Monument gegen den Dämm-Wahn
Über die Antivilla von Arno Brandlhuber
Von Luise Rellensmann
Für ihn ist keine Baulücke zu eng, die Weiternutzung keiner Bauruine zu abwegig. Arno Brandlhuber jongliert mit Verordnungen und Restriktionen, die viele Architekten eher als hemmend begreifen. Sein neuestes Projekt, das er mit den Partnern Markus Emde und Thomas Schneider realisierte, ist die Antivilla am Krampnitzsee bei Potsdam. Der Wochenendwohnsitz für Brandlhuber und Exilort für Berliner Künstler ist eine Case Study für nachhaltiges Bauen in extremster Form und soll vor allem eines: dem grassierenden Dämm-Wahnsinn die Stirn bieten.
Millionenschwere Anwesen mit Seeblick, Günther Jauch und Wolfgang Joop sind die gängigen Assoziationen, die einem beim Klang der Worte „Villa“ und „Potsdam“ in den Kopf kommen. All das ist Brandlhubers Projekt nicht. Statt neben neoklassizistischen Stadtvillen steht seine Antivilla zwischen Satteldachhäuschen mit Jägerzaun – mitten im ehemaligen Grenzgebiet. Der Bau ist die umgenutzte Ruine der ehemaligen Trikotagenfabrik VEB Ernst Lück – grau geschlämmter DDR-Rauputz statt eierschalenfarbener Säulenpracht. Es ist das Gegenstück zum noblen Anwesen in Babelsberg oder der Berliner Vorstadt, „anti-location“ inklusive.
Tatsächlich villenhaft sind aber das Grundstück in unmittelbarer Nähe zum See und die schiere Größe der Wohnfläche – eine Qualität, die den Bestandsbau, den Thomas Schneider als „typische DDR-Sparkonstruktion aus den 1980er Jahren“ beschreibt, in die Gegenwart rettete. „Neu hätten wir hier vielleicht drei Einfamilienhäuser mit je 150 Quadratmetern bauen können.“ Durch die Umnutzung stehen Arno Brandlhuber hier rund 500 Quadratmeter zur Verfügung. Den Platz teilt er mit Künstlern und Kunstwerken. Während das Erdgeschoss Ateliers bietet, nutzt Bauherr Arno Brandlhuber das Obergeschoss selbst. Den stützenfreien Raum dominieren Werke von Anselm Reyle, Alicja Kwade oder Gregor Hildebrandt. Aufgearbeitete Lampen aus Bronze und Acrylglas aus einer inzwischen abgerissenen Kölner Kirche der Nachkriegszeit spiegeln sich im Wasserglas-versiegelten Estrichboden.
Hauptmaßnahme des Umbaus war die Erneuerung des Daches. Die ehemals mit Wellasbest belastete Dreiecksbinderkonstruktion wurde durch ein Flachdach mit dramatisch auskragendem Wasserspeier ersetzt. Markantes Merkmal der Umgestaltung sind die Öffnungen in den Giebelseiten des Gebäudes. Eine Villa braucht nicht nur viel Platz, sondern auch großzügige Blicke in die Landschaft. Die groben Öffnungen sind als „künstlerischer Akt“ mit Vorschlaghämmern von Freunden, Familie und Künstlern aus den Außenwänden gehauen worden. Sie offenbaren nicht nur den Blick auf den See auf der einen und in den Eichenwald auf der anderen Seite, sondern auch auf das Mauerwerk, seinerzeit „Lehrstück von Mauerlehrlingen, die aus Mozambik oder Vietnam in die DDR gekommen waren“, weiß Schneider, den es freut, dass hier auch Gesicht und Geschichte des Bestandsbaus erhalten werden konnten.
Die Ortsbetonstruktur in der Mitte des multifunktionalen Raumes, der als Schlaf- und Wohnraum, Atelier oder für Veranstaltungen genutzt wird, ist das einzig feste innenräumliche Gliederungselement. Von hier aus führt außerdem eine Treppe auf das Dach. Ursprünglich ganz ohne Heizung geplant, sollte die Sauna im Kern als einzige Wärmequelle für das gesamte Obergeschoss dienen. Ein Vorhang teilt den offenen Grundriss rund um den Kern zwiebelartig in verschiedene Wärmebereiche. Die außerhalb des dünnen, aber dichten Textils liegenden kühleren Zonen sollen mit der bestehenden Außenwand als Dämmung gegen die kalte Außenluft dienen. Ein eigentlich uraltes Konzept – man denke an alte Bauernhäuser oder Omas Federbett –, doch diese wunderbare Grundidee scheitert heute an den Regelungen der Energieeinsparverordnung EnEV. Diese erkennt Vorhang, kühle Innenraumluft und Außenwand als ein einziges Bauteil ebenso wenig an, wie sie dynamische Raumgrenzen kennt. So musste zusätzlich eine Fußbodenheizung installiert werden.
