Kraftakt in Bonn
Zur Sanierung der Beethovenhalle von Nieto Sobejano Arquitectos
Neun Jahre hat die Sanierung der Bonner Beethovenhalle gedauert, über 220 Millionen Euro gekostet. Das war so nicht geplant. Als die Halle am 16. Dezember 2025 mit einem beeindruckenden Konzertabend eröffnet wurde, schienen dann doch alle froh. Zumindest die Anwesenden. Nicht eingeladen waren die Architekten.
Von Uta Winterhager
Zur Wiedereröffnung spielte das Orchester mit großer Leidenschaft. Während Beethovens Ouvertüre aus „Die Geschöpfe des Prometheus“ und Mahlers Auferstehungssinfonie erklangen, konnte man im frisch sanierten Haus das Bonn-Gefühl von 1959 erahnen. Nachkriegsmodern und bodenständig brauchte es keine große Gesten. Und doch spricht aus der Fügung der Formen, aus Material und Detail ein unbändiger Gestaltungswille. Wie kommt man bloß darauf, Mahagoni und Jute-Tapete nebeneinander zu setzen?
Von vorn: Während der Bund Anfang der 1950er in der jungen Hauptstadt Bonn kaum baute, entschied die Stadt, die kriegszerstörte Beethovenhalle durch einen Neubau zu ersetzen. Es fand sich ein Grundstück direkt am Rhein, den 1954 ausgelobten Wettbewerb gewann der junge Architekt Siegfried Wolske (1925 – 2005) mit einem ambitionierten Entwurf. 1959 wurde die Halle mit der flachen Kupferkuppel eröffnet.
Neben dem Großen Saal mit 1.402 Plätzen auf flachem Parkett und schmalem Rang bot sie einen Kammermusiksaal, ein Studio und ein Restaurant auf der Rheinseite. Hochwertige Materialien und aufwendige Details charakterisierten das Haus. Von den 9,5 Millionen DM Baukosten spendete eine Million die Bürgerschaft. Alles fand dort statt, Konzerte, Bälle, Karneval, auch Bundespräsidenten wurden hier gewählt. Seit 1990 steht die Beethovenhalle unter Denkmalschutz. Die Erweiterung auf der Südseite mit Seminar- und Tagungsräumen führte Wolske 1997 selbst durch, es war sein letztes Projekt. Brandschutz, Klima und Akustik der Halle wurden in den folgenden Jahren viel diskutiert, doch nicht verbessert.
2007 bekam die Diskussion Schlagseite, als der Kulturrat und drei ortsansässige DAX-Konzerne der Stadt ein neues Festspielhaus zu Beethovens 250. Geburtstag 2020 schenken wollten. Alle, die mit dem bürgerlich-bescheidenen Bonn haderten, sprangen darauf an. Elf international bekannte Büros wurden eingeladen, die Beethovenhalle mit einem Konzerthaus „auf Weltniveau“ zu überplanen. Doch die prämierten Solitäre von Zaha Hadid und Valentiny hvp architects landeten in der Schublade. Der Landeskonservator hatte den Abriss der Beethovenhalle untersagt.
Auch ein zweites Verfahren für ein Festspielhaus neben der Beethovenhalle 2015 führte nicht zur Realisierung. Weil die Entwürfe für die spektakulären Neubauten jedoch wider besseren Wissens mit dem immerwährenden Preisschild „75 Mio. Euro“ abgelegt wurden, werden sie seither immer wieder mahnend hervorgeholt: „Schaut, was für einen prächtigen Bau wir für so wenig Geld hätten bekommen können“. Blieb also die denkmalgerechte und zeitgemäße Sanierung des Bestands, für die sich seit Beginn der Debatte viele, insbesondere eine Gruppe von Studierenden des Kunsthistorischen Instituts, engagiert hatten. Nur die Groß-Sponsoren waren daran nicht interessiert.
Die Stadt, die sich mit dem Bau eines Kongresszentrums hochverschuldet hatte, stand nun wieder allein vor der Aufgabe. Auf der Basis eines Gutachtens betrachtete sie verschiedene Varianten: reine Instandhaltungsmaßnahmen, Umbau zur Multifunktionshalle oder zu einem hochwertigen Konzertsaal. Eine Entscheidung traf sie nicht.
