Lücke mit Ausblick
Wohnungsbau in Berlin von Max Hacke und Leonhard Clemens
Auf einer Grundfläche von gerade einmal sechs mal neun Metern konnten Max Hacke und Leonhard Clemens (beide Berlin) im Februar dieses Jahres ein Wohnhaus fertigstellen, das eine Lücke in einem Berliner Hinterhof füllt. Inmitten der Gründerzeitbauten im Ortsteil Prenzlauer Berg wirkt das turmartige Volumen auf den ersten Blick wie ein Fremdkörper. Dennoch schlägt das Hinterhaus 6x9 eine Brücke zwischen Alt und Neu. Dies eröffnet sich den Betrachter*innen jedoch nur aus der Luftperspektive. Denn erst diese offenbart die große, auf dem benachbarten Bestandsbau angelegte Dachterrasse, die über einen Steg mit dem neuen, kleinen Hinterhaus verbunden ist.
Die Architekten wollen das Hinterhaus 6x9 als Prototyp verstanden wissen, mit dem sie den Ansatz verfolgen, „kleinste städtische Restflächen nachhaltig zu bebauen“. Im Hinterhof im beliebten Bötzowviertel brachten sie auf den sieben Geschossen des Neubaus sieben kleine Wohnungen unter, die über eine Fläche von je 38 Quadratmetern verfügen. Zusätzlich bauten sie das Dachgeschoss des Bestandsbaus mit vier weiteren Einheiten aus, die zwischen 50 und 65 Quadratmeter groß sind. Drei davon besitzen einen direkten Zugang zur Dachterrasse. Die Terrasse sei kein verschwenderischer Luxus, sondern „das geschickte Auslegen der Berliner Bauordnung, die einen zweiten baulichen Rettungsweg über das Dach vorschreibt“, so die Architekten. Hieraus habe sich die Idee entwickelt, eine Fläche mit „gemeinschaftsbildenden Qualitäten für die Bewohner*innen des gesamten Hauses“ zu schaffen. Der Zugang erfolgt jedoch nur über den Neubau; einen direkten Zugang vom Treppenhaus des Altbaus zur Terrasse gibt es nicht.
In seiner reduzierten Materialität erinnert das Haus an die Schlichtheit des ebenfalls von Max Hacke sowie von Gustav Düsing entworfenen, vielfach ausgezeichneten Studierendenhauses in Braunschweig. Die schlichte, graue Putzfassade des schmalen Wohnturms kombinierten die Architekten mit einem skulptural anmutenden Treppenhaus, das sie mit weißem Wellblech verkleideten.
Im Inneren dominieren einfache, robuste Materialien. Die Einheiten im Hinterhaus verfügen je über ein Bad, eine Wohnküche, eine Schlafnische sowie einen fast sechs Quadratmeter großen und nach Süden ausgerichteten Balkon. In den neu geschaffenen Wohnungen im Vorderhaus sind die eingestellten Treppen raumprägend. Sie führen über eine Dachluke zur Terrasse und dienen gleichzeitig als raumtrennendes Element.
Ein besonderes Detail, das Hacke und Clemens ebenfalls als Prototyp verstanden wissen wollen, ist die Küchenzeile. In der Berliner Bauordnung für Mietwohnungen wird festgelegt, dass der Vermieter Spüle, Herd und Ofen zur Verfügung zu stellen hat. Hacke und Clemens entwarfen eine schlichte Variante aus Edelstahl, die von den Mieter*innen nach Belieben durch Standardmodule ergänzt werden kann. Eine höhenverstellbare Edelstahlstütze ermöglicht den Einsatz auch in anderen Wohnungen.
Die Baukosten für das Projekt mit einer Bruttogrundfläche von 750 Quadratmetern werden mit zwei Millionen Euro angegeben. Hacke und Clemens übernahmen die Leistungsphasen 1–5, das Büro Rautenbach Architekten aus Berlin zeichnet für die Bauleitung verantwortlich. (dsm)
Fotos: Max Hacke, Leonhard Clemens
Ebenfalls in einem Hinterhof im Prenzlauer Berg konnten Appels Architekten aus Zürich eine Nachverdichtung realisieren.
Dennoch sind diese Anforderungen kreativ gelöst worden, also Glückwunsch an die Planer:innen! Die Baukosten sprechen trotz des weniger guten Verhältnisses von Erschließungs- zu Wohnfläche eine deutliche Sprache. Was ich allerdings absolut nicht nachvollziehen kann, ist, wie unterschiedlich innerhalb Berlins, ja sogar innerhalb eines (!) Bezirks wie Pankow die geltende Bauordnung ausgelegt wird: 50 % Barrierefreihe Wohnungen (Bäder)? Fehlanzeige! Notwendige Kinderspielfläche? Offensichtlich nicht vorhanden. Wurde bei mir im selben Bezirk für kleine Apartments erst nachgefordert (Abweichung nur bei Wohneinheiten < 25 m²) Abstandsflächen Aufdachterrasse? Vermutlich mit Nachbarzustimmung. Aber in der Größe aus Sicht des Stadtplanungsamtes genehmigungsfähig? Dazu kommt: keine Dachbegrünung, keine PV-Anlage. Ok, wird nicht geprüft. Dennoch: Wie ist das möglich? Wie kann innerhalb eines Bezirks und sowieso innerhalb einer Stadt so unterschiedlich gehandelt werden? Werden da Koffer voll Geld in die Ämter getragen? Ich will niemandem was unterstellen, aber solche Fragen stellen sich mir mittlerweile. Ich lerne aber auch gerne dazu. Und sowieso: Warum gibt es über 30 Jahre nach Wiedervereinigung im Westen der Stadt immer noch eine BauNVO, von der ständig mittels extra Anträgen abgewichen/befreit werden muss (GRZ, GFZ, Bebauungstiefe, ...) während im Osten der Stadt § 34 BauGB gilt? Können wir den 34er bitte langsam mal auf die gesamte Stadt anwenden? Es ist so frustrierend. Doch dafür können die Planer:innen dieses Projekts nichts. Also noch mal Glückwunsch für die gelungene Arbeit!
Der außenliegende Sicherheitstreppenraum ist vielleicht an den Mindestabständen zwischen den Türen gescheitert. Kurioserweise wird da nämlich ein Mindestabstand von 1,5 m gefordert (und auch das nur bei dreiseitig offenem Gang, ansonsten 3 m), für den innenliegenden Sicherheitstreppenraum hingegen nicht. Ich habe mich schonmal gefragt, ob es möglich wäre, die Türen einfach unmittelbar hintereinander anzubringen, wobei eine in Richtung des Treppenraums aufschlägt, die andere in Richtung Wohnung (entsprechend Platz im Treppenraum vorausgesetzt), mit einem 10 cm langen Flur zwischen den Türen ... Außerdem hab ich mal gehört, in der Schweiz wird überhaupt kein zweiter Rettungsweg verlangt, es genügt vielmehr, daß die Wohnungstüren T30 sind. Ich frage mich, ob das stimmt, und ob man das irgendwo nachlesen kann, und ob das irgendwie auf Deutschland übertragbar wäre ... Ich finde, der Brandschutz ist in Deutschland übertrieben. Da werden Treppenraumlösungen, die wie in diesem Beispiel zu ungünstigen Grundrissen führen, als große Vereinfachung verkauft und nichtmal bei derartigen Gebäuden mit einer einzelnen kleinen Wohnung pro Geschoß Ausnahmen ermöglicht.
Erstmal besser machen ;)