Bloß kein Standard
Wohnhausumbau von Jochen Klein in Berlin
Auf den ersten Blick scheint es ein klassischer Fall: Ein Altbau, saniert, auftgeteilt und weiterverkauft. Doch das Haus an der Greifswalder Straße in Berlin-Prenzlauer Berg sollte nicht wie die immergleichen Sanierungsprojekte sein. Katrin Groth hat den Architekten Jochen Klein getroffen.
40 Wohnungen, zwei bis fünf Zimmer und 45 bis 290 Quadratmeter groß, und zwei Gewerbeflächen gibt es in Vorder- und Hinterhaus, Seitenflügel und Gartenhaus von „35 BLN“, wie sich das Projekt nennt. Der vordere Teil ist modernisierter Bestand, der hintere Teil Neubau. Das Haus steht mitten im Milieuschutzgebiet, in dem die Umwandlung in Einzeleigentum eigentlich untersagt ist. Doch das Verbot gilt nicht für Gewerbeimmobilien – und der Altbau beherbergte zuletzt Ärztehaus, Werkstätten und Ateliers.
Verkauft wurden übrigens die fertigen Wohnungen, individuelle Wünsche waren keine vorgesehen. Wie kommen nun aber im Luxussegment eher spezielle Lösungen wie die Böden aus Gussbeton an? Viele kennen Gussbeton nicht, seien aber begeistert, wenn sie ihn sehen, so der Architekt: „Zukünftig würde ich solche Böden viel öfter gießen lassen.“
Jochen Klein ist Partner von Studio Libeskind, er leitete bereits zahlreiche Bauprojekte im deutschsprachigen Raum. Erst vom Züricher Libeskind-Büro aus, seit drei Jahren mit eigenem Büro. Projekte wie die Akademie des Jüdischen Museums in Kreuzberg, das Militärhistorische Museum in Dresden, das Sapphire in Berlin oder das Westside in Bern entstanden in dieser Zeit.
In der Greifswalder Straße waren dem Architekten offene Räume und Details wie die um 25 Zentimeter aus der Küchenwand herausgezogenen Unterschränke wichtig. Sie schweben über dem Boden, sodass man die Füße drunterstellen kann und nicht schräg an der Arbeitsplatte lehnt. Seine Küche in schlichtem Grau, mit bündigen Hoch- und Oberschränken und der Kombination mit dem Wohnraum ist ein Gegenentwurf zu den typischen Investorenküchen.
3.000 Euro pro Quadratmeter brutto lassen sich die drei Bauherren aus England und Israel den Umbau kosten. Dabei hatte der Architekt fast völlig freie Hand. Ein Traum für jeden Kreativen, sagt Klein. Ebenso erfreulich lief die Zusammenarbeit mit 100Landschaftsarchitektur (Berlin), die die Außenanlagen verantworteten. „Oft heißt es nur: Schönes Konzept, aber wir machen Standard. Hier nicht.“ Decken wurden geöffnet, Balken entfernt, kernsaniert. Teil der Strategie ist auch, Um- und Neubau komplett vorzufinanzieren. Putz abklopfen, die massiven Backsteinwände freilegen, sandstrahlen und schlemmen. Die Substanz sollte erhalten bleiben: alte Rundbögen, historische Kappendecken, Gussstützen. Ein altes Treppenhaus dient jetzt als Loggia. Bislang sind fast nur Eigennutzer eingezogen, zum Quadratmeterpreis von 6.600 bis 12.000 Euro. (kat)
Fotos: Hannes Francke, Mia Gourvitch, HEJM
Leider werden solche Berliner Beiträge immer nur unter dem Verdrängungsaspekt gesehen. Vielleicht wäre aber eine andere Rezeption durchaus wünschenswert. Wenn nämlich bisher als völlig banal geltende Hinterhofparzellen zu Höchstpreisen gehandelt werden und hier eine nie für möglich gehaltenen Wohnqualität Einzug hält, muss doch wohl an der urbanen Bauweise etwas dran sein? Und warum ist es nicht möglich, solche städtischen Areale neu zu schaffen. Nicht nur die neoliberale Wirklichkeit des Investorenstädtebaus ist hier zu konstatieren, sondern auch das Sekundieren dieser Fehlentwicklung durch Kommunalpolitiker und durch Architekten, denen die Bereitschaft zu solch qualitätvoller Intervention fehlt. Im Übrigen sind Preise und Kosten verschiedene Dinge. Mir scheint die Wohnanlage unter diesen Umständen sogar kostenbewusst geplant zu sein, und wäre vor 20 Jahren auch für ein "Butterbrot" übern Ladentisch gegangen - vergleichsweise.
Schätzungweise ca. 9.000-10.000.- Euro/Monat Finanzierungskosten, bei einer gängigen Finanzierung.
So, jetzt ihr, jenseits von "Neid", welcher "Job" gibt das her? Laut Tabelle ist das im Einkommensbereich der obersten 0,1% der Gesellschaft.
Darüber reden wir hier.... und dafür ist es, meiner einschätzung nach, auch nicht sooo umwerfend.
Die durchschnittliche Lebensleistung beträgt zwischen 1.5 und 2 mio Euro.... nur zum Vergleich.
Hat weniger mit Neid als mit Realismus zu tun.
Natürlich muss man Architektur im Kontext sehen, politisch, soziokulturell und auch wirtschaftlich.
Das ist doch selbstverständlich und ist z.B. im Zusammenhang von Nazi-Architektur auch völlig selbstverständlich.
Und natürlich muss Berlin sich langsam mal überlegen wo die Reise hingeht. Immobilienwirtschaftlich vor allem.
Arm aber sexy ist es schon lange nicht mehr. Wir sind am Preis-Level von Hamburg und München längst angekommen und dafür bieten wir hier aber einfach eine Menge Mangel.
Wohnungen im Bereich von über 1 Mio Euro kann sich auch ein Gutverdiener in der Regel nicht mehr leisten. ca. 80% der Käufer von Luxuswohnungen haben vermögen geerbt, nicht selbst verdient.
Wohnungen wie diese hier sind tatsächlich in der regel eher Geldanlagen, daher schwierig im Stadtgefüge. Mieten und Preise steigen in der Umgebung, Mieter werden verdrängt. Das ist im Grunde auch nichts neues und steuer-/beherrschbar, nur wird auf der Seite des sozialen Wohnungsbaues eben nichts gemacht.
ob dann irgendein Architekt die Wände schön tapeziert ist nur für das forum hier relevant, ja, für die viel grösseren Fragen der Gesellschaft aber eher unwichtig.
Es ist einfach zu viel crazy money unterwegs.... jeder weiss das.
ich freue mich über den Diskurs, will aber versuchen, es kurz zu halten:
- Profit: ich habe geschrieben, dass es Rückschlüsse auf den profit zulässt wenn man die Umbaukosten gegen die Verkaufspreise setzt. Ein "Nullsummenspiel" wie Sie kann ich hier nicht erkennen, auch ohne alle anderen für die Gesamtrechnung notwendigen Zahlen zu kennen. So hoch können die fehlenden Summen kaum sein, dass sich das hier nciht (sehr gut) rechnet. Grundsätzlich finde ich Projekte interessanter, die tatsächlich von den künfitgen Nutzern selbst entwickelt, finanziell getragen und gemischt genutzt werden, insbesondere größere Baugruppen wie Spreefeld, Möckernkiez, teilweise Holzmarkt, Dragonerareal... einer generellen ent-profitisierung der Stadtentwicklung kann ich wenig Schlechtes abgewinnen. OHNE dass deswegen nun jeder Investor einen Pferdefuss hat und Schwefel speit.
- Milieuschutz: die Intergration von kleinem Gewerbe im Mileuschutz (auch Praxen und Werkstätten) wäre ein diskutabler Punkt. Meiner ansicht nach gehört solches Gewerbe durchaus zum schützenswerten Gewebe der Stadt. Und ein profitorientierter Markt sorgt eben nicht für eine von uns allen als "gelungen" empfundene Mischung, sondern für die oft ziemlich gnadenlose Ausschlachtung derselben. Selbst die FDP sieht das langsam ein (oops, Polemik)
- die meisten Künstler in Berlin schlurfen nicht (soweit ich weiß) und nehmen durchaus lange Wege zum Atelier in Kauf. Über Spandau weiß ich zu wenig, aber in Hellersdorf zB gibt es längst Ateliers.
- herrje, wer stellt denn das so dar, das "Menschen mit gut bezahlten Jobs der Tod der Stadt sind"? das kann ich so nirgends lesen. Sie teilen die Menschen in gut bezahlte Erwerbstätige (in Berlin übrigens relativ selten zu finden) und kackfaule Andere, die nichts tun udn alles haben wollen. Das ist mir persönlich zu einfach und es fehlt an all den Zwischentönen, die die Realität ausmachen.
Kennen Sie übrigens Patrik Schumacher?