Über ein VOF-Verfahren 2014 qualifizierten sich Nieto Sobejano Arquitectos für die „Sanierung bzw. Ertüchtigung der Beethovenhalle Bonn – Objektplanung, Gebäude und Innenräume“. Der Ratsbeschluss im folgenden Jahr ging davon aus, dass das Projekt 60 Millionen Euro kosten und zum Jubiläumsjahr 2020 abgeschlossen sein würde. Heute wissen wir, es wurden 221,6 Millionen Euro und neun Jahre Bauzeit als Dauerkrise.
Im Sommer 2022 übertrug die verzweifelte Oberbürgermeisterin Katja Dörner Bauingenieur Steffen Göbel (dbp dasbauprojekt, Luckau) die Projektleitung als Vertretung der Bauherrenseite. Seine Aufgabe: Fertigmachen. Göbel brachte alle wieder an einen Tisch und zog mit abgestimmtem Terminplan und realistischer Kostenprognose durch. Zwischen Stadt und Architekten kam es im März 2024 zu einem Aufhebungsvertrag. Göbel wird als Retter der Beethovenhalle gefeiert.
Das Projekt Beethovenhalle steht exemplarisch für die Herausforderungen, mit denen Kommunen und ihre Stadthallen aus den 60er und 70er Jahren konfrontiert sind. Und es zeigt: Auch wenn die Stadthallen in ihrer architektonischen Qualität und Ausführung, ihrem Denkmalwert, ihrer kulturellen Bedeutung, ihrer zeitgemäßen Funktion und Nutzung mitunter sehr unterschiedlich sind, muss die Politik allen Bürgerinnen und Bürgern das unvermeidbare „Lohnt sich das?“ beantworten können.
Ohne Zweifel, das Projektergebnis Beethovenhalle ist gelungen. Allerdings ist das, was die Stadt bekommen hat, bedeutend mehr, als sie ursprünglich erwartet, berechnet und beauftragt hatte. Aus der Ertüchtigung wurde eine vollumfängliche Sanierung der denkmalgeschützten Bausubstanz, baubegleitend wurde diese zudem wissenschaftlich erforscht. Nun ist das Gebäude wieder im Originalzustand, gut verborgen darin die energetische Sanierung, die vollständig erneuerte Haus- und Bühnentechnik sowie Brandschutz und Barrierefreier Ausbau nach heutiger Norm. Akustisch ist der Große Saal auf höchstem Konzertstandard. In dem mit Hub-Podien doppelgeschossig ausgebauten Studio lässt sich eine identische Klangqualität herstellen. Von der Jutetapete über die Rabitzdecke bis zur Konzertorgel wurden alle originalen Ausstattungselemente restauriert. Mit Beeten in den früheren Stellflächen, Baumpflanzungen und Sitzmobiliar verwandelte man den stadtseitig vorgelagerten Parkplatz zum Beethoven-Park (RMPSL, Bonn).
Die Beethovenhalle als Baudenkmal und als Konzerthalle hat damit in jedem Fall gewonnen, viele sehen die Identität der (Beethoven-)Stadt gestärkt. Dass die gesamte Maßnahme zu klein gedacht wurde, erklärt nur einen Teil der immensen Kostensteigerung und Verzögerung. Einen anderen verursachte der Zielkonflikt zwischen dem denkmalpflegerischen Anspruch, das Haus mit restaurierten Originalbauteilen und wenigen Repliken auf den Stand von 1959 zu bringen und gleichzeitig alle technischen Anforderungen normgerecht zu erfüllen.
Diesen aufzulösen, erforderte eine aufwendige, oft baubegleitende Planung und Expertise bei allen Beteiligten. Weil Berechnungsgrundlagen einen solchen Fall nicht kennen, und weil es vor Planungsbeginn keine ausreichende Grundlagenermittlung gegeben hat, entstanden große Abweichungen von den angenommenen Baukosten und Honoraren. Bauzeitverlängerung, Kostensteigerung und Krisen, mit denen niemand gerechnet hatte, sowie Anschuldigungen in alle Richtungen waren die Folge. Insofern ist der Prozess keine Werbung für denkmalgerechte Sanierung und Bauen im Bestand. Die neue alte Beethovenhalle ist es schon.