Hat Brandlhuber sein Spiel mit den Regeln diesmal verloren? Auf keinen Fall, denn hier sind außergewöhnliche Räume entstanden. Den Vorhang als flexiblen Raumteiler im großen Raum des Obergeschosses gibt es dennoch. Und dieser erzielt tatsächlich die erhoffte thermische Wirkung. Damit führt die Antivilla die Bestimmungen der EnEV vor. Diese haben hier ein wahrhaft energiesparendes Konzept vorschriftsmäßig ausgebremst.
Die Antivilla steht übrigens nicht alleine, sie hat im Garten noch einen kleinen Bruder bekommen. Auf den Fundamenten einer ruinösen Gartenlaube durften Studenten in Eigenarbeit ein außergewöhnliches Sommerrefugium aus Beton gießen. Diesmal ohne Fußbodenheizung, dafür mit einem eisernen Ofen und einer vollständig verspiegelten Raumecke, hinter der sich Toilette und Abstellkammer verstecken. Ein einziger roher Raum mit ebenso weiten Ausblicken wie bei der großen Schwester.
für Ihre Wohnungssituation ist Dämmung, besonders Schalldämmung zwischen fremden Wohnräumen, kein Thema. Für Millionen von Mietern in mehrgeschossigen Häusern jedoch ein sehr wichtiges Problem und deshalb auf keinen Fall zu vernachlässigen oder zu reduzieren. Mit freundlichen Grüßen Michael Förster
aus meiner Sicht handelt es sich hier um ein Paradebeispiel von Bauskulptur, die man unter baukünstlerischen Aspekten zwar durchaus diskutieren kann (und sollte), jedoch nicht aus bautechnischer Sicht: Der vorgestellte Bau ist schlicht eine bautechnische Katastrophe! Der Architekt Arno Brandlhuber ignoriert jegliche Grundlagen der Bautechnik. Anbei nur zwei Kritikpunkte, die Anstoß zum Nachdenken geben wollen: 1.) Zunächst die Idee mit dem Vorhang. Er soll nach dem Vorbild einer Zwiebel als Wärmedämmung fungieren. Da der Vorhang aber einen sehr geringen Wärmeleitwiderstand aufweist, wird die Rechnung nicht aufgehen, auch auf Grund fehlender Luftdichtheit des Vorhanges inkl. seiner Bauteilanschlüsse. Über Konvektion gelangt Wärme und mit Wasserdampf angereichterte Luft aus dem Bereich der Sauna in kältere Bereiche des Innenraums und an die Außenkonstruktion. Da die Außenhülle (zumindest das Dach) offensichtlich ohne Dämmung auskommt (Kostengünstig wider dem Dämmwahn!) ist nicht einmal der Mindestwärmeschutz nach DIN 4108-2 eingehalten. Zwangsläufig wird es zeitnah großflächig zu Schimmel und auch zu Tauwasserausfall kommen (von Anschlußdetails und Wärmebrücken abgesehen). 2.) Eine ausreichende thermische Behaglichkeit in den Innenräumen sind mit den zu erwartenden abweichenden Oberflächentemperaturen (Saunaseite vs. ungedämmte Außenwand), im Winterfall schlicht nicht einzuhalten. Die ungedämmte Betondecke bzw. Außenwände mit niedrigen Oberflächentemperaturen verursachen ein Strahlungsungeleichgewicht, das vermieden werden sollte. Ich bemitleide die Bauherren, denn bewohnbar ist ein solches Gebäude nur in der warmen Jahreszeit. Blos gut, dass es so etwas wie Gewähleistungsfristen gibt, die für den Architekten zu teueren Nachbesserungen führen können. Was Brandlhubers Philosophie zur Grauen Energie betrifft, sind seine Ansätze nur prinzipiell richtig. Die Größenordnungen passen aber nicht. Bereits in wenigen Jahren lässt sich die gesamte in der Bestandkonstruktion beinhaltete Graune Energie durch entsprechende Effizienzmaßnahmen beim Betrieb einsparen. Die Graune Energie in der Konstruktion wird oft überschätzt, das Einsparpotenzial des Energiebedarfes im Betrieb hingegen geringgeschätzt. Als Quellen sei hier auf einschlägige Fachliteratur verwiesen. Mein Fazit: Liebe Architekten, wer von uns die Bautechnik derartig ignoriert es bei diesem Bauprojekt geschieht, schadet dem Image der gesamten Architektenschaft. Er sorgt gewollt oder ungewollt dafür, dass Bauherren häufiger beginnen zu überlegen, ob sie nicht besser ohne Architekten bauen. Die Aufgaben vor denen wir Architekten heute stehen, lassen nur lösen, wenn Baukunst und Bautechnik Hand in Hand gehen. Dafür ist das Gebäude kein gelungenes Beispiel.