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12.01.2023

Architektur als politisches Projekt

Zum Tod von Renée Gailhoustet


Von Florian Hertweck

Es war einer dieser beglückenden Momente, als ich mit dem Kritiker Niklas Maak, dem Architekten Arno Brandlhuber und dem Filmemacher Christopher Roth vor knapp fünf Jahren nach Ivry-sur-Seine südwestlich von Paris reiste, um ein Gespräch mit der französischen Architektin Renée Gailhoustet zu führen. Sie empfing uns in ihrer Geschosswohnung des Gebäudes Liégat, das sie seinerzeit selbst entworfen hatte und zur Miete bewohnte. Sofort zog uns das dynamische Raumgefühl in den Bann. Auch die großzügige, als Garten angelegte Terrasse, auf der ein Kirschbaum wuchs, beeindruckte uns. Vor allem aber waren wir von der vollkommen unprätentiösen Art der Gastgeberin berührt. Dabei hat sie Geschichte geschrieben. Als eine der ersten selbstständigen Architektinnen in Frankreich, vor allem aber mit ihrem architektonischen Werk. Dies ist mittlerweile in der ganzen Welt bekannt, obwohl es kaum ein Buch der modernen Architekturgeschichte aufgenommen hat – was weniger über Gailhoustets Werk als vielmehr etwas über die orthodoxe Geschichtsschreibung aussagt.

Als Französin in Algerien geboren, kommt sie als 18-Jährige nach Paris, um Philosophie zu studieren. Sie sei aber eine schlechte Philosophin gewesen, so Gailhoustet über sich selber, weil sie sich zu sehr für Politik interessiert habe. Sie engagiert sich in der Kommunistischen Jugend, und ein Anekdote besagt, dass sie beim Verteilen von Flugblättern von einem Schlägertrupp Jean-Marie Le Pens angegriffen worden sei, der ihr persönlich die Nase gebrochen habe. Glücklicherweise sattelt sie auf Architektur um, schreibt sich 1952 an der Ecole des Beaux-Arts in das berühmte Atelier von Marcel Lods ein, der als einziger Professor Studentinnen akzeptiert. Hier lernt sie ihren späteren Lebenspartner Jean Renaudie kennen, einen der Gründer des legendären Atelier Montrouge. Nach ihrem Studium arbeitet sie kurz im Büro von Georges Candilis und schließlich für Roland Dubrulle, der mit den Umbaumaßnahmen von Ivry-sur-Seine betraut ist – damals ein sanierungsbedürftiger Arbeitervorort von Paris. 1969 wird sie selbst zur Chefarchitektin von Ivry ernannt.

Im Tandem mit Renaudie, den sie nach Ivry holt, plant sie für die ebenfalls kommunistische Direktorin der kommunalen Wohnungsbaugesellschaft Raymonde Laluque den Umbau der Stadt. In dessen Zentrum steht der soziale Wohnungsbau, aber gemeinsam wollen sie die formale und funktionale Einförmigkeit des Massenwohnungsbau ihrer Zeit überwinden. Anders als die oftmals monofunktionalen und standardisierten Anlagen der Großsiedlungen – der berüchtigten Grands Ensembles – arbeiten sie an komplexen Geometrien, an vielfältigen Wohnformen innerhalb eines Gebäudes, an generösen öffentlichen und privaten Außenanlagen und an der Integration komplementärer Funktionen. Dabei entwickeln sie auch das so genannte Local Collectif Résidentiel, einen Gemeinschaftsraum, der für alle Bewohner zur Verfügung steht, und den man als einen Vorgänger der Gemeinschaftsräume moderner Baugruppen und Genossenschaften interpretieren kann.

