Neues Europäisches Bauhaus
Zu Ursula von der Leyens EU-Initiative
Ein Kommentar von David Kasparek
Als EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen am 16. September dieses Jahres ihre Rede zur Lage der Europäischen Union hielt, stieß das im architektonischen Fachdiskurs hierzulande auf erstaunlich wenig Resonanz. Das muss zunächst nicht viel heißen: Die wenigsten Äußerungen aus Brüssel und Straßburg erzeugen ja einen sonderlich großen Widerhall in Deutschland. Dass die Rede dieses Mal aber so geräuschlos verklang, erstaunt dann doch, denn von der Leyen kündigte nichts weniger an als die Einrichtung einer gesamteuropäischen Architekturinstitution, von der EU initiiert und gefördert.
Im für die architektonische Fachwelt besonders interessanten Teil der Rede sagte von der Leyen: „Unsere Gebäude verursachen 40 Prozent unserer Emissionen. Sie müssen weniger verschwenderisch, weniger teuer und nachhaltiger werden. Und wir wissen, dass sich der Bausektor sogar von einer Kohlenstoffquelle in eine Kohlenstoffsenke verwandeln kann, wenn organische Baumaterialien wie Holz und intelligente Technologien wie KI eingesetzt werden. (…) Aber dies ist nicht nur ein Umwelt- oder Wirtschaftsprojekt: Es muss ein neues kulturelles Projekt für Europa sein. Jede Bewegung hat ihr eigenes Aussehen und ihre eigene Ausstrahlung. Und wir müssen unserem Systemwandel eine eigene Ästhetik geben – um Stil und Nachhaltigkeit miteinander in Einklang zu bringen. Aus diesem Grund werden wir ein neues Europäisches Bauhaus errichten – einen Raum der gemeinsamen Schöpfung, in dem Architekten, Künstler, Studenten, Ingenieure und Designer zusammenarbeiten, um dies zu verwirklichen.“
Interessant ist dabei mehrerlei: Zum Ersten das Bekenntnis zur Gestaltung als kulturellem Gut, das für die Bevölkerung in der EU und ihre Institutionen einen relevanten Mehrwert darstellen kann; zum Zweiten der Hinweis auf das Potenzial einer Kohlenstoffsenke dank veränderter Konstruktionen und zum Dritten die Genese der Idee. Ursula von der Leyen wird in Umweltthemen nämlich unter anderen vom Klimaexperten Hans Joachim Schellnhuber beraten, der als eine der renommiertesten Stimmen im Bereich der Klimafolgenforschung weltweit gilt. Schellnhuber hatte Ende letzten Jahres einen Kreis unterschiedlicher Akteur*innen nach Caputh vor die Tore Potsdams geladen. Mit dabei waren neben anderen Kulturstaatsministerin Monika Grütters, die Bundesvorsitzende der Grünen Annalena Baerbock, Unternehmerin Brigitte Mohn, Künstler Ólafur Elíasson, Regisseur Volker Schlöndorff – sowie Architekt*innen wie Annette Hillebrandt, Heiner Farwick und Werner Sobek. Diese illustre Runde verständigte sich am 16. Dezember 2019 auf eine „Erklärung von Caputh“. Sie ist mit „Das Bauhaus der Erde“ überschrieben und nimmt wiederum direkten Bezug auf das Papier, das der Bund Deutscher Architektinnen und Architekten BDA am 25. Mai 2019 in Halle an der Saale unter dem Titel „Das Haus der Erde“ verabschiedete.
Es ist ein bemerkenswertes Papier, das Schellnhuber und seine Mitstreiter*innen da aufgesetzt haben: Es nimmt die Architektur und den gesamten Bausektor in die Pflicht, ihren Teil zum Erreichen der Pariser Klimaziele beizutragen. Mit Verweis darauf, dass der Hoch- und Tiefbau-Sektor mit seinen unveränderten Konstruktionsmethoden „den Großteil des verblebenden Kohlenstoffbudgets der Menschheit aufzehren“ dürfte, wird eindringlich an die globale Verantwortung der Architekturschaffenden appelliert. Im Klartext heißt das: Holz, Lehm und nachwachsende, Kohlenstoff bindende Rohstoffe statt Beton. Da dies aber in „Politik und Öffentlichkeit weitgehend unbekannt“ sei, so das Papier, müsse vor allem auch auf politischer Ebene gehandelt werden: Die Bauhaus-Idee solle wieder aufgegriffen und mithin ein holistisches Gestaltungsverständnis mit einem positiv in die Zukunft gerichteten Blick verbunden werden. Den Initiatoren von „Das Bauhaus der Erde“ ist dabei klar, dass „die Wirklichkeit am Bauhaus dem humanistischen Ideal nicht immer gerecht wurde“. Spannend wäre es dennoch, die Idee eines ganzheitlich agierenden Denklabors in unsere Zeit zu transferieren und die akuten Fragestellungen mit EU-Förderungen behandeln zu können. Viele Architekt*innen haben darüber in der Vergangenheit nachgedacht, manche Versuche wurden unternommen. Gesamtgesellschaftlich wirkungsvoll konnte aber keiner dieser Ansätze verfangen.
Welche baulichen Lösungen dabei helfen können, ist einigen in der Fachwelt hinlänglich bekannt – Initiativen wie Architects for Future fordern schon seit geraumer Zeit ein grundsätzliches Umdenken. Allein: Viele Architekt*innen haben ihr Handeln noch immer nicht nachjustiert, auch und vor allem mit Hinweis auf die politischen Rahmenbedingen. Die notwendige Abkehr vom Beton, eine Hinwendung zu Kohlenstoff bindenden Materialien und Kreislaufwirtschaft – all das greift nach der „Erklärung von Caputh“ nun auch Ursula von der Leyen in ihrer Rede direkt auf, bis hin zum Titel des Papiers. Mit einem Gastbeitrag in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung an diesem Wochenende unterstreicht sie all dies noch einmal und schreibt hier, die EU wolle „eine neue Europäische Bauhaus-Bewegung“ anstoßen.
Fünf Projekte sind dafür in den kommenden zwei Jahren geplant. „Sie sollen ein kreatives Experimentallabor und Andockstelle für europäische Industrien sein und Ausgangspunkt für ein europa- und weltweites Netzwerk, das die wirtschaftliche, ökologische und soziale Bedeutung über das individuelle Bauhaus hinaus erweitert“, so von der Leyen. Die EU wolle dem unlängst angestoßenen Green Deal helfen, mehr Fahrt aufzunehmen, aber auch „den notwendigen gesellschaftlichen Diskurs über neue Bauweisen und Designformen anregen“. Wenn die Verankerung eines solchen Diskurses gelänge, vor allem aber die Schaffung eines gestalterischen Möglichkeitsraums im Rahmen eines großangelegten Reallabors, wäre in der Tat viel gewonnen, um die Pariser Klimaziele mittels Architektur zu erreichen. Und die Architektur selbst könnte so, als integraler Bestandteil des Erfüllens dieser Ziele nämlich, jene auch in der gesellschaftlichen Breite wahrgenommene Relevanz erlangen, die von Architekt*innen zuletzt immer wieder vergeblich eingefordert wurde.
Das Bauhaus ist eine Schule und somit eine Idee und Methode. Es geht um Interdisziplinarität und neue Ansätze und Methoden. Um nichts weniger und da hat Frau von der Leyen die richtige Metapher bemüht.
Sie haben Recht. Unter derzeitigen "Marktbedingungen" geht das nach hinten los. Mit dem Führungspotenzial derjenigen, die das ausrufen mit der Prämisse zudem der Regeln der "Profitmaximierung" von "Betongold" und ohne neue Ansätze zur "Bodenfrage" geht gar nichts. Dennoch: es gilt da, neue Ansätze zu erkunden und neue (Zweck-) Bündnisse zu schmieden. Alleine die Einschätzung, welche Kipppunkte vor oder unter uns liegen ist höchst strittig. Das sollte aber nicht den Mindestkonsens bei der Einschätzung der prekären Situation mindern.
Einen Club für Egomanen braucht man nicht. Man konnte schon beim letzten Projekt des Werkbunds (auch so eine Mottenkiste) in Berlin beobachten, wie Scheitern richtig geht. Das sind Marken aus der Vergangenheit, die rein museal sind und nicht mehr mit Inhalt gefüllt werden können. Ob Bauhaus oder Hohenzollernschloss, diese Vergangenheitssucht endet mit einem bösen Kater.
Ob ein neues Label für das "Bauhaus" das schafft oder welcher Anreize und Stimuli es sonstwie bedarf - das sei erst einmal dahingestellt.
...kritik... ja, der herr mike meiré hat seine kritik dann kürzlich zum thema bauhaus etwas perspektivischer als sie verlauten lassen: "Wo is the latest shit? Wo ist das denn? Wo passiert das denn? Wo ist der Merger? Wo ist hier Fashion? Wo ist Musik? Wo ist Architektur? Ich seh' so ein paar Prints, ein paar Poster. Aber das ist es noch nicht. Bauhaus, was soll das denn? Die werden jetzt 100 Jahre alt... Ich kann mich doch daran nicht mehr erlabern. Es muss doch weitergehen. Wo sind die Magazine? Wo ist die Inspiration? Wo ist Augmented Reality? Wo ist das alles? Wo sind die Oculus Rift Brillen? Das ist alles so eine Komfortzone."