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05.01.2026

Pneumatische, lebendige Architektur

Zum 90. Geburtstag von Hans-Walter Müller


Am 25. Dezember 2025 hat Hans-Walter Müller seinen 90. Geburtstag gefeiert. Bis heute verschiebt Müllers vielfältige Arbeit innerhalb der pneumatischen Architektur die Zuschreibungen, die üblicherweise mit Tragluftarchitekturen verbunden sind. Denn während Tragluftvolumen gemeinhin als temporäre Strukturen oder utopische Randphänomene der 1960er und 1970er Jahre verhandelt werden, steht Müllers Lebenswerk für eine kontinuierliche, über Jahrzehnte geführte Weiterentwicklung dieser Konstruktionsweise.

1935 in Worms geboren, studierte Müller Architektur in Darmstadt und Paris. Parallel zu Studium und Berufstätigkeit als Architekt realisierte er in Paris eigene Arbeiten in den Bereichen Kinetische Kunst und Projektion. Ende der 1960er Jahre fand Müller in der Arbeit mit transparenten Kunststoffhüllen – deren Form und Bewegung er durch Luftdruckunterschiede zwischen Innen- und Außenraum bestimmen konnte – ein konstruktives Prinzip, das es ihm erlaubte, die bis dahin getrennten Tätigkeitsfelder als Künstler, Ingenieur und Architekt zusammenzuführen. Tragluftvolumen waren für Müller die Synthese der Auseinandersetzung mit Projektion, Bewegung und Architektur. 

Nachdem luftgetragene Architekturen Ende der 1960er Jahre international breite Aufmerksamkeit erfuhren und auf der Weltausstellung in Osaka 1970 den Höhepunkt ihrer Sichtbarkeit erreichten, ebbte das Interesse an pneumatischen Konstruktionsweisen in den folgenden Jahren rasch ab. Müller entschied sich fast zeitgleich und ungeachtet dieser Entwicklungen für die langfristige Auseinandersetzung mit pneumatischen Konstruktionen. 1969 investierte er in eine eigene Hochfrequenzschweißmaschine und löste sich damit von den Abhängigkeiten externer Produktion. Entwurf, Konstruktion und Herstellung der Volumen wurden zusammengeführt und ermöglichten die kontinuierliche Weiterentwicklung konstruktiver Prinzipien und Formensprache. Diese Entscheidung markiert den Ausgangspunkt eines Werks, das innerhalb der Tragluftarchitektur ohne Parallele ist.

Eine zentrale Stellung im Œuvre Müllers nimmt sein eigenes Wohn- und Atelierhaus in La Ferté-Alais südlich von Paris ein. Seit 1971 lebt Müller dort in einem aufblasbaren Volumen. Dieses Volumen widerlegt die verbreitete Wahrnehmung von Tragluftarchitekturen als grundsätzlich kurzlebige Bauwerke. Es besteht inzwischen länger als manche Stahlbetonbauten. Seine Dauerhaftigkeit beruht nicht auf der Materialstärke, sondern auf einem gewissenhaften Umgang mit dem Objekt und seiner kontinuierlichen Instandhaltung. Müller selbst beschreibt sein Haus als lebendigen Körper, dessen Gesundheitszustand über den Luftdruck kontrolliert wird. Eine Architektur, die sich nicht im Zustand der Fertigstellung erschöpft, sondern im Gebrauch dauerhaft im Wandel begriffen bleibt.

Zuletzt realisierte Müller Tragluftvolumen für das Musée d’Art et d’Histoire in Genf (2025) und für die Stadt Gelsenkirchen (2024). Diese Arbeiten machen deutlich, dass er bis heute jedes Projekt als Anlass zur gezielten Weiterentwicklung pneumatischer Konstruktionsweisen begreift. Das Volumen in Genf wurde in die bestehende Architektur des Museums integriert und umschließt eine Fußgängerbrücke, die den direkten Übergang von der massiven Bestandsarchitektur in die Luftarchitektur ermöglicht. Damit entsteht ein räumlicher Zusammenhang, in dem die Tragluftarchitektur nicht als externer Zusatz, sondern als räumliche Fortsetzung des bestehenden Gebäudes erfahren werden kann. In Paris wie auch Gelsenkirchen lassen sich durch das Zuschalten von Ventilatoren separate Volumen kontrolliert füllen oder entleeren, wodurch Form, Raumwahrnehmung und akustische Eigenschaften der Architektur situativ verändert werden können.

Diese Haltung des dauerhaften Erprobens wird seit Jahrzehnten auch durch Müllers Lehrpraxis getragen. In Workshops an Architekturhochschulen vermittelt er Studierenden die konstruktiven Prinzipien und die Produktion pneumatischer Architekturen im Maßstab 1:1. So beispielsweise 2022 in Berlin, als er mit Studierenden der Sommerschule der Universität der Künste die Glashalle der Neuen Nationalgalerie bespielte. Jeder Workshop ist einem thematischen Schwerpunkt gewidmet, dessen Erkenntnisse unmittelbar in Müllers architektonische Praxis zurückfließen. Umgekehrt bilden die dort gewonnenen Erfahrungen die Ausgangslage für neue Fragestellungen, in der Lehre ebenso wie im Entwurf. Entwerfen, Bauen, Lernen und Lehren bleiben bei Müller bis heute untrennbar miteinander verbunden.

Text: Robert Stürzl


Zum Thema:

2022 haben wir Müllers Architektur eine Ausgabe der BauNetz WOCHE gewidmet. In ihr diskutiert Robert Stürzl den Werdegang Müllers seit den 1960er Jahren sowie sein faszinierendes Wohn- und Atelierhaus in La Ferté-Alais.


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Hans-Walter Müller und seine Assistentin, Architektin Josephine Harmer, in Genf im Jahr 2025

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Blick in das Volumen TONUTOPIE in Genf, 2025

Blick in das Volumen TONUTOPIE in Genf, 2025

Schnitt durch das Volumen TONUTOPIE in Genf, 2025

Schnitt durch das Volumen TONUTOPIE in Genf, 2025

Im Innern des Volumens TONUTOPIE in Genf, 2025

Im Innern des Volumens TONUTOPIE in Genf, 2025


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