„Wir waren in einer vollkommen öffentlichen Verkettung der Bodenentwicklung: vom Grundstückseigentümer – der Gemeinde – über die Bauherrschaft bis zum Vertrieb – beide in Händen der kommunalen Wohnungsbaugesellschaft, die die Wohnungen allein vermietete“, so Gailhoustet in unserem Gespräch, in dem sie den öffentlichen Sektor als Quelle der Freiheit pries, während ihre Erfahrung mit privaten Bauherren eher abstoßend gewesen seien, weil diese hauptsächlich an den Profiten der Projekte interessiert waren. Insbesondere Wohnungen dürften keine Ware sein, weil eine Wohnung nichts sei, was Menschen konsumieren. So steht Ivry als herausragendes Beispiel der öffentlichen Raumproduktion aus einer Zeit des Aufbruchs, des Engagements und des Experimentierens, wenige Jahre bevor sich der Zeitgeist auch in Frankreich änderte.

Für meine im Frankreich der 1990er Jahre sozialisierte Generation, die in den Hochschulen in die Grabenkämpfe zwischen Neo- und Postmodernisten geriet, die zwar beide vorgaben, politisch zu sein, aber allesamt hochgradige Formalisten waren, war das Werk von Gailhoustet und Renaudie ein Weg, wieder zu einer Architektur zu finden, die einen sozialen und politischen Anspruch hat, ohne dabei die Gestaltung der Architektur zu vernachlässigen (was den selbstbewusst auftretenden Soziologen völlig abging). Wir pilgerten nach Ivry, nach Aubervilliers und La Courneuve, auch weil wir ahnten, dass sich in der Zwischenstadt und nicht in der Innenstadt die Zukunft unserer Disziplin entscheidet. Und dass es hier nicht um die scharfe Trennung von öffentlichen Räumen und privaten Blocks mit mineralischen Fassaden ging, sondern wie in den Projekten von Gailhoustet und Renaudie um Durchlässigkeit und soziale wie funktionale Heterogenität. Und dass diese Haltung architektonisches Experimentieren keineswegs ausschließt.  

Nach der Repolitisierung des Architekturdiskurses im vergangenen Jahrzehnt wurde Gailhoustet ganz spät zu einer Ikone der jüngeren Generation, die erst im hohen Alter ihre Anerkennung erhielt. Zuerst 2018 mit der Médaille d’honneur der altehrwürdigen Académie d’Architecture, dann 2019 mit dem Großen Kunstpreis Berlin, 2022 schließlich mit dem Architekturpreis der Royal Academy of Arts. Ihr erstes Projekt in Ivry, das Hochhaus Raspail, wurde letztes Jahr gar in die Denkmalliste aufgenommen. Dabei musste sie 1999 noch ihr Büro schließen, weil sie keine Aufträge mehr erhielt. Die Gesellschaft sei früher insgesamt linker gewesen, das habe sich geändert, sagte sie dann lakonisch am Ende unseres Gesprächs. Neben ihrem herausragenden Werk wird von ihr die Haltung bleiben, Architektur als kritische, politische Raumproduktion zu begreifen. Am 4. Januar ist Renée Gailhoustet im Alter von 94 Jahren gestorben.


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Renée Gailhoustet (1929–2023)

Renée Gailhoustet (1929–2023)

Das Ensemble „Jeanne Hachette“ (1972–1975) in Ivry-sur-Seine entstand in Zusammenarbeit mit Jean Renaudie. Foto: Guilhem Vallut, Wikimedia Commons, CC BY 2.0

Das Ensemble „Jeanne Hachette“ (1972–1975) in Ivry-sur-Seine entstand in Zusammenarbeit mit Jean Renaudie. Foto: Guilhem Vallut, Wikimedia Commons, CC BY 2.0

„Jeanne Hachette“ (1972–1975) in Ivry-sur-Seine. Foto: Chabe01, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0

„Jeanne Hachette“ (1972–1975) in Ivry-sur-Seine. Foto: Chabe01, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0

Renée Gailhoustet bei der Produktion des Films „Block 8“ (2016) von Sami Lorentz und Audrey Espinasse

Renée Gailhoustet bei der Produktion des Films „Block 8“ (2016) von Sami Lorentz und Audrey Espinasse

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