Gerastert an der Loire
Wohnturm von LAN in Nantes
Das online verfügbare Satellitenbild verrät es noch nicht – nur ein umgegrabenes Baufeld ist an der Stelle zu sehen. Doch das 1,5 Hektar große Grundstück auf der ehemaligen Industrieinsel Île de Nantes an der Loire soll in naher Zukunft Standort für sechs Gebäude mit Mischnutzung, das Polaris District, werden. Erschwingliche, soziale und marktpreisübliche Wohnungen, Zimmer für Studenten, Gewerbe, Büros und Stellplätze sowie öffentlich zugängliche Freiflächen auf dem privaten Grundstück forderte der Bauherr, Kaufman & Broad. Zudem sollten Räumlichkeiten für eine Hotelmanagementschule integriert werden. Aus dem Wettbewerb im Jahr 2013 ging das Büro LAN – Local Architecture Network als Großplaner des ZAC Île de Nantes hervor. Den ersten Teil, ein 18-stöckiger Turm, konnte das Pariser Büro nun fertigstellen.
Großwohnbauten der 1970er Jahre, ein nie fertiggestellter, um innere Gärten organisierter Bürokomplex und Interventionen des von 2000 bis 2010 von Städteplaner Alexandre Chemetoff durchgeführten Umstrukturierungs- und Belebungsversuchs der Insel bilden den formalen Rahmen des Neubaugebietes. Diesem heterogenen Kontext scheint sich der Polaris Tower mit seiner flächigen und streng gerasterten Fassade zunächst entgegenzustellen – und durch die engperforierten, schieb- und versenkbaren Fensterläden sogar zu entziehen. Das stark reflektierende, gebürstete Aluminium jedoch schafft eine erneute Verbindung zu den umgebenden Bauten und den von base landscape architecture (San Francisco) gestalteten Freiräume, in deren Flucht es liegt.
Die Basis des Turmes, der das höchste Bauwerk des Gebietes bleiben wird, bietet Raum für 235 Quadratmeter Gewerbe, die sich zum Kai der Loire ebenso wie zum neuen Place Brossette im Blockinneren des Polaris Areals hin orientieren. Die Obergeschosse 1 bis 18 beherbergen Ein- bis Vierraumwohnungen, Maisonettewohnungen finden sich in den beiden obersten Stockwerken. Alle Wohnungen sind mit Loggien ausgestattet, die – bei geöffnetetn Fensterläden – weite Blicke über die Loire und ganz Nantes ermöglichen. (kms)
Fotos: Cyrille Weiner, Julien Lanoo
Wie gerne würde ich das dem Büro persönlich sagen.
Im vorliegenden Fall gibt es reihenweise Argumente gegen die doppelte Öffnung pro Etage mit schmalen, liegenden Fenstern: Kosten, Aufwand (Bauzeit, Wartung), Belichtung (zu gering), Erscheinungsbild, Gestaltbarkeit / Manipulierbarkeit (durch die Bewohner) etc. Dem gegenüber steht nur noch die Einzigartigkeit der Fassade, die - zugegeben - aus dem Üblichen heraussticht.
Es darf aber nicht sein, dass eine Vielzahl an Mängeln in Kauf genommen wird, nur weil sich der Entwerfer abheben und im Stadtbild verewigen will. Diesem ständigen Drang nach Geltung und Bedeutsamkeit muss ein verantwortungsvoller Architekt ehrlich gegenübertreten und widerstehen, bevor er so ein Unglück wie diese Fassade über hunderte Bewohner und einen Zeitraum mehrerer Jahrzehnte hinweg verstreut.