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22.06.2021

Tradition in Welle und Farbe

Wohnungsbau in Amsterdam von Korth Tielens und Marcel Lok


In Deutschland ist Wahljahr, und in Amsterdam zeigt die Architektur, wie ein Wahlergebnis ausfallen könnte: eine Ampelkoalition, in Backstein gebaut. Auf der einen Straßenseite eine Zeile mit schmalen, viergeschossigen Reihenhäusern in dunkelrotem Stein. Gegenüber eine Zeile mit Geschosswohnungsbau in Gelb, darin zwei aus dem Backstein in den Straßenraum hineingewellte Passagen, die in den Gemeinschaftshof führen. Dort sind die Backsteine grün. Der ungewohnt farbenfrohe Entwurf stammt von den jungen Amsterdamer Büros Korth Tielens Architecten und Marcel Lok Architects.

Dabei ist ein solcher Backsteinexpressionismus in Holland keine Ausnahme, schon gar nicht in diesem Viertel: Die Neubauten stehen im Stadteil Spaarndammerbuurt in Amsterdam, der bekannt ist für seine Wohnblöcke im Stil der Amsterdamse School. Diese pflegte zu Beginn des 20. Jahrhunderts einen liebevoll gedämpften Expressionismus mit weichen Wellen, Erkern, hoch aufragenden Türmen und – bei aller künstlerischen Ambition – einen klaren Blick für die Funktionalitäten des Wohnens. Allein der Wohnblock Het Schip (1919-1921) von Michel de Klerk, der nur einen Block entfernt steht, macht den Besuch des Viertels lohnenswert. Nun gibt es hundert Jahre später auch einen zeitgenössischen Hingucker.

Das über beide Seiten einer Straße führende Grundstück war im Besitz der Stadt. Hier hatte seit 1978 ein Schulgebäude quer über die Krommeniestraat geführt, das aber immer ein Fremdkörper im Stadtteil geblieben sei, heißt es in der Pressemitteilung. Inzwischen ist die Schule umgezogen, und ihr gar nicht so altes Schulgebäude wurde abgerissen, damit die Straße ihr altes Bild zurückerhält. Private Bauträger mussten sich für das freigewordene Grundstück mit einem architektonischen Konzept bewerben, dessen Qualität auch im Projektverlauf immer wieder von der Stadt überprüft wurde. 2016 gewannen der Entwickler Heijmans Vastgoed dieses Vergabeverfahren mit dem gemeinsamen Entwurf der beiden Architekturbüros in Kooperation mit DS Landschaftsarchitekten und dem Künstler Martijn Sandberg.

In ihrem Entwurf greifen sie bestimmte Charakteristika der historischen Bauten auf, nicht nur im Material, sondern auch in der Formulierung von geraden, großen Blöcken, die an bestimmten Stellen verspielte und geschwungene Formen bekommen und damit insbesondere die Ein- und Durchgänge markieren. In den Gebäuden sind insgesamt 80 neue Wohnungen entstanden: 26 im geförderten, sozialen Wohnungsbau, 18 Miet- und 36 Eigentumswohnungen. Die Wohnungsgrößen variieren zwischen 35 und 157 Quadratmetern und zwischen einem und sechs Zimmern. Alle 36 Eigentumswohnungen sind „ground based houses“, die meisten davon mehrgeschossig und entweder um den Innenhof oder in dem dunkelroten Backsteinbau entlang der Straße zu finden. Dazu gibt es drei Gemeinschaftsräume im Erdgeschoss zur Straße sowie eine gemeinsame Tiefgarage.

Die Architekt*innen beschreiben ihre Neubauten als „unmissverständlich zeitgenössisch, aber mit so subtilen wie charakteristischen Bezügen zur Architektur der Amsterdamer Schule“. Der fünfgeschossige Riegel zur Straße (in gelbem Backstein) bildet zu beiden Seiten Staffelgeschosse mit runden Ecken und Terrassen. Rückseitig bildet er einen großen, fast quadratischen Innenhof, der zu allen Seiten von dreigeschossigen Wohnriegeln (in grünem, lasiert schimmerndem Backstein) gefasst wird. Ein hohes Bogentor führt an der Rückseite wieder hinaus und verbindet den Innenhof auch mit den westlich anschließenden Altbauten, hier sollen Gemeinschaftsgärten für die Nachbarschaft entstehen. Zur Krommeniestraat liegen zwei breite Portale, ebenfalls mit Rundbögen. Die Schrift in allen drei Passagenbögen und auf den Bodenplatten im Hof stammt von Martijn Sandberg, der hier mit den Zeiten spielt: In einem Bogen steht „Anno 1917“, in einem anderen „Anno 3025“.

Auf die gegenüberliegende Straßenseite setzen die Architekten einen langen Riegel mit 16 jeweils viergeschossigen Reihenhäusern, deren Erdgeschoss sowohl für Wohnen als auch für Gewerbe genutzt werden kann. Zwei vertikale Wellen in der langen Fassade aus dunkelrotem Backstein markieren die schmalen Durchgänge zum privaten Innenhof sowie den darunterliegenden Lagerräumen für die künftigen Besitzer. (fh)


Zum Thema:

Mehr zum „Neuen Traditionalismus“ in den Niederlanden steht in der BAUNETZWOCHE#568.


Kommentare:
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Ein quer über die Straße führendes Schulgebäude aus den 1970er Jahren musste dem neuen Wohnungsbau weichen, der nun die Blockrandbebauung auf beiden der Krommeniestraat und damit das Straßenbild wieder schließt.

Ein quer über die Straße führendes Schulgebäude aus den 1970er Jahren musste dem neuen Wohnungsbau weichen, der nun die Blockrandbebauung auf beiden der Krommeniestraat und damit das Straßenbild wieder schließt.

Mit groß ausgewölbten Portalen schwingt das Wohngebäude geradezu in den Straßenraum hinein und öffnet den Zugang und den Blick zum Innenhof mit seiner Fassadengestaltung in dem ungewöhnlichen, grün lasiertem Ziegel.

Mit groß ausgewölbten Portalen schwingt das Wohngebäude geradezu in den Straßenraum hinein und öffnet den Zugang und den Blick zum Innenhof mit seiner Fassadengestaltung in dem ungewöhnlichen, grün lasiertem Ziegel.

Für den Block auf der gegenüberliegenden Seite der Krommeniestraat wählten die Architekt*innen dunklen Klinker und ein anderes Fassadenspiel.

Für den Block auf der gegenüberliegenden Seite der Krommeniestraat wählten die Architekt*innen dunklen Klinker und ein anderes Fassadenspiel.

Variierende Mauerverbände und Farben des Ziegelsteins markieren die unterschiedlichen Orte des Ensembles.

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