen, wird der Sache wohl kaum gerecht. (In einer solch wichtigen Angelegenheit klingt die hier gern vorgebrachte Häme á la "Bätsch, und am Ende wird doch das Schloss gebaut!" schon reichlich nach Kindergarten. Wenn das das Niveau der Debatte sein soll, dann vielen Dank!)
Herr Boddiens Engagement nennt sich gemeinnützig. Nun, zu dieser Gemeinde gehöre ich auch. Und da ich eben auch Steuerbürger dieses Landes bin, lasse ich mir darum – genau wie Sie – weder das Denken noch das Reden verbieten. Ein Wort zum Schluss: Da Sie ja so gut darüber Bescheid zu wissen scheinen, "was die Gesellschaft wirklich will", könnten Sie uns vielleicht in Ihrem (bestimmt kommenden) nächsten Beitrag den Ausgang der nächsten Wahlen verraten. Das würde uns nämlich den lästigen sonntäglichen Urnengang ersparen.
Auf jeden Fall ist das Berliner Schloss wieder einmal in der Diskussion und so immer präsent. Wer macht nun den Check fertig, damit die Bauarbeiter loslegen können? Nur das zählt. Und diese Diskussionen über Formulierungen und Rechtsstreits - Gegendarstellungen ... Wir wissen doch .. wenn die EInweihung ansteht, weden beide Parteien da sein und das Gebäude feiern. Vielleicht sollte man sich verbünden und die Kräfte bündeln.
Wäre so mein Vorschlag.
PS: Zu Architekten habe ich auch ein etwas "gespanntes" Verhältnis aus einigen Bauprojekten. Architeken sehen sich oft als "Künstler" auf Kosten des Geldgebers. Aber das ist eine ganz andere Diskussion.
MfG
Lür Waldmann
www.schloss-pur.de
"und ein demokratieverständnis wie die partei die immer nochmal für ihre rechte demonstrieren darf, obwohl die vorgänger schon vor rund 70-jahren diesem land einen irreperablen schaden zugefügt haben."
- Guter Herr ich bin 1982 geboren, habe weder mit "dieser Partei" etwas zu tun, noch mit den Geschehnissen vor 70 Jahren.
Kommentar 27: thomas michael krüger
"dass bei den Entwürfen für das Neues Schloss ganz vielversprechende Ansätze zu finden seien.
Hoffen wir, dass sich die gut besetzte Jury um Chipperfield, Kulka und Merz gegen den politischen Rekonstruktions-Willen diesmal (siehe Staatsoper-Entscheidung) durchsetzen kann."
- genau davon spreche ich, Wichtigtuerei nur um das eigene Ego zu befriedigen, was die Gesellschaft wirklich will, hat keine Bedeutung.
Abschließend:
Mein erster entrüsteter Beitrag gründet auf die Erkenntnis, dass in der Architekten-Szene eiskalt zwischen Gut und Böse unterschieden wird.
Mag jemand Kollhoff oder Mäckler, wird er ausgestoßen, wie jetzt bei mir, kommt die Keule mit dem Nationalsozialismus (ein bischen versteckt). Streiten, Diskutieren, alles OK. Aber das verstehe ich unter Meinungspolizei, wer nicht passt, wird Mundtot gemacht. (Herr Kollhoff wurde hier schon mal als Eva Herrmann der Architektur gesehen).
Nochmal zum Stadtschloss: es gibt bisher keine Vision, keine Idee, nein nichts, was nicht besser wäre als das alte Schloss. Und warum darf denn eigentlich nicht rekonstruiert werden? Vor was fürchten sich die Architekten so? Die Aufgabe ist es doch, dass die Moderne sich anstrengt und gut ist, dann wäre auch keine Sehnsucht nach Rekonstruktionen da.
Nochmal zu Herrn Oswalt / Boddien
Herr von Boddien ist für mich ein mutiger Mann. Er setzte sich schon für das Schloss ein, da war noch gar kein dran denken an den Wiederaufbau. Das finde ich für richtig Deutsch, draufschlagen auf den, der sich für etwas einsetzt. Kann daran keinen gesellschaftlichen Wert erkennen. Im Grunde müsste die gesamte Architektenschaft auf die Bevölkerung des Landes schlagen. Herr von Boddien hat den Geist nur aus der Flasche gelassen. Wenn aber keine Sehnsucht da wäre, würde es auch keinen von Boddien geben.
Zu allerletzt:
Sie können meine Rechtschreibfehler behalten, müssen mich nicht darauf aufmerksam